Gesundheit : Ein Wohnrad für das Weltall

Vergessener Raumfahrt-Pionier: Herman Potocnik

Stefan Jacobs

Die Raumfahrt kann auf 2004 als eines ihrer erfolgreichsten Jahre zurückblicken: Erst funkt der europäische „Mars Express“ sensationelle Bilder des Roten Planeten auf die Erde, dann fotografiert die amerikanische Saturn-Sonde „Cassini“ bisher kaum erforschte Monde des Ringplaneten und schließlich gelingen dem Konstrukteur Burt Rutan mit seiner Privatrakete „Space Ship One“ zwei spektakuläre Ausflüge zur Schwerelosigkeit.

Vielleicht waren einige dieser Projekte erst möglich, weil auch 1929 ein erfolgreiches Jahr für die Raumfahrt war: 75 Jahre vor den großen Erfolgen des letzten Jahres veröffentlichte der Austro-Slowene Herman Potocnik unter dem Pseudonym Hermann Noordung sein Buch „Das Problem der Befahrung des Weltraums“. Drei Jahrzehnte vor dem tatsächlichen Beginn der Raumfahrt entwickelt er darin Visionen, die vom Aufbau einer modularen Raumstation bis zu geostationären Satelliten reichen, die heute zu Hunderten mit der Erde kreisen.

Aus dem „technischen Traum“, schrieb Potocnik im Vorwort, sei eine lösbare „technische Frage“ geworden, um sich zunächst dem Problem der Reise zu widmen. Wie vor ihm schon Jules Verne verwirft er dabei die Idee, eine Rakete mit einer riesigen Pulverladung gewissermaßen zum Mond zu schießen: „Weil alles, was man diesem ,Geschossfahrzeug’ auf die Reise mitgäbe, sich schon in der ersten Sekunde der Reise zu Brei verwandelt haben würde.“ Als Alternative beschreibt er einen Raketenantrieb, der dank Rückstoßes auch in der Schwerelosigkeit funktionieren soll. „Ein Fahrzeug solcher Art in einfachster Ausführung stellt die bekannte Feuerwerksrakete dar“, schreibt Potocnik, und hat zum besseren Verständnis gleich eine Silvesterrakete dazugezeichnet.

Nachdem die Anreise geklärt ist, widmet sich Potocnik den Unbilden der Schwerelosigkeit für den Menschen, die bis dato noch niemand erfahren hatte. Seine Lösung ist ein „Wohnrad“, das durch permanente Rotation eine künstliche Schwerkraft erzeugen soll. Die Energie für die Raumstation soll über Parabolspiegel gewonnen werden, die das Sonnenlicht auffangen. Dritter Teil von Noordungs Station ist ein Observatorium, das durch Kabel und eine biegsame (Luft-)Rohrleitung mit den anderen Teilen verbunden wird. „Doch ist Vorsorge getroffen, daß die Belüftung des Gebäudes im Notfalle auch selbständig (...) vorgenommen werden kann.“

Die Lektüre illustriert auch dem Laien, dass an dem studierten Ingenieur und wegen Krankheit pensionierten Militär ein grandioser Lehrer und Erzähler verloren gegangen ist. Völlig verarmt und gesellschaftlich unbeachtet starb Potocnik Ende 1929 an einer Lungenentzündung. Sein im Berliner Verlag Richard Carl Schmidt erschienenes Buch wurde 1935 ins Russische, 1986 ins Slowenische und 1999 von der Nasa ins Englische übersetzt. Der deutsche Raketenkonstrukteur Wernher von Braun griff Potocniks Ideen auf und bescheinigte ihm einen „Löwenanteil zur Verwirklichung des Raumfahrtprogramms“.

Dank des von Arthur C. Clarke geschriebenen und von Stanley Kubrick verfilmten Romans „2001 – Odyssee im Weltraum“ wurden zwar seine Visionen – zum Beispiel das Wohnrad – weltweit bekannt, aber Potocniks Name war weiterhin allenfalls der Fachwelt bekannt. Sein Schlusswort, wonach die Probleme der Raumfahrt „nur nichtig erscheinen ob der überwältigenden Großartigkeit des dabei Erstrebten“, gilt weiter.

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