Gesundheit : Ein X für ein X

Frauen sind gesünder. Das ist nicht nur eine Sache der Hormone, sondern auch der Chromosomen

Hartmut Wewetzer

„Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht“, behauptete einst die Schriftstellerin Simone de Beauvoir in ihrem Buch „Das andere Geschlecht“. Biologen und Mediziner würden das heute mit gutem Grund bestreiten. Aus ihrer Sicht sind es das X- und das Y-Chromosom, die über das Geschlecht entscheiden – und damit über unser weiteres Schicksal. Auch für die Gesundheit hat der kleine Unterschied in den Chromosomen große Folgen, meint Barbara Migeon von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore im US-Fachblatt „Jama“.

Bei den Unterschieden von Mann und Frau wird immer zuerst auf die Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen geblickt. „Hormone sollten nicht ignoriert werden, aber auch nicht unseren Blick auf Unterschiede zwischen den Geschlechtern beherrschen“, meint Barbara Migeon. „Selbst dort, wo die Umwelt und hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern keine Rolle spielen, ist es eindeutig, dass die Erkrankungshäufigkeit und die Sterblichkeit von Männern größer ist.“

Den Grund dafür sieht Migeon zu einem wesentlichen Teil darin, dass Frauen zwei X-Chromosomen haben und Männer nur eins. Denn Männer haben anstelle des zweiten X-Chromosoms das Y-Chromosom, das vor allem eine Aufgabe hat: das männliche Geschlecht zu erzeugen. Aber während das Y-Chromosom im Laufe der Evolution geschrumpft ist und nur noch weniger als 100 funktionierende Erbanlagen trägt, besitzt das X-Chromosom mehr als 1000 aktive Gene.

Frauen haben also, was die Gene auf dem X-Chromosom angeht, die doppelte Dosis bekommen. Und das ist ein großer Vorteil, denn falls eine der Erbanlagen schadhaft ist, kann das Gen vom anderen Chromosom einspringen. Allerdings sind bei Frauen nicht zwei X-Chromosomen in derselben Zelle gleichzeitig aktiv. Eines der beiden X-Chromosomen ist immer „ausgeschaltet“ – einmal das von der Mutter und einmal das vom Vater. Genetiker sprechen von einem „Mosaik“, denn überall im Körper ist zufällig entweder das eine oder das andere X-Chromosom „angeschaltet“.

Bluterkrankheit, Duchenne-Muskelkrankheit, geistige Behinderung, Immunstörungen, Farbenblindheit und viele andere Leiden haben ihre Ursache in defekten Genen des X-Chromosoms. Sie befallen fast ausschließlich Männer, weil sie das schadhafte Gen nicht mit Hilfe der „doppelten Dosis“ ausgleichen können.

Daneben gibt es jedoch auch Krankheiten, die durch defekte Gene des X-Chromosoms ausgelöst werden und die scheinbar nur Frauen treffen. Etwa das Rett-Syndrom, ein schweres Hirnleiden. Aber diese Störungen sind so ausgeprägt, dass Erkrankte männlichen Geschlechts schon im Mutterleib sterben.

Eine Gruppe von Krankheiten, die mehr Frauen als Männer trifft, sind bestimmte Autoimmunleiden, zum Beispiel Gelenk- oder Schilddrüsenkrankheiten und die Hautkrankheit Sklerodermie. Auch bei ihnen könnte das X-Chromosom eine Rolle spielen, vermutet Barbara Migeon. Die Ursache dieser Störungen ist ein falscher Alarm der Körperabwehr. Das Immunsystem kann Freund und Feind nicht auseinander halten und attackiert körpereigenes Gewebe.

Damit es nicht zu dem Fehlalarm kommt, muss die Körperpolizei eine „Schule der Toleranz“ besuchen. In der lernt sie, körpereigene Eiweißstoffe nicht anzugreifen. Es könnte aber sein, dass versehentlich ein Protein, dessen Bauanleitung auf einem der beiden X-Chromosomen verzeichnet ist, nicht „Unterrichtsstoff“ ist. Etwa, weil dieses Chromosom durch Zufall in den meisten Zellen „abgeschaltet“ ist. Kommt es dann später der Körperpolizei unter die Augen, sieht diese rot – zu Unrecht.

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