Gesundheit : „Ein zukunftsfähiges Novum“

Dokumentiert: das Gutachten der Expertenkommission zur Zukunft der Berliner Hochschulmedizin

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Es wurde mit großer Spannung erwartet – nun liegt das Gutachten der Expertenkommission zur Zukunft der Berliner Hochschulmedizin vor. Der Tagesspiegel dokumentiert die wichtigsten Passagen aus dem 126 Seiten umfassenden Exposé. Das vollständige Dokument ist im Internet nachzulesen unter www. science.berlin.de

Warum kann man das Uniklinikum Benjamin Franklin nicht schließen?

Die Schließung des Fachbereichs Humanmedizin der FU hätte aus Sicht der Kommission auf wissenschaftlicher Ebene gravierende Nachteile (...). Mit Schließung der Fakultät und Umsetzung guter wissenschaftlicher Arbeitsgruppen würde der am Fachbereich Humanmedizin der Freien Universität eng mit der Grundlagenforschung verknüpften klinischen Forschung die Basis entzogen. Die wissenschaftliche Produktivität könnte so nicht aufrechterhalten werden.

Soll es in Berlin eine eigenständige medizinische Hochschule geben?

Die Kommission ist der Auffassung, dass das Fach Medizin auch künftig in die Universität(en) eingebettet sein muss und nicht eine Medizinische Hochschule gegründet werden sollte. Hierfür sprechen (...) die jeweils prägende Rolle beider Medizinischer Fakultäten (...) an der Humboldt und der Freien Universität und die jeweilige Vernetzung mit vielfältigen Import- und Exportleistungen innerhalb der Freien Universität bzw. der Humboldt-Universität. Außerdem lässt sich generell beobachten, dass Medizinische Hochschulen meist nach Erweiterung um andere Fakultäten drängen.

Warum müssen die Universitätskliniken fusionieren?

Um das System der kompetitiven wissenschaftlichen Schwerpunkte und klinischen Zentren - verteilt auf mehrere Standorte - erfolgreich zu organisieren, bedarf es einer zentralen Leitung. Nur so wird dieses System respektiert und die gegenseitige, erneut kostentreibende Nach- und Aufrüstung zweier Universitätskliniken vermieden werden. Schon aus diesen Gründen ist eine Fusion der beiden Universitätskliniken zu einem neuen Universitätsklinikum notwendig. Nur so können die neuen Strukturen geschaffen und langfristig erhalten werden. (...)

Welche Vorteile hat eine Fusion?

Die Zusammenführung von Charité und Klinikum Benjamin Franklin zu einem Klinikum ermöglicht (...) durch Schwerpunktbildung und Aufgabe unnötiger Doppelungen, die Zahl der Betten dieses Klinikums zusätzlich zu reduzieren. (...)

Bei Erhaltung beider Fakultäten müssten die Regeln der Zusammenarbeit neu definiert und vertraglich festgelegt werden. Das wissenschaftliche Personal der Kliniken bliebe der einen oder der anderen Fakultät und damit der jeweiligen Universität zugeordnet. Zwischen den Leitungen der beiden Fakultäten würde eine Struktur der Kooperation und der Abstimmung etabliert. Bei einer Zusammenführung ist eine Entscheidung über die universitäre Zuordnung der neuen Fakultät erforderlich. (...) Die Kommission (spricht) sich nachdrücklich für die Zusammenlegung der beiden Medizinischen Fakultäten aus. Sie hält dies nicht zuletzt im Hinblick auf die spezifische Situation in Berlin mit den Finanzvorgaben des Senats für die deutlich bessere Lösung.

Welcher Hochschule soll das fusionierte Uniklinikum zugeordnet werden?

Um den Verlust der Medizin für eine der beiden Universitäten zu verhindern, die wissenschaftsgünstigen Campus-Situationen an den Standorten Mitte und Dahlem/Steglitz sowie die vorhandenen Netzwerke innerhalb der beiden Universitäten zu erhalten, empfiehlt die Kommission, die neue Fakultät beiden Universitäten zuzuordnen. Damit würde ein zukunftsfähiges Novum in der deutschen Universitätslandschaft geschaffen. Die neue Medizinische Fakultät und das neue Universitätsklinikum mit den Standorten Charité Berlin-Mitte, Charité Virchow-Klinikum, Universitätsklinikum Benjamin Franklin sollen gemeinsam das Zentrum Universitäre Medizin Berlin (ZUMB) bilden.

Welche Rechtsform soll das gemeinsame Klinikum haben?

Ein entscheidendes Konstruktionselement ist die rechtliche Verselbständigung des aus der Zusammenführung der bisher zwei Universitätsklinika entstehenden Universitätsklinikums Berlin. Nur so kann dieser große Wirtschaftsbetrieb unternehmerisch geführt werden und sich künftig im Wettbewerb behaupten. Berlin droht hier den Anschluss an die sich längst vollziehende Entwicklung in den anderen Bundesländern zu verlieren, wenn es nicht rasch handelt und den Status des Universitätsklinikums als unselbständiger Universitätsbetrieb beendet.

Dem Beispiel der Mehrzahl der anderen Bundesländer folgend, könnte das Klinikum eine rechtsfähige öffentlich-rechtliche Anstalt werden. Sollte zukünftig eine Privatisierung des gesamten Klinikums gewünscht sein, sollte die gesamte Krankenversorgung oder die Erbringung bestimmter Leistungen in der Rechtsform einer GmbH erfolgen.

Soll das Bettenhochhaus in Mitte abgerissen werden?

Für die Kommission (ist) das Bettenhochhaus am Standort Mitte unverzichtbar. Sie kommt zu der Empfehlung, wissenschaftlich orientierte Kliniken, das „Ambulante und kurzzeitstationäre Therapiezentrum“ sowie nach Möglichkeit klinisch-theoretische Institute im COZ (Chirurgisch Orientiertes Zentrum - Tsp.) mit dem Hochhaus sowie im Gebäude der Inneren Medizin zu konzentrieren. Von diesem Nukleus aus sollte langfristig das gesamte, für wissenschaftliche Zwecke einmalige Areal der „alten“ Charité gestaltet werden.

Dabei sollte auch die Möglichkeit einbezogen werden, Gebäude, die nicht mehr als Forschungsgebäude nutzbar sind, als Wohnraum für ausländische und deutsche Wissenschaftler und ihre Familien sowie für Studierende herzurichten. Hierdurch könnte die schon heute vorhandene, von Forschung und Lehre geprägte Campus-Atmosphäre verstärkt werden.

Was spricht für eine Aufgabe des Standortes Virchow-Klinikum?

Langfristig hält die Kommission eine Konzentration der Hochschulmedizin an den Standorten Steglitz/Dahlem und Mitte für erstrebenswert. (...) Die Charité am Standort Mitte ist der älteste und bedeutendste Standort der Hochschulmedizin in Berlin. Heute ist dies der forschungsstärkste Standort mit Campuscharakter und vorklinischen und klinischtheoretischen Instituten. An der FU wurde in der Nachkriegszeit im Westen Berlins in enger Zusammenarbeit von theoretischen und klinischen Einrichtungen eine eigenständige Tradition der Hochschulmedizin erfolgreich begründet, die ihren Ausdruck im Neubau des Klinikums Steglitz fand. An diesen beiden Standorten – das hat die bisherige Entwicklung gezeigt – sind die besseren Bedingungen für eine enge Kooperation zwischen klinisch ausgerichteter und Grundlagenforschung gegeben.

Am Standort Virchow-Klinikum fehlt eine campusartige Vernetzung mit theoretischen Instituten und biowissenschaftlichen Forschungseinrichtungen anderer Fakultäten oder außeruniversitärer Institutionen. Dies erklärt, warum am Standort Virchow-Klinikum die Substanz für klinische Zentren nachweisbar ist, während die Forschungsaktivitäten der beiden gemeinsam mit Buch gebildeten wissenschaftlichen Schwerpunkte in Buch konzentriert sind.

Die Kommission ist sich bewusst, dass die Bausubstanz am Standort Virchow-Klinikum derzeit wesentlich besser als an den anderen Standorten ist. Kurz- und mittelfristig erscheint es ihr – zumindest unter den Bedingungen des öffentlich finanzierten Hochschulbaus – daher sehr schwierig, eine solche Konzentration zu erreichen. Dieses Ziel sollte aber nicht aus dem Auge verloren werden und schrittweise angegangen werden.

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