Gesundheit : Eine Akademie braucht das Land

Diskussion bei Verleihung des Holtzbrinck-Preises

Hartmut Wewetzer

Wissenschaftler sind Individualisten und stolz auf ihren eigenen Kopf. Sie lieben den Streit. Aber der Disput, der für den Erkenntnisfortschritt so wichtig ist, hat auch seine Schattenseiten. Denn nach außen, gegenüber Medien und Öffentlichkeit, reden die Wissenschaftler nicht mit einer Stimme. Sie verfallen nur allzu oft in eine vielstimmige Kakophonie, wie Stefan von Holtzbrinck feststellte. Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Verlagsgruppe von Holtzbrinck moderierte eine Podiumsdiskussion an der Berliner Humboldt-Universität. Anlass war die Verleihung des Georg-von-Holtzbrinck-Preises für Wissenschaftsjournalismus an Ulrich Schnabel, Michael Lange und Martin Winkelheide.

Eine Stimme aus der Wissenschaft, die sich laut und vernehmlich Gehör verschafft, wenn es zum Beispiel um Themen wie BSE oder Vogelgrippe geht – wie kann das gelingen? Ein Blick in die USA und nach Großbritannien hilft weiter. Beide Länder verfügen über einflussreiche nationale Wissenschaftsakademien. Für die Teilnehmer der Podiumsdiskussion eine klare Sache: Das braucht Deutschland ebenfalls! Auch wenn alle bisherigen Anläufe kläglich scheiterten.

Nur Andreas Storm, Parlamentarischer Staatssekretär im Forschungsministerium, hielt vorsichtig dagegen. So eine Akademie möge eine sinnvolle Sache sein, aber vor allem brauche man in der Wissenschaft dezentrale Strukturen und einen „Aufbruch in die Breite“. Und musste sich gleich von Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie, belehren lassen. Bei großen Medienthemen wie der Vogelgrippe seien eben auch große Institute mit entsprechenden Experten gefragt. „Hier das Lob des Föderalismus zu singen, ist ein bisschen kühn“, stellte Stock fest.

Großbritannien hat nicht nur eine nationale Akademie, sondern auch das, was Hans-Joachim Schellnhuber „Verdichtung“ nannte. Die Elite hat in Oxford, Cambridge oder am Imperial College studiert. „Das Christ Church College in Oxford hat allein 13 Premierminister hervorgebracht“, sagte Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Man kennt sich also. „Dieses System beschleunigt politische Prozesse.“

Vielleicht also kein Zufall, dass der britische Premierminister (und Oxford-Absolvent) Tony Blair den Tag der Übergabe des Klimagutachtens durch den Ökonomen Nicholas Stern als den wichtigsten seiner Laufbahn bezeichnete. Auf weniger fruchtbaren Boden fiel ein Gutachten der Akademie der Wissenschaften der USA zum Klimawandel, das dem US-Präsidenten vorgelegt wurde. Aber einerlei, wie die Politik reagiert – sie fragt die Wissenschaft zumindest um Rat. Davon ist man in Deutschland noch ziemlich weit entfernt.

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