Gesundheit : Eine Ariane-5-Rakete soll am Freitag den Forschungssatelliten "XMM" ins All bringen

Joachim Mahrholdt

Die Nachrichten über Weltraumprojekte waren in jüngster Zeit nicht immer gut. Mit entsprechender Anspannung blicken daher Techniker und Wissenschaftler dem Freitag entgegen, wenn um 15 Uhr 32 ein teurer, aber auch viel versprechender Forschungssatellit abhebt: Mit einem Gewicht von vier Tonnen ist der Röntgensatellit "XMM" ("X-ray-Multi-Mirror") die sperrigste und schwerste Nutzlast, die die Europäer jemals ins All befördert haben. Die Trägerrakete muss also robust und für große Lasten geeignet sein. Von Kourou in Französisch Guyana startet deshalb nicht die schon oft erprobte und zunächst auch für den Transport von XMM vorgesehene Ariane-4-Rakete, sondern eine Ariane-5.

Von den bisher drei Einsätzen des neuen Trägersystems der europäischen Raumfahrt war nur einer erfolgreich. Schon 30 Sekunden nach dem ersten Start gingen die "Cluster-Satelliten" in Flammen auf. Beim zweiten Flugversuch der Ariane-5 konnten die ins All gebrachten Satelliten nicht in die richtige Umlaufbahn gelenkt werden.

Umso schlimmer aber wäre eine Panne bei der jetzigen Mission. Der Forschungssatellit besitzt ein Röntgenauge, das durch eine neuartige Spiegeltechnik alle bislang in Umlaufbahnen geschossenen Sonden übertreffen soll. Als Anfang der 90er Jahre der Röntgen-Satellit "Rosat" ins All geschickt wurde, sollte er Strahlenquellen sichtbar machen, die sich dem menschlichen Auge normalerweise verbergen. Innerhalb weniger Jahre verhalf "Rosat" den Forschern zu einem neuen Himmelsatlas in diesem kurzweiligen Strahlungsbereich, der über 60 000 Aufnahmen von Überresten explodierter Sterne, galaktischen Nebeln oder den Zentralregionen von Galaxienhaufen enthielt. Es war ein neuer Blick auf ein bislang unbekanntes Firmament.

Die Nachfolge von "Rosat" sollte das Röntgenteleskop "Abrixas" im Sommer antreten, dessen Stromversorgung jedoch zusammenbrach. Nun soll XMM unser Wissen über heiße Strahlungsquellen im All erweitern. Der über zehn Meter hohe Satellit soll mit einer bislang unerreichten Präzision unter anderem auf die Jagd nach Schwarzen Löchern gehen. Dies sind implodierte, massereiche Sterne, die jegliche Materie aufsaugen; auch Licht entweicht ihrem Herrschaftsbereich nicht. Aus Berechnungen der Theoretiker geht jedoch hervor, dass Schwarze Löcher von einer Scheibe aus heißem Gas umgeben sind. Die schnell um das Schwarz Loch rotierenden Partikel aber scheinen eine unterschiedliche Kraft zu erfahren, je nachdem ob sie sich aus unserer Blickrichting vor oder hinter dem Schwarzen Loch befinden. Mit XMM wollen die Astrophysiker diesen Effekt beobachten und ihre kosmologischen Modelle verifizieren.

Dazu haben sich die Konstrukteure bei Dornier in Friedrichshafen technisch einiges einfallen lassen. XMM vereinigt drei Röntgenteleskope, die aus ineinander geschachtelten Röhren bestehen - aus je 58 konzentrisch angeordneten Spiegeln, deren Innenflächen mit Gold überzogen sind. Während Röntgenstrahlen normalerweise Materie durchdringen und deshalb nicht auf einen gemeinsamen Punkt gelenkt werden können, werden sie bei Einfallswinkeln kleiner als zwei Grad reflektiert; man kann sie dann in einem Brennpunkt sammeln. So ungewöhnlich der Satellit ist, so ungewöhnlich ist auch seine Flugbahn. XMM wird auf einer exzentrischen Bahn um den Globus laufen, deren erdfernster Punkt 114 000 Kilometer in den Tiefen des Alls liegt, während sich der Flugkörper an seinem erdnächsten Punkt nur in 7000 Kilometer Entfernung befindet. Innerhalb von 48 Stunden durchläuft XMM diesen Zyklus, der ihn in Positionen jenseits des die Erde umgebenden Strahlungsgürtels befördert, wo die Beobachtung ungestört ist.

Die Kosten für die XMM-Mission belaufen sich auf rund 1,25 Milliarden Mark. Angesichts des hohen finanziellen Aufwandes und der hohen Erwartungen der Wissenschaftler mag bei der europäischen Weltraumorganisation Esa niemand über die derzeitige Pechsträhne in der internationalen Raumfahrt nachdenken.

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