Gesundheit : „Eine Art Zauberberg“

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Peter Wapnewski, Germanist (Berlin), Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs:

Es hat doch tatsächlich Augenblicke gegeben, in denen mich angesichts des wunderbaren Glücksfalls, der erste Rektor dieses stolzen Instituts zu sein, ein leises Bedauern ankam. Das man sogar als Neidgefühl beschreiben konnte: Wenn nämlich ich mir bewusst wurde, dass mein Amt eine Berufung als Fellow definitiv verhindern musste. Und mir war doch klar, dass ein jeder der vielen Fellows es immer noch ein bisschen besser getroffen hat in diesem Haus als jeder der bisher drei Rektoren …

Jutta Scherrer, Kulturhistorikerin, Slawistin (École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris), Fellow 1984/85:

Als Fellow kam ich erstmals für längere Zeit wieder nach Deutschland zurück. Dabei war Berlin meine Heimat. Mit seiner idyllischen Abgeschirmtheit vom Alltag war das Wissenschaftskolleg eine Art Zauberberg. Eine Gruppe älterer und jüngerer Fellows, die ihre familiären oder andere Beziehungen vorübergehend hinter sich ließen, fand sich schnell zusammen, um in einer scheinbar stehen gebliebenen Zeit das zu suchen, was uns über das „Medium“ Berlin miteinander verband.

Ein Amerikaner, ein Italiener, ein Engländer, ein Schweizer. Abend für Abend verbrachten wir in Gesprächen angesichts des überwältigenden Flusses an historischen Erinnerungen und kulturellem Geschehen, die uns auf Schritt und Tritt vereinnahmten. Es war für uns ein Leichtes, die Grenze nach Ostberlin zu überschreiten und in die dortige Musik- und Theaterwelt einzutauchen. Unvergessen der Evgenij Onegin in der gerade wiedereröffneten Semperoper in Dresden, die Kontakte mit ostdeutschen Schriftstellern, Malern, Historikern. Kultur war, insbesondere mit den Augen der ausländischen Freunde gesehen, auch dort, wo sie der damalige Westen nicht ohne weiteres wahrhaben wollte.

Jürgen Kocka, Historiker (Wissenschaftszentrum Berlin und Freie Universität), Permanent Fellow 1990 bis 2000:

Das Wissenschaftskolleg ist in vielem das Gegenteil vom normalen Wissenschaftsbetrieb. Üblicherweise ist Wissenschaft hoch spezialisiert, im Wiko kommt es auf die Fähigkeit zum Gespräch und zur Kooperation über die Fächer- und Kompetenzgrenzen an. Der Wissenschaftsbetrieb ist typischerweise nüchtern, hemdsärmelig und nicht auf Öffentlichkeit bezogen. In der Wallotstraße wird demonstriert, dass Wissenschaft von Form, Stil und gekonnter öffentlicher Selbstdarstellung profitiert. Im Unterschied zu den großen Tankern der Wissenschaft kommt das kleine Wiko mit wenig Gremien, Regeln und Evaluationen aus. Normalerweise sind Wissenschaft und Kunst scharf getrennt, das Wiko bringt sie zusammen. Gleichzeitig respektiert das Wiko die Prinzipien der Wissenschaftlichkeit. Es lädt nur die Besten ein. Es kooperiert mit Universitäten und Forschungsinstituten. Immer wieder hat es wissenschaftliche Großprobleme angegangen, die auf der Tagesordnung standen. Ein Teil seines Geheimnisses: die gekonnte Mischung von Distanz und Nähe zur normalen Wissenschaft.

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