Gesundheit : Eine besondere Uni sucht einen Chef

Morgen wählt Berlins Traditionshochschule einen neuen Präsidenten – das Ergebnis ist offen

Anja Kühne

Es heißt, die Bedeutung eines deutschen Professors erkenne man an der Größe seines Zimmers. Wenn das stimmt, ist Berlins wichtigster Professor der Präsident der Humboldt-Universität. Der Raum ist fast so groß wie eine Hotellobby. Ein roter Flauschteppich dämpft den Schritt, darauf ein schwarzes Ledersofa und ein Schreibtisch von imposanten Ausmaßen. Vor den holzgetäfelten hohen Wänden steht ein Gipstorso eines Kriegshelden aus der römischen Kaiserzeit. Jürgen Mlynek will in dem Zimmer bleiben. Es passt zu ihm, dem mit dem bedeutenden Leibnizpreis dekorierten Physiker und erfahrenen Wissenschaftsmanager, der mit seiner Hochschule ganz nach oben will. „Wir sind eine besondere Uni, nicht eine unter vielen“, sagt der 53-Jährige.

Eine besondere Uni – das trifft auch auf die innere Lage der Hochschule zu. Sie ist ungewöhnlich labil. Vor fünf Jahren verwehrte die Uni Mlyneks Vorgänger, dem angesehenen Juristen Hans Meyer, eine zweite Amtszeit und ließ ihn bei der Wahl durchfallen. Könnte das gleiche jetzt Mlynek passieren? Sein Gegenkandidat, der Hamburger Politologe Michael Th. Greven, findet bei den Gruppen des Wahlgremiums durchaus Unterstützer. Dabei müsste Mlynek eigentlich gute Chancen haben. Er ist ein starker Präsident. So sieht er sich selbst und so sehen ihn andere: „Er spielt guten Fußball“, sagt ein Amtskollege. Aber: „Er holzt und stürmt, dass alle sich die Schienenbeine halten.“

Das ist das Problem. In den vergangenen Wochen musste Mlynek, der vor fünf Jahren als Professor in Konstanz mit großer Mehrheit zum Präsidenten der Humboldt-Uni gewählt wurde, Seelenmassage bei den Gremienmitgliedern betreiben. Besonders links eingestellte Studierendenvertreter und unbefristete Beschäftigte mit Ost-Biographie finden die Humboldt-Universität unter seiner Amtsführung zu ungemütlich. Bei einer Anhörung in der vergangenen Woche fragte ein akademischer Mitarbeiter nach einem Freisemester für sich und seine Kollegen, ein anderer warf dem Präsidenten die Kosten für eine China-Reise vor, ein Studierendenvertreter forderte mehr Macht für die Gremien durch Viertelparität.

Mlynek hat mit seinen Sparvorschlägen den Zorn zweier großer Fakultäten auf sich gezogen, der Theologie und der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät. Dabei war es richtig, angesichts der enormen Sparauflagen durch den Berliner Senat die Theologie der Humboldt-Universität abzuspecken und ihre Integration in einen Fachbereich mit anderen Geisteswissenschaften zu fordern – der Sturm der Entrüstung aus der Kirche war Mlynek sicher. Richtig war es auch, angesichts der Kürzungen durch den Senat die Größe und Ausrichtung der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät zu hinterfragen. Mlynek hat die Juniorprofessur und die Nachwuchsgruppen beherzt gefördert. Bei der Einwerbung von Drittmitteln und der Studienreform hat sich die ärgste Konkurrentin der Uni, die Freie Universität, in den letzten Jahren zwar dynamischer entwickelt. Aber bei den Sonderforschungsbereichen hat die HU die FU überrundet.

Kurz vor der Wahl musste Mlynek den Gremien nun immer wieder vorführen, dass er die Erfolge nicht sich allein zuschreibt, wie manche ihm vorwerfen. „Ich halte mir die Juniorprofessur zugute“, sagt Mlynek bei einer Podiumsdiskussion, stockt und beeilt sich, hinzuzufügen: „Das haben wir gemeinsam gemacht, das ist nichts, was ich alleine machen könnte.“ – „Es stimmt, ich entscheide gern“, sagt er und dann schnell: „Häufig lässt sich nur etwas bewegen, wenn man die Gremien mitnimmt.“

Dabei halten auch kritische Geister die Behauptung für übertrieben, die Gremien würden von Mlynek ausgehebelt. Der Akademische Senat sei im Gegenteil deutlich besser im Bilde über die Unipolitik als das Gremium an der Freien Universität. Doch der Physiker ist ungeschickter als der geschmeidige Chef der FU. Mlynek, der auf Beobachter häufig zerstreut und wenig charismatisch wirkt, neigt gleichwohl zum überheblichen, herrischen Auftreten, womit er sich unnötig Sympathien verspielt.

Hier liegt die Chance für Mlyneks Gegenkandidaten Michael Thomas Greven. Auch, weil dieser für den Fall seiner Wahl keinen völligen Bruch mit der bisherigen Linie der Universität ankündigt. Er setzt auf Kontinuität und wirbt mit seinem freundlichen Führungsstil, den er in dutzenden Funktionen in Gremien und Einrichtungen erprobt hat.

Als Auswärtiger könnte Greven der Uni neue Impulse verleihen. Erfahrung bringt er aus einer Reihe von Unis im In- und Ausland mit. Während Mlynek die HU für reformmüde hält und ihr deshalb in der nächsten Amtszeit mehr Ruhe gönnen will, würde Greven den geplanten Neuzuschnitt der Fachbereiche nicht länger auf Eis legen. Vielleicht wäre die Uni ja unter einem anderen Präsidenten zu neuen Anstrengungen bereit. Greven hätte die Chance, diejenigen, die Mlynek nicht mehr folgen wollen, für den nächsten Gipfelsturm zu gewinnen und die Gräben an der Uni zu überwinden. Doch wird es nicht zu lange dauern, bis er sich eingearbeitet hat?

Die Mitarbeiter, die schon zu DDR-Zeiten an der Uni waren, könnten gleichwohl an Greven schätzen, dass er auf keinen Fall dem Typus des forschen, neoliberalen Besserwessis entspricht. Greven ist ein uneitler Mensch. In den Anhörungen an der Uni hat er auf die Frage, worauf er in seiner Laufbahn besonders stolz sei, leise geantwortet: „Dass ich studiert habe.“ In seiner Familie sei das nicht selbstverständlich gewesen.

Greven ist ein guter Hochschullehrer. Die Studentenzeitung der HU „Unaufgefordert“, die Kommilitonen in Hamburg nach ihm gefragt hat, schreibt: „Er setzt sich für alle ein, mit seinen Kontras will er fördern, seine Tür steht immer offen, alle Hausarbeiten werden besprochen. Studierende und MitarbeiterInnen sagen, sie würden ihren besten Professor verlieren, wenn Greven nach Berlin wechseln sollte.“ An der Uni schwärme man von dem „brillanten Rhetoriker“ und rühme seinen „politischen Scharfsinn“.

Das glaubt, wer Greven in der vergangenen Woche in einer von Studierenden organisierten „Elefantenrunde“ mit Mlynek erlebt hat. „Was unterscheidet Sie denn nun von Mlynek?“, wollen die Studierenden immer wieder wissen. Greven kontert, das „Elefantentreffen“ sei bedenklich, denn es analogisiere die Präsidentenwahlen in unzulässiger Weise mit dem Wahlkampf politischer Parteien. Die Studierenden sollten den Unterschied zwischen ihm und Mlynek selbst herausfinden. „Wenn Ihnen die Differenzen zu gering erscheinen, tut es mir leid, ich kann mir keine ausdenken.“ Das klingt nicht oberlehrerhaft, es ist eine Aufforderung an die Studierenden, ihren Kopf zu gebrauchen.

Selbst wenn die Studierenden das bei der Wahl im Konzil honorieren sollten – wer gewinnen will, muss 31 von 60 Stimmen auf sich vereinigen.

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