Gesundheit : Eine der ältesten Getreidesorten der Welt wird in den USA und in Deutschland wiederentdeckt

Dorothea Heintze

Die Bäuerin ist verwirrt. Was denn das für ein komisches Getreide sei? Roggen? Gerste? So eine Sorte habe sie noch nie gesehen. Eine alltägliche Begebenheit für Karl-Josef Müller. Gerne gibt er Auskunft. Die auffallend grün wachsende Getreidesorte auf dem Feld sei Einkorn, er selbst sei Wissenschaftler, der das Getreide hier auf dem Versuchsfeld im Rahmen eines Forschungsprojektes anbaue und das Wachstum beobachte. Die kleine alte Dame scheint damit nicht viel anfangen zu können. Kopfschüttelnd zieht sie von dannen. Man hört noch, wie sie etwas über "diesen neumodischen Kram" vor sich hin brummelt.

Doch von wegen neumodisch! Das Einkorn, eine Urform des Weizens, zählt zu den ältesten Getreidesorten der Welt. Vor über 7000 Jahren wurde es bereits im Persischen Reich angebaut. Sein Ertrag jedoch ist relativ gering. Wie schon der Name andeutet, bildet es pro Ähre nur ein Körnchen; andere Weizensorten kommen auf das Drei- und Vierfache.

So ging der Anbau des Einkorns in Europa kontinuierlich zurück - bis es wieder entdeckt wurde, beispielsweise von Karl-Josef Müller. Seit Jahren arbeitet der promovierte Agrarbiologe für den biologisch-dynamischen Landbau. 1989 kam er nach Darzau, in den nördlichsten Zipfel des Wendlandes, und richtete hier, auf einem Demeter-Bauernhof mitten im Naturpark Elbetal, seine kleine Getreideforschungsstelle ein.

Saatgut aus der Genbank

Vor vier Jahren begann er mit ersten Versuchen an dem hierzulande nicht mehr kultivierten Getreide. Das Saatgut kaufte er in einer Genbank. Rasch erkannte er die spezifischen Eigenschaften des Einkorns. Schon die hell-gelbe, leuchtend grüne Farbe des Getreides auf dem Feld unterscheidet sich grundsätzlich von dem viel dunkleren Weizen oder Dinkel. Die Pflanze hat eine feine, filigrane Gestalt, sie ist härter, ebenso wie später das Stroh. Wichtig für den Ökolandbau ist ihre Robustheit. Auf Fungizide und Pestizide, dies zeigen die Versuche in Darzau, kann man beim Einkornanbau weitgehend verzichten. In der Schweiz entdeckten Biologen, dass sich am Rande von Einkornfeldern Rebhühner sehr wohl fühlen.

Noch teuer, aber gesund

Doch damit nicht genug. Wird das Einkorn verarbeitet, dann sieht es dank seiner goldgelben Farbe ansprechend aus. Es schmeckt saftig und nussig, wie Kirstin Gerdum, angehende Ernährungswissenschaftlerin sagt. Die 27-Jährige arbeitet zur Zeit in der Bohlsener Mühle, in einer der größten deutschen Öko-Getreidemühlen. Hier, nur wenige Kilometer westlich von Darzau, entstanden in der hauseigenen Bäckerei die ersten marktreifen Einkornprodukte. Mittlerweile gibt es Brötchen, Muffins, Kekse und Brot. Alles verkauft sich mit großem Erfolg, trotz des verhältnismäßig hohen Preises. So kosten 500 Gramm Brot an die 4 Mark 50, und bis jetzt ist es auch lediglich im norddeutschen Raum erhältlich.

Dies aber könnte sich bald ändern, dann nämlich, wenn sich vielen guten Eigenschaften des Einkorns weiter herumsprechen. "Der Gesundheitswert des Einkorns besteht darin, dass es gerade im Vergleich zu anderen Weizensorten außergewöhnlich viel Carotin, viel Eiweiß, also Proteine, enthält", sagt Kirstin Gerdum. Hinzu komme ein ausgewogenes Verhältnis an Kohlenstoffen, Ballaststoffen und an ungesättigten Fettsäuren.

"The Weat you can eat" - das Getreide, das du essen kannst, lautet ein pfiffiger Einkorn-Werbeslogan in den USA. Darin kommt die Hoffnung zum Ausdruck, in der uralten Getreidesorte eine Alternative für all die Menschen gefunden zu haben, die aufgrund bestimmter Allergien konventionelle Weizensorten nicht vertragen.

Fachleute wie Karl-Josef Müller warnen jedoch vor verfrühter Euphorie. Schließlich sei Einkorn mit Weizen verwandt. "Man könnte sagen, es handelt sich um einen Onkel oder Großonkel. Beide Getreidesorten lassen sich sehr weit auf eine gemeinsame Quelle zurückverfolgen." So gebe es zwar Menschen, die keinen Weizen, aber Einkorn vertrügen. Dies jedoch dürfe man auf keinen Fall verallgemeinern, hier sei jetzt erst einmal die Forschung gefragt.

Immer weniger Kulturpflanzen

Jahr für Jahr verringert sich weltweit die Zahl der Kulturpflanzen. Gentechnische Veränderungen lassen zwar neue Sorten entstehen, doch niemand vermag zu sagen, ob und welche Folgen dies für die Umwelt haben wird. Die Erhaltung der natürlichen Vielfalt ist für manche ein weiteres Argument zugunsten den Einkornanbaus. Doch der Besitzer der Bohlsener Mühle, Volker Krause, warnt davor, Einkorn in großen Mengen auch in der konventionellen Landwirtschaft anzubauen: "Wenn dieser Prozess erst einmal beginnt, dann fürchten wir, dass das Einkorn seine Ursprünglichkeit verliert."

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