Gesundheit : Eine eigene Hochschule für die Medizin

Vorschläge aus dem Wissenschaftsrat für Berlin

Bärbel Schubert

Starke Kräfte drängen auf eine selbstständige Medizinische Universität für Berlin. Die Medizin-Fachleute im Wissenschaftsrat haben sich nach langen Beratungen auf die Empfehlung verständigt, die Charité der Humboldt-Universität und das Klinikum Benjamin Franklin der Freien Universität zu einer „Medizinischen Hochschule Charité“ (MHC) zusammenzuführen. Anders als bisher diskutiert, soll das fusionierte Klinikum aber nicht mehr den beiden Universitäten angehören, sondern eigenständig werden. Die Empfehlungen werden am 14. und 15. Januar noch vom Wissenschaftsrat debattiert.

Damit rückt der Medizinausschuss des Wissenschaftsrates in wichtigen Punkten vom Gutachten der Expertenkommission des Berliner Senats ab, das ihm zur Beurteilung vorlag. Der Wissenschaftsrat berät Bund und Länder in allen Fragen der Hochschul- und Forschungspolitik. Auf der Basis der beiden Voten soll die Hochschulmedizin in Berlin bis zum Jahr 2010 grundlegend umstrukturiert werden. Mit den Veränderungen müssen auf Beschluss des Berliner Senats Einsparungen in Höhe von 98 Millionen Euro pro Jahr erbracht werden. Der Medizinausschuss unterstützt ausdrücklich die Absicht der Expertenkommission, durch eine Fusion der Hochschulklinika trotz der Einsparungen die besonders leistungsfähigen Forschungsbereiche zu erhalten.

Neue Wege

Die Medizin-Uni soll neue Wege gehen und Möglichkeiten bekommen, die sich die Mediziner in Deutschland schon lange vergeblich wünschen. Vorgesehen ist, dass sich die Professoren ihre Studenten weitgehend selbst aussuchen dürfen und die Ausbildungsphasen stärker verbunden werden. Außerdem sollen die Umsetzung der neuen Juniorprofessuren als Qualifikationsweg für den wissenschaftlichen Nachwuchs für die Medizin erprobt und Karrierewege für Naturwissenschaftler in der Medizin entwickelt werden. Wichtiges Ziel sind auch bessere Bedingungen für die klinische Forschung – im gesamten Fächerspektrum. Damit würde die neue Hochschule die grundlegende Modernisierung der Hochschulmedizin erproben.

Die Medizinfachleute im Wissenschaftsrat warnen allerdings auch vor den Auswirkungen der vorgegebenen Einsparungen. Wenn wie von der Expertenkommission des Senats vorgeschlagen, 1300 Klinikbetten abgebaut würden, wäre das mit dem Verlust von rund 3900 Stellen verbunden. Das müsste sozialverträglich abgefedert werden und hätte Auswirkungen auf die Forschung. Letztlich seien die Konsequenzen wegen der gleichzeitigen Umstellung auf ein neues Abrechnungssystem an den Kliniken nicht absehbar. Erwartet werden Einnahmeverluste in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro, die nicht durch effizienteres Arbeiten kompensiert werden können.

3900 Stellen durch Kürzung bedroht

Ihre Entscheidung für die sonst wenig favorisierte Medizinische Hochschule begründen die Medizinexperten im Wissenschaftsrat mit dem Sonderfall Berlin. Kritisch wird besonders die komplizierte Entscheidungsstruktur der fusionierten Hochschulmedizin in Verantwortung von zwei Universitäten beurteilt – wie von der Expertenkommission in ihrem Gutachten vorgeschlagen. Dies liefe auf ein nicht erprobtes und bundesweit einmaliges Modell mit vier zentralen Entscheidungsgremien hinaus. Das Risiko des Scheiterns durch die komplizierten Entscheidungsstrukturen schätzt der Medizinausschuss hoch ein. Die Chance auf einen wirklichen Neuanfang biete das Modell nicht.

Die Forderung nach einer Medizin-Uni wird in Berlin schon lange erhoben, so vom früheren Wissenschaftssenator George Turner. Das aktuelle Votum nimmt zudem Forderungen aus der Charité auf, anstelle des Vorschlags der Expertenkommission handlungsfähige und überschaubare Leitungsstrukturen zu schaffen. Diese will der Wissenschaftsrat in Form eines dreiköpfigen Präsidiums realisieren. Für interne Querelen wird wohl noch die Bedingung sorgen, dass die Präsidiumsmitglieder dem Votum zufolge in den letzten acht Jahren nicht in Berlin beschäftigt gewesen sein dürfen.

Der Wissenschaftsrat drängt auf eine zügige Umsetzung seiner Vorschläge. Die Politik soll die Gründung der MHC bis Ende des Jahres 2003 vorbereiten; denn ein Jahr später soll der Neuling schon in der neuen Struktur arbeiten. Nun beraten in der kommenden Woche erst noch einmal Wissenschaftler aller Disziplinen und Politiker von Bund und Ländern im Wissenschaftsrat über die Empfehlungen der Medizinexperten. Berlins Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) ist gefordert, seine Vorstellungen dabei einzubringen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat in den vergangenen Monaten mehrfach seine Entschlossenheit zum Handeln bekräftigt.

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