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Lehrerlaubnis entzogen: Der „Fall Bongardt“ am Seminar für Katholische Theologie der FU

Thomas Lackmann

Mit geplatzten Gelübden ihrer Repräsentanten tut sich eine aufs Ewige ausgerichtete Institution schwer. 48 Jahre alt war Klaus, der Schweizer Bergbauer und Ratsherr, der Richter, Ehemann und Vater von zehn Kindern, als er alle Ämter niederlegte und – einvernehmlich mit der Gattin – seine Familie verließ. Schon zu Lebzeiten im 15. Jahrhundert galt der Schweizer Eremit als großer Mystiker, wurde allerdings erst 1947 heiliggesprochen: Sein eigenwilliger Umgang mit dem Sakrament der unauflöslichen Ehe mag die vatikanische Instanz lange davon abgehalten haben. Letztlich habe „seine Identifikation mit den Mönchsidealen“ die Kirche dazu bewogen, den frommen Ausbrecher Nikolaus von der Flue dann doch als allgemeines Vorbild zu verehren: meint der Berliner Theologieprofessor Michael Bongardt. Heutzutage dagegen seien gebrochene Biographien im Erscheinungsbild der Glaubensgemeinschaft nicht vorgesehen.

Michael Bongardt, 1959 geboren in Bonn, seit 20 Jahren Priester, seit fünf Jahren Professor für systematische katholische Theologie an der Freien Universität, seit einem Jahr Dekan des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften, sitzt für dieses Gespräch nicht im eigenen Büro, sondern am Schreibtisch eines Kollegen. Was aus seinem Lehrstuhl wird, ist derzeit ungewiss. Vor einigen Jahren hatte sich der Kleriker des Erzbistums Köln unwiderruflich in eine Jugendfreundin verliebt; 2003 ist er aus dem Priesteramt geschieden, wegen Bruch des Zölibatsgelübdes entzog ihm der örtliche Erzbischof Sterzinsky die Lehrerlaubnis – der erste Entzug einer katholischen Lehrerlaubnis in der Geschichte der FU. Seit dem Sommer 2005 ist Bongardt eigentlich auch verboten, am Seminar für Katholische Theologie in Dahlem zu lehren. Gegen diese „extreme kirchliche Strafmaßnahme“ haben Studenten 800 Unterschriften gesammelt. Den Beamten Bongardt kann der Staat nicht aufgrund seines kirchlich missbilligten Lebenswandels entlassen; die Universität wiederum steht in der Pflicht, seinen Lehrstuhl besetzen, damit die Ausbildung der Studierenden gesichert ist.

Michael Bongardt ist ein lebhafter, nachdenklicher Interviewpartner. Die Frage nach der persönlichen Verantwortung habe ihn von klein auf beschäftigt, sagt Bongardt. Er wolle wissen, was uns hindere, zu uns selbst zu stehen, dazu gehört der Konflikt zwischen Institution und Individuum. Kirche verstehe er – im Gegensatz zum II. Vatikanischen Konzil – nicht als Gegenüber zur Kultur, sondern als Teil eines größeren kulturellen Zusammenhangs. Die kulturtheoretische Forschung sehe, dass jede Identität im ständigen Fluss sei, sagt er. Man müsse fragen: „Welche Gestalt hast du heute?“ Er untersuche solche Prozesse, Auswirkungen der Säkularisierung auf den Glauben, vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Identität habe mit Abgrenzung zu tun, doch gehe es darum, „Abgrenzung ohne Abwertung zu erreichen“: das Credo im Rahmen dialogischer Beziehungen, ohne Abqualifizierung anderer, zu formulieren.

Von dialogischer Qualität zwischen Bongardt und der kirchlichen Autorität kann freilich keine Rede mehr sein. Die Kontakte sind abgebrochen. Der Professor vermutet, Kölns konservativer Kardinal Meißner, dem er als Priester unterstand, habe an ihm ein Exempel statuiert. Die Kirche stelle zunehmend wieder den Klerus in den Mittelpunkt, ein aus dem Amt Geschiedener Lehrender solle „nicht mehr den Mund aufmachen“. Er selbst habe den Zölibat immer nur „in Kauf genommen“, allerdings gesucht, wie man damit leben könne. Vorstellbar sei das nur nur in einer Gemeinschaft, doch reine Männergesellschaften seien ihm suspekt. Zölibatär leben, ohne zu zerbrechen, könne er nicht mehr, hat der Suspendierte im Sommer geäußert.

Persönliche Hochachtung für Bongardts Bekenntnis zu seiner Partnerin äußert der Sprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner. Dennoch sei eine innerkirchliche, diskrete Lösung für den Theologen als Lehrenden in Berlin nicht zu realisieren gewesen. Hier sei er bekannt und könne nach dem Bruch des Ehelosigkeitsversprechens nicht als Mann der Kirche dozieren, ohne dass deren „Zeugnis verdunkelt“ werde. Im Gegensatz zu den Dissidenten Hans Küng und Eugen Drewermann, die 1979 beziehungsweise 1991 aus dogmatischen Gründen die Lehrerlaubnis einbüßten, gehe es bei den meisten Fällen eines solchen Entzuges um den Lebenswandel der Dozenten: Dass die Kirche diesen Aspekt von der Lehre nicht trennen wolle, sei nach außen leider „schwer vermittelbar“.

Und wenn nun die FU für den Unkündbaren ein Institut errichtete, eine Lösung wie seinerzeit für Hans Küng, an dem Bongardt weiterlehre? Das will Förner nicht kommentieren. Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit dem Professor für biblische Theologie, Rainer Kampling, wäre jedenfalls denkbar, „warum nicht“. Vor allem aber müsse der Lehrstuhl für systematische Theologie bald neubesetzt werden; sonst könne man, bei nur einer Professur, kaum von einem Seminar für Katholische Theologie reden.

Die Finanzierung der Bongardt-Nachfolge falle nicht vom Himmel, sagt der Sprecher der Senatskulturverwaltung, Thorsten Wöhlert, aber eine Lösung – man muss sich eine weitere Professur „aus den Rippen schwitzen“ – sei in Sicht. Der Staat respektiere das „Definitionsrecht“ der Kirche in Bezug auf ihre Lehrbeauftragten. Er habe aber auch seiner Fürsorgepflicht für den C4-Beamten nachzukommen.

An einem möglichen Kompromiss, einem kulturwissenschaftlichen Institut als künftige Plattform für Bongardts nunmehr außerkirchliche Lehrtätigkeit, wird hinter FU-Kulissen gebastelt. Unlängst wollte der Fachbereichsrat für Geschichts- und Kulturwissenschaften das Modell absegnen – und vertagte sich. Nun wird erwartet, dass die Klärung inhaltlicher Zuschnitte und Studiengang-Zuständigkeiten, von denen sich andere Professoren bedroht fühlen könnten, bis zur Sitzung am 14. Dezember abgeschlossen ist. Bis dahin arbeitet der Professor weiter im Seminar für Katholische Theologie. Studenten der Katholischen Theologie werden seine Veranstaltungen allerdings nicht anerkannt.

Noch sitzt der Geisteswissenschaftler zwischen den akademischen Stühlen. Im Blick auf seinen Konflikt mit kirchlichen Vorschriften räumt er ein, dass nicht nur die zölibatäre Lebensform, auch das Modell „unauflösliche Einehe“ biographische Verwerfungen produziere; zudem gebe es heutzutage aufgrund der langen Lebenserwartung mehr Brüche in einer Vita. „Wie arm wäre die Wirklichkeit ohne Ideale. Problematisch wird es, wenn man glaubt, Ideale verwirklichen zu können.“ Spannung zwischen Ideal und Realität, sagt Michael Bongardt, sei ein wesentlicher Teil seines Lebens.

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