Gesundheit : Eine Erwiderung auf Peter Sloterdijk

Ulrich Mueller

Zwei zentrale Einsichten haben in der von Peter Sloterdijk angestossenen Debatte ihren Platz noch nicht gefunden. Das zeigte auch die Live-Radiodiskussion des umstrittenen Philosophen mit dem Hirnforscher und Neurologen Detlef Linke am Sonntag im Roten Salon der Berliner Volksbühne.

Natürlich hat es, wie von Sloterdijk in seinem "Regeln für den Menschenpark" genannten Vortrag beschrieben, von jeher schon Partnerwahl- und Familiengründungsregeln gegeben, durch die Menschen einander zur Erzeugung optimaler Nachkommen aussortiert und erwählt, kurz: "selektiert" haben. Wobei Kranke, Arme oder Hässliche stets schlechtere Chancen hatten. Neue Gentechniken erweitern daher lediglich die Optionen dieser Selektionen und Kombinationen.

Allerdings optimieren sie nicht die Eigenschaften des Nachwuchses, die, wie bei der Tierzucht, dann dem Menschen nützlich sind. Es geht vielmehr um genetische Veränderungen, die den Eltern selbst von Nutzen sein werden, ihre Gesundheit und damit Überlebenschancen erhöhen. Doch welche Eigenschaften diese Chancen steigern, das unterliegt einem permanenten Wandel. Hochgewachsene Männer haben zum Beispiel mehr Aussichten auf dem Heiratsmarkt, erkranken aber möglicherweise häufiger an Krebs. Sehr oft hängt der optimale Mix von Eigenschaften auch davon ab, mit wem die Menschen um Jobs und Ehepartner konkurrieren müssen. Modifikationen des Erbguts im gesunden Individuum, für die sich ein Paar entscheidet, dürften sich nachträglich jedoch oft als kontraproduktiv erweisen, indem sie genau das Gegenteil von dem bewirken, was sie erreichen wollen. Davon gibt es eine wichtige Ausnahme, die in der gegenwärtig erhitzt geführten Debatte um die Züchtung eines "neuen Menschen" weitgehend ignoriert wird: die Eliminierung von krankmachenden Genen.

Wenn Eingriffe in die Genstruktur des Menschen schwerwiegenden Deffekten entgegenarbeiten können, folgt daraus zweierlei: Erstens, dass der Codex der "Anthropotechniken", den Sloterdijk verlangt, kein Codex von Zielen, sondern nur ein Codex von Freiheitsrechten sein kann. Ihrem Kern nach umfassen sie auch das Recht auf Familiengründung und gesunde Kinder, das in der UNO-Deklaration der Menschenrechte und in ihren Folgedokumenten fixiert worden ist.

Die Entscheidung über den Einsatz der neuen Techniken sollte deshalb bei den einzelnen Paaren verbleiben. Die Gesellschaft hat lediglich die Pflicht, den gegebenen Freiheitsrahmen auszubauen und zu schützen. Daraus ergibt sich zweitens, dass die Anwendung von Techniken der Erbgutmanipulation - so diese für den Menschen überhaupt je möglich werden sollte - nicht der Verbesserung von gesunden Menschen, sondern der Verhinderung von Krankheiten im Rahmen einer medizinischen Therapie dienen soll.

Keimbahntherapie, nicht Keimbahnveredelung, ist die Verheissung der neuen Technologien. Eine derzeit noch stark sanktionierte gen-medizinische Perspektive, die nicht so sehr von philosophischen Stammtischen, sondern vielmehr von juristischen Tatsachen bestimmt wird. Jede Keimbahntherapie ist in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz von 1990 verboten, mit einem Strafrahmen, der dem für schwere Sexualdelikte gleicht. Das Verbot wurde von der Bioethik-Konvention des Europarats von 1996 bestätigt, die am Ende dieses Jahres Kraft tritt.

Es wird der bleibende Ertrag der Sloterdijk-Debatte sein, dass mit ihr endlich auch in den Kulturwissenschaften dieses Landes die ethische Basis solcher Verbote öffentlich in Frage gestellt ist. Erbkrankheiten, die auf von Generation zu Generation weitergegebenen Genen beruhen, sind ein grosses und tiefes Meer menschlichen Leidens. Beispiel Depression: Etwa sechs bis neun Prozent aller Menschen erkranken im Laufe ihres Lebens an Depressionen: einer Krankheit, die Lebenswege zerstört und Familien ruiniert. 50 bis 70 Prozent aller Selbstmorde geschehen infolge depressiver Leiden. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation gehen durch vorzeitigen Tod und in ständiger Zerrüttung verlebter Lebensjahre ein Prozent aller menschlichen Lebenszeit auf der Welt verloren. Für den Fall, dass die "Depressions"-Gene bekannt wären, und sie schon in den Keimzellen von Patienten durch gesunde Gene ersetzt werden könnten - warum sollten Betroffene ihre Familien nicht ein für allemal vor dem Fluch dieser Krankheit bewahren dürfen?

Ein weiteres Beispiel liefert der Dickdarmkrebs. Eine Variante dieser häufigen Krankheit ist hochgradig erblich. Wer die Veranlagung hierfür in sich trägt, muss von Jugend an regelmässig untersucht werden, bei den ersten Zellveränderungen muss unter Umständen der gesamte Dickdarm entfernt werden.Verhängnisvoll, wenn der richtige Zeitpunkt verpasst wird.

Doch das deutsche Gesetz verbietet jede entsprechende Forschung an Embryonen, sofern diese nicht einem Heilversuch folgt. Die Nationale Bioethik-Kommission der USA hält ein solches Verbot für ihrerseits unethisch. Denn ein Verbot der klinischen Embryonenforschung beeinträchtigt den medizinischen Fortschritt insgesamt so stark, dass es den Heilversuch am kranken Embryo faktisch unmöglich macht.

In Deutschland werden jährlich 130 000 legale Schwangerschaftsabbrüche gezählt. Wie kann da Forschung an Embryonen, die, anders als der blosse Abbruch, potentiell anderen Embryonen noch zu Gute kommen würde, illegal sein? Wenn der Selbstbestimmungswunsch von Frauen zur Rechtfertigung eines Schwangerschaftsabbruchs ausreicht, warum sollte der Wunsch von Paaren nach gesunden Kindern nicht ausreichen können, um die Forschung an menschlichen Embryonen zu legitimieren?

Ob allerdings Keimbahntherapien beim Menschen überhaupt möglich sind, wird man - bei allem Optimismus der Experten - vor den ersten Erfolgen nicht sicher wissen. Spätestens dann werden das deutsche Gesetz und die Europaratskonvention schnell geändert werden. Und wir müssen uns fragen, warum Deutschland bei der Entwicklung dieser neuen Therapieform - so lebenserhaltend wie das Impfen - nicht seinen Beitrag zum Fortschritt der Menschheit geleistet hat. Er hätte unseren wissenschaftlichen Möglichkeiten und den Fähigkeiten unserer Forscher als Investition in die Zukunft entsprochen.Der Autor Ulrich Mueller, ist Soziologe und Arzt, er leitet das Institut für Medizinische Soziologie und Sozialmedizin in Marburg

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