Gesundheit : Eine Frage der Herkunft

Von George Turner, Wissenschaftssenator a.D.

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Eine Erhebung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden in Deutschland hat ergeben, dass junge Menschen aus sozial schwächeren Familien weiterhin auffallend weniger Chancen auf eine Hochschulausbildung haben als solche aus anderen Schichten. Obwohl mehr junge Deutsche als je zuvor ein Studium aufnehmen, partizipieren die verschiedenen sozialen Gruppen daran in unterschiedlichem Umfang.

Über einen Zeitraum von 20 Jahren hinweg sind derzeit Studierende aus einer hohen sozialen Herkunftsgruppe doppelt so häufig an den Hochschulen anzutreffen als zu Beginn der Vergleichszeit. Der Anteil aus so genannten hochschulfernen Milieus verringerte sich fast auf die Hälfte. Kinder von Vätern, die über eine Hochschulreife verfügen, beginnen zu 84 Prozent mit einem Hochschulstudium; nur 27 Prozent sind es bei Vätern mit einem Realschulabschluss; bei Vätern mit Hauptschulabschluss sind es 21 Prozent.

Von dem Anstieg der Studienanfängerquote um fünf Prozent in den letzten Jahren profitierten Kinder aus den verschiedenen Bildungsschichten sehr unterschiedlich. Auffällig ist der Rückgang bei der Mittelschicht. Das sind Studierende, die nicht die Voraussetzungen für das BAföG erfüllen, aber auch nicht über ausreichende eigene Mittel zur Finanzierung des Studiums verfügen. Angesichts solcher Befunde wird sofort der Ruf nach grundlegenden Reformen laut. Die Ganztagsschule scheint ein probates Mittel.

Keine Frage sollte es sein, dass soziale Herkunft kein Hindernis auf dem Weg zur Hochschule sein darf. Ebenso sollte alles getan werden, dass jeder Einzelne seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert wird. Dies ist nicht nur ein Gebot aus der Umsetzung des „Rechts auf Bildung“, sondern auch deshalb, weil das Land alle Reserven ausschöpfen muss, um in der internationalen Konkurrenz mitzuhalten.

Führen nicht aber solche Vergleichsdaten zu dem falschen Schluss, dass noch ein erhebliches Potenzial schlummert und nur geweckt werden muss? Es mag ja politisch nicht korrekt sein – die Frage ist aber dennoch zu stellen: Gibt es vielleicht auch einen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Befähigung? Ist es vielleicht so, dass bei unteren sozialen Schichten – unabhängig von der fehlenden Förderung durch die Eltern oder mangelnder Anreize durch das Umfeld – der Anteil derjenigen, die nicht über die entsprechende Befähigung verfügen, größer ist?

Dieser Frage muss man mindestens nachgehen, bevor womöglich Programme aufgelegt werden, den Anteil so zu steigern, bis ein Gleichgewicht erreicht ist. Auf eine solche Idee könnten Vertreter einer Quotenregelung kommen. Alles schon einmal da gewesen. Die Quotenfrau lässt grüßen.

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