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Gesundheit : Eine Frage der Herkunft

19.07.2005 00:00 UhrVon Anja Kühne, Amory Burcha

Mehr als Sprachprobleme: Warum türkische Jugendliche in der Schule oft versagen, ist umstritten

Bilge ist eine „Super-Abiturientin“, schrieb gestern die „Bild“. Die Zeitung zeigte die strahlende türkisch-stämmige 18-Jährige auf einem riesigen Foto auf der Seite 3. Bilge hat einen Abi-Schnitt von 1,2 erreicht, nun will sie Jura studieren, berichtete das Blatt. Direkt neben ihrem Bild: ein gleichgroßes Foto von Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der Freien Universität Berlin. Der Mann, der die „Berliner Dumm-Debatte“ gestartet habe, wie das Blatt berichtet: „Er glaubt, dass türkische Kinder weniger intelligent seien als deutsche.“

Dieter Lenzens Äußerung zur Pisa-Studie in der vergangenen Woche verursacht Wirbel.

Die Berliner Grüne Lisa Paus nannte Lenzens Statement „rassistisch“, Safter Cinar, der Sprecher des Türkischen Bundes, sieht „eine Art Lafontaine-Virus“ um sich greifen. Lenzen hingegen findet die ganze Debatte „unglaublich“, wie er gestern dem Tagesspiegel sagte. „Mir wird unterstellt, ich hätte behauptet, Türken würden doof geboren. Das ist dummes Zeug.“ Lenzen fühlt sich missverstanden, vielleicht sogar absichtlich.

In einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ hatte Lenzen am Freitag gesagt, die Pisa-Ergebnisse im Gebiet „Problemlösekompetenz“ zeigten, dass das „sprachfreie Intelligenzniveau“ der Berliner Schüler „nicht besonders niedrig“ sei. „Das zeigt ja das hohe Potenzial, was es hier gibt“, so Lenzen weiter. Dann fügte der Erziehungswissenschaftler hinzu: „Wobei es auch schon eine Studie aus Hannover gibt, nach der der Intelligenzquotient bei türkischen Migranten niedriger sein kann“. Auf den Einwurf des Journalisten „Das ist nicht Ihr Ernst!“ antwortete Lenzen: „Doch. Möglicherweise schlagen hier die Sprachdefizite durch.“

Lenzen beruft sich auf eine Studie, die zwei Psychologen der Universität Hannover im vergangenen Jahr veröffentlicht haben. Nach einem Test von etwa 700 Hannover Schülern stellen Joachim Tiedemann und Elfriede Billmann-Mahecha bei den meisten untersuchten Grundschüler mit türkischem Migrationshintergrund „Beeinträchtigungen“ in den „kognitiven Fähigkeiten“ fest, wie es in dem Aufsatz heißt. Bei den gestellten Aufgaben hätten sie größtenteils deutlich schlechter abgeschnitten als die anderen Schüler. Hierauf beruft sich Dieter Lenzen, wenn er von niedrigeren Intelligenzquotienten bei türkischen Migranten spricht.

In der Tat schneiden Migrantenkinder in deutschen Schulen durchschnittlich schlechter ab als ihre Mitschüler. Das zeigt auch die erste Pisa-Studie aus dem Jahr 2000. Betrachtet man etwa in Bremen, das mit 40,7 Prozent den größten Anteil von Schülern mit einer Migrationsgeschichte hat, nur die Kinder mit deutschen Eltern, schneidet das Land beim Lesen um dreißig Punkte besser ab als in der Gesamtwertung.

Doch die Pisa-Studie und auch die beiden Wissenschaftler aus Hannover vermeiden das Wort „Intelligenzquotient“ – aus gutem Grund, wie der Psychologie-Professor Tiedemann gestern auf Anfrage sagte: „Der Begriff ist vorurteilsbehaftet. Er erweckt schnell die Vorstellung einer genetischen Bestimmtheit.“ Die Wissenschaftler sind aber gerade im Gegenteil am „ förderbaren Denken“ interessiert, sagt Tiedemann.

Genau darum geht es aber auch Lenzen, wie er jetzt betont. „Der Intelligenzquotient ist nichts Angeborenes, sondern etwas, das sich im Lebenslauf entwickelt.“ 20 Prozent der Intelligenz könnten durch Förderung beeinflusst werden. Auf eben diese entscheidenden 20 Prozent habe er mit seiner Äußerung gezielt, sagt Lenzen. Seine Absicht sei es gerade gewesen, das Versagen der deutschen Schule bei der Förderung von Migrantenkindern zu kritisieren. „Was wir brauchen ist keine Kultur des Wegsehens, sondern eine Kultur des Hinsehens.“

Gibt es für die deutsche Pädagogik vielleicht Denkverbote? Warum sollen Wissenschaftler das Wort „Intelligenzquotient“ meiden, wenn sie den Begriff wie Lenzen nicht „statisch, sondern dynamisch“ begreifen? Oder wollte Lenzen vielleicht doch provozieren? Der Berliner Bildungssenator Klaus Böger (SPD) glaubt, dass „Lenzen missverstanden worden ist“. Die schlechteren Bildungschancen von Migrantenkindern lägen vor allem an deren schlechten Deutsch-Kenntnissen und den sozialen Problemen. Auch die Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität können die Aufregung um ihren Kollegen nicht nachvollziehen. Lenzens Thesen seien bei den Wissenschaftlern nicht umstritten, sagt Hans Merkens, Professor für Empirische Erziehungswissenschaft, der die Studie aus Hannover ebenfalls kennt. Merkens räumt aber ein, dass das Thema „höchst kompliziert“ sei und Wissenschaftler sich dabei schnell „auf vermintes Gelände“ begeben würden.

Die Psychologie-Professorin Billmann glaubt auch, Lenzen sei missverstanden worden. „Natürlich gibt es in Deutschland Denkverbote, vor dem Hintergrund unserer Geschichte ja auch aus gutem Grund. Aber deswegen darf man das Kind doch nicht mit dem Bade ausschütten“, verteidigt sie ihren Kollegen. „Umwelt und Erbe greifen tatsächlich ineinander.“

Die Erziehungswissenschaft wolle mit ihren Studien jedoch nicht „die Türken an den Pranger stellen“, sondern auf eine bessere Förderung von Migranten an den Schulen hinwirken, auf Chancengerechtigkeit. Es sei „skandalös“, das dies Deutschland so viel schlechter als anderen Ländern gelinge.

Die Schüler in Billmanns und Tiedemanns Test hatten „sprachfreie“ Aufgaben zu lösen, denn die Migrantenkinder sollten gegenüber den Muttersprachlern nicht von vornherein benachteiligt werden. So überprüften die Pädagogen das „logisch-schlussfolgernde“ Denken etwa, indem sie die Schüler Reihen von Figuren fortsetzen ließen. Fazit: Die schulischen Probleme von vielen Kindern mit Migrationshintergrund dürften nicht allein auf Sprachdefizite im Deutschen zurückgeführt werden, sondern hätten ihre Wurzeln oft in den „familiären Lebensbedingungen“, einem geringem „sozioökonomischen Status“, einer höheren Betroffenheit „von Arbeits- und Perspektivlosigkeit, einer geringeren Bildungsorientierung und damit verbunden einer verminderten kognitiven Förderung der Kinder“ – alles psychosoziale Faktoren. Safter Cinar vom Türkischen Bund hatte die Studie in einer ersten Reaktion „in der Tendenz rassistisch“ genannt.

Yasemin Karakasoglu, Professorin für interkulturelle Bildung an der Universität Bremen, erklärt die schulischen Defizite vieler Zuwanderer-Kinder mit dem niedrigen Bildungsstand, der sozialen Herkunft der Eltern und mit fehlender sprachlicher Förderung. Diese Faktoren könnten aber genau so auf Kinder mit zwei deutschen Elternteilen zutreffen. Das sieht Lenzen nicht anders, wie er versichert.

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