Gesundheit : Eine Frage des Alters

Vor einem Forschungsaufenthalt in Israel steht ein deutscher Post-Doc vor besonderen Fragen

Gregor Wille

„Es gibt schwierige Vaterländer, eines davon ist Deutschland!" Dieser Ausspruch von Bundespräsident Gustav Heinemann ging mir durch den Kopf, als ich nach Israel kam – in ein Land, wo jede aus Europa stammende Familie mindestens einen nahen Angehörigen durch die Deutschen meiner Großvätergeneration verloren hat. Schon wenige Tage später begegnete mir Henryk Kupferberg. Henryk ist heute 82 Jahre alt und das kleine Arbeitszimmer des emeritierten Professors grenzt an mein Labor im Weizmann Institut in Rehovot. Henryk hat Deutschland Mitte der 30er Jahre verlassen müssen. Doch als ich mich als Berliner vorstelle, verzieht er keinesfalls das Gesicht, sondern berichtet mir (nun auf deutsch!) von seinen Kooperationen mit Instituten in Göttingen und Berlin.

Unglaubliches Leid

Erstaunlicherweise bleibt Henryk kein Einzelfall: Fast alle älteren israelische Kollegen haben Gemeinschaftsprojekte mit Deutschland, von denen sie stolz erzählen, und es scheint, als sei die Vision des Institutsgründers und ersten Staatspräsidenten Israels, Chaim Weizmann, Wirklichkeit geworden. Dieser wollte 1932 südlich von Tel Aviv ein naturwissenschaftliches Forschungszentrum aufbauen und damit Menschen aus vielen Nationen zusammenführen. Sicher hat er nicht geahnt, dass diese Zusammenarbeit heute mit der Nation besonders gut funktioniert, die einst unglaubliches Leid über die Juden Europas brachte. Doch schon Weizmanns Weg nach Rehovot führte über Deutschland: Bevor er in der Schweiz promovierte, studierte er Chemie an der Technischen Hochschule zu Berlin-Charlottenburg, der heutigen TU.

Dabei wird die Zeit der Judenverfolgung durch die Nazis keineswegs ausgeklammert. Aber im Bewusstsein um diese Vergangenheit ist es möglich geworden, einander zu begegnen, miteinander zu arbeiten und Freundschaften zu schließen. Ein Beispiel dafür war die Verleihung des Karl-Schmidt Preises im vergangenen Jahr an den deutschen (nicht-jüdischen) Professor Hoffmann aus Marburg. Bei der Festveranstaltung skizzierte die Dekanin Schmidts Lebensweg, der in Deutschland Chemie studiert hatte. Anfang der 30er Jahre habe Schmidt Deutschland aus „offensichtlichen" Gründen verlassen. Trotz dieser schmerzlichen Vergangenheit wurde Hoffmann von einem israelischen Kollegen für die Auszeichnung vorgeschlagen, der selbst kurz nach Kriegsende bei Ulm auf die Welt kam, während seine Eltern (gerade dem KZ entkommen) auf dem Weg nach Palästina waren.

Obwohl das Leid nicht vergessen ist, verbindet viele, vor allem ältere Israelis mit Deutschland auch das Gefühl der Heimat. Einen Einblick liefert die hebräische Sprache, in die einige jiddische Ausdrücke aus dem deutschsprachigen Raum direkt übernommen wurden. So ist der „gefillte Fisch" eine bekannte Spezialität, die so auf den Speisekarten steht, obwohl Fisch auf hebräisch „dag" heißt. Doch längst nicht alle älteren Israelis haben heimatliche Erinnerungen an Deutschland. Am Holocaust-Gedenktag ertönen in ganz Israel die Alarmsirenen und jeder steht für kurze Zeit still. So auch, als ich bei Edna in der Zahnarztpraxis auf dem Behandlungsstuhl saß. Bei Beginn des Alarms entschuldigte sie sich und stellte sich mit dem Gesicht zur Wand.

Ich versuchte mir vorzustellen, was die fünfzigjährige Frau bewegt. Eben noch gedachte sie ihrer Familie aus Polen, die fast vollständig von den Nazis ermordet wurde, und wenig später plombiert sie den Backenzahn eines Deutschen. Die Frage, wie sie beides zusammenbekommt, versetzt sie so in Erstaunen, wie mich ihre Antwort. Darüber habe sie noch gar nicht nachgedacht. Mit meinen 33 Jahren sei ich eindeutig zu jung, um etwas mit der damaligen Judenverfolgung zu tun zu haben. Doch dann hält sie inne. Vielleicht wäre ihr dieser Gedanke schon vorher gekommen, wenn ich älter gewesen wäre – sie wisse es nicht genau.

Rechtsradikale Tendenzen in Deutschland werden zwar argwöhnisch registriert, doch bereiten Wahlerfolge von Rechtsextremisten wie Haider mehr Sorgen. Auch unterstellt man etwa Österreich, dass dort deutlich mehr Strukturen der braunen Vergangenheit überlebt haben als in Deutschland. Vielleicht kann man es auf diesen Nenner bringen: Solange sich jeder Deutsche in Israel darüber bewusst ist, was damals geschah, wird von keinem erwartet, ständig eine schuldbewusste Miene aufzusetzen.

Im Kollegenkreis haben wir seit Beginn des Palästinenseraufstandes viel über die aktuelle Lage gesprochen. Bei solchen Diskussionen geht es in Israel sehr lebhaft zu, und häufig wurden meine kritischen Anmerkungen zur Politik der Regierung nicht von allen geteilt. Es kam auch vor, dass mir die Kompetenz für ein Urteil abgesprochen wurde, weil ich nur zu Besuch hier bin. Aber niemals wurde mir die Kritik verboten, nur weil ich Deutscher bin.

Der Autor ist Chemiker und hat am renommierten israelischen Weizmann-Institut geforscht.

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