Gesundheit : Eine Impfung für die Öffentlichkeit

Bas Kast

"Es gibt Technologien in der Medizin, die sind so wirksam, dass sie in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt bleiben", hat der New Yorker Mediziner Louis Thomas einmal gesagt. "Sie werden einfach als selbstverständlich hingenommen."

Zum Thema Foto-Tour: Milzbrand weltweit
Online Spezial: Bio-Terrorismus
Stichwort: Milzbrand
Hintergrund: Seuchenexperten
Web-Link: Robert-Koch-Institut So erfolgreich, dass keiner sie bemerkt - besser könne man Impfstoffe gar nicht beschreiben, sagt Stefan Kaufmann, Direktor am Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin.

Am gestrigen Mittwoch wurde der "Georg von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschafts-Journalismus" verliehen. Aus diesem Anlass trafen sich vor der Preisverleihung drei Experten zu einem Symposion. Thema der Veranstaltung: "Infektionskrankheiten im 21. Jahrhundert. Eine globale Herausforderung."

Neben Kaufmann sprachen der Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), Reinhard Kurth, und Thomas Finkbeiner, stellvertretender Vorsitzender von "Ärzte ohne Grenzen".

Vor 30 Jahren etwa "schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis Infektionskrankheiten eine Randnotiz in der Menschheitsgeschichte sein würden", sagte Kaufmann. Penizillin und neue Antibiotika machten den Bakterien den Garaus. Gegen die wichtigsten Viren hatte man Impfstoffe entwickelt.

Mit BSE und Aids schien damals keiner zu rechnen. "Die Mitte des 20. Jahrhunderts kann als der Abschluss einer der wichtigsten sozialen Revolutionen der Menschheitsgeschichte angesehen werden: Die fast vollständige Ausrottung der Infektionskrankheiten", jubelte schon 1962 Nobelpreisträger Sir MacFarland Burnet.

Manchmal bestraft das Leben auch dem, der zu früh kommt: Infektionskrankheiten sind längst wieder auf dem Vormarsch. Und jetzt, da sich die Welt mit der Gefahr von Bioterrorismus auseinandersetzen muss, kehren sie auch zurück in unser Bewusstsein.

Über 50 neue Infektionskrankheiten habe man in den letzten Jahrzehnten diagnostiziert, so RKI-Präsident Kurth. Die Zahl der Todesfälle allein durch Tuberkulose liegt höher als alle Todesfälle durch Krieg, Bioterrorismus, Unfälle, Diabetes, Alzheimer, Parkinson und Brustkrebs zusammen. Das gleiche gilt für den Aids-Erreger HIV. "Knapp 40 Prozent aller verlorenen Lebensjahre sind auf Infektionskrankheiten zurückzuführen", sagte Kaufmann.

Neben Tuberkulose und HIV gehört Malaria zu den drei Hauptkillern. Sie grassieren ausgerechnet dort am stärksten, wo es am wenigsten Geld gibt, etwas gegen sie zu tun: in Afrika.

Dabei sind gerade Impfungen verhältnismäßig billig. Impfungen gegen Kleinkindtuberkulose, Kinderlähmung und Gelbsucht etwa kosten zwischen zehn und 50 Mark - geradezu ein "Schnappchenpreis gegenüber vielen anderen Maßnahmen der Medizin", so Kaufmann. Trotzdem sterbe "die Mehrzahl der Patienten, weil sie es sich nicht leisten können, krank zu sein", sagte Finkbeiner von "Ärzte ohne Grenzen".

Während der Kolonialzeit etwa wurde noch "fieberhaft daran gearbeitet", Medikamente gegen Tropenkrankheiten zu entwickeln, um tropische Seuchen, wie Malaria, zu bekämpfen "und damit den Kolonialherren ein Überleben zu ermöglichen", sagte Finkbeiner.

Seither, so Finkbeiner, habe man auf diesem Gebiet einen Gang runtergeschaltet: Von 1975 bis 1997 kamen 1200 neue Arzneien auf dem Markt, 13 davon für die Behandlung von Tropenkrankheiten, das entspricht etwa ein Prozent.

"Die Rendite-Erwartungen für die Industrie sind bei der Impfung relativ gering", sagte Kaufmann - insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass eben gerade die ärmsten Länder die Impfungen am nötigsten brauchen. "Da darf man sich nicht wundern, wenn die Industrie nicht besonders motiviert ist."

Deshalb seien Stiftungen wie die von Bill und Melinda Gates so wichtig, die mit 17 Milliarden US-Dollar "jedem Kind, unabhängig davon, wo und unter welchen Bedingungen es lebt, lebensrettende Impfstoffe zur Verfügung stellen" will (Bill Gates).

Doch auch hierzulande gibt es Defizite - sie betreffen vor allem unsere notorische Impfmüdigkeit. So stuft die Weltgesundheitsbehörde Deutschland etwa, was die Masern-Impfung angeht, mit 40 bis 60 Prozent Durchimpfung geradezu als Entwicklungsland ein. "In Großbritannien erkrankten im letzten Jahr 300 Erwachsene an Masern - alle nicht geimpft", sagte Kaufmann.

Erst die Gefahr des Bioterrorismus hat das Thema Impfung schlagartig wieder ins Rampenlicht gerückt. Gerade da aber raten die Experten zu Zurückhaltung: Zwar gibt es Impfungen gegen Milzbrand und andere potenzielle Biowaffen, die Wirksamkeit ist aber unklar, und das Risiko von Nebenwirkungen hoch.

Kaufmann selbst war Anfang der 90er Jahre im russischen Obolensk zu Besuch in einem Biowaffen-Institut der früheren Sowjetunion. "Ich glaubte, meinen Augen und Ohren nicht zu trauen", sagte er. So hatte man in Obolensk nicht nur Antibiotika resistente Milzbrandstämme entwickelt, sondern auch Pest-Erreger, die gleichzeitig noch das Diphtherie-Gift herstellen.

Was Kaufmann in Biowaffen-Institut in Obolensk sah, überzeugte ihn davon, "dass so manches Horrorszenario, das heute an die Wand gemalt wird, eben kein reines Denkspiel ist, sondern in der Realität längst durchgespielt wurde".

Ziel der Forschung müsse es sein, "allgemeine Prinzipien der Infektion" weiter aufzuklären. "Skandale um BSE" und "Horrormeldungen über den Bioterrorismus", sagte Kaufmann, könnten vielleicht auch etwas Positives bezwecken: dazu beitragen nämlich, dass die Bedrohung durch Erreger endlich wieder verstärkt wahrgenommen wird.

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