Gesundheit : „Eine Inspiration für die Studenten“

Lord Norman Foster über seine neue Bibliothek für die Freie Universität Berlin

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Das „Rostlaube“ genannte labyrinthartige Hauptgebäude der Freien Universität hat sich im Bewusstsein der Stadt mit dem Bild einer heruntergewirtschafteten Massenuniversität verbunden. Wollten Sie der FU mit „The Brain“ ein neues Image geben, Lord Foster?

Als die Freie Universität in den 60er Jahren vollendet wurde, bejubelte man sie als Meilenstein der Universitätsarchitektur. In den 90er Jahren befanden sich die Gebäude allerdings in einem baufälligen Zustand und waren mutwillig beschädigt worden. Wir wollen diese Ikone des Modernismus wieder herstellen. Die verrosteten Paneele der Cortenstahlfassade haben wir durch ein neues, aus Bronze hergestelltes System ausgetauscht. Die räumliche Anordnung im Inneren haben wir so umgestaltet, dass sie modernen Lehrformen entspricht. Die neue Bibliothek ist ein Beispiel eines umwelttechnisch progressiven Designs. Wir gehen davon aus, dass die Studenten hunderte Stunden in der Bibliothek verbringen und haben versucht, ihnen eine hochattraktive Umgebung zu bieten, die natürlich beleuchtet und belüftet ist.

Sie sind ein sehr vielseitiger Architekt. Doch für die Berliner Bevölkerung ist Ihr Name unauflöslich verbunden mit der Reichstagskuppel. Auch die Form der neuen Bibliothek erscheint als Kuppel. Ist dies ein Zufall, oder gibt es eine parallele Aussage, die Sie mit beiden Gebäuden treffen wollen?

Es gibt selbstverständlich einen engen ökologischen Zusammenhang – beide Gebäude sind von natürlichem Licht und frischer Luft erfüllt –, aber davon abgesehen sind sie durchaus verschieden.

Wegen des knappen Berliner Kostenrahmens mussten Sie Abstriche bei der Planung machen. Die oberste Leseebene und das Technikgeschoss wurden nicht realisiert. Fehlt jetzt etwas?

Unser Entwurf erfüllt die Funktionen der Bibliothek vollkommen. In keiner Planungsphase ergab sich ein Bedarf, Bücherregale auch auf der oberen Leseebene aufzustellen. Die Kapazität von 700 000 Bänden wurde durch den Wegfall nicht verringert. Die Leseplätze, die wir verloren haben, konnten wir in die vier anderen Leseebenen integrieren. Aufgrund ihres fortschrittlichen Umweltkonzepts braucht die Bibliothek auch keine konventionelle Klimaanlage und Betriebsservice.

Wie wird es sein, in der Bibliothek zu arbeiten?

Sehr angenehm. Die Studenten sitzen in Arealen mit doppelter Deckenhöhe unter dem gewölbten Himmel der Innenmembran. Es gibt Durchblicke auf den Himmel und kühlende frische Luft. Der Bibliotheksraum ist ruhig und still, während die Außenhaut des Gebäudes tagsüber von Lichteffekten sanft belebt wird. Es wird dort sehr anders sein als in anderen Bibliotheken.

Berlins bei Wissenschaftlern und Studenten beliebteste Bibliothek ist Hans Scharouns Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße. Hat der Bau Sie inspiriert?

Hans Scharoun war ein wunderbarer Architekt und ich halte die Staatsbibliothek und seine Philharmonie für die beiden bedeutendsten deutschen Gebäude der Nachkriegszeit. Der Entwurf für die Freie Universität folgt allerdings seiner eigenen Logik und einem einzigartigen Programm. Scharouns Bibliothek ist aber auch – wie mir Christian Hallmann, mein Kollege in unserem Berliner Büro sagt – für ihre soziale Atmosphäre bekannt, und sie ist zu einem der beliebtesten öffentlichen Räume Berlins geworden. Wir würden uns natürlich freuen, wenn auch unsere Bibliothek einer der beliebtesten Orte der Stadt wird – und eine Inspiration für Generationen von Studenten.

Die Fragen stellte Amory Burchard.

Lord Norman

Foster (70) ist Chef des Architekturbüros Foster and Partners. In Berlin baute Foster die Reichstagskuppel und die Philologische Bibliothek der Freien Universität.

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