Gesundheit : „Eine Literatur, die mehr als Dichtung ist“

Sigrid Weigel will die Geisteswissenschaften an der TU Berlin ganz auf Natur und Technik konzentrieren

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Frau Weigel, woher kommt die Verweigerungshaltung der Geisteswissenschaftler gegenüber den Naturwissenschaften?

Die Mehrheit von ihnen fand es lange schick, nichts von Mathe zu verstehen. Die Fortschrittsfeindlichkeit ist ein Erbe von ’68. Allerdings interessiert sich auch kaum ein Naturwissenschaftler für die Herkunft seiner Begriffe, was verantwortungslos ist. Um die Ignoranz auf unserer Seite zu überwinden, brauchte es erst die kulturwissenschaftliche Wende, die vor etwa 15 Jahren begann. Seitdem beschäftigen sich Literaturwissenschaftler nicht nur mit Literatur und Kunsthistoriker nicht nur mit Kunst. Sondern sie nutzen ihre Methoden, wie zum Beispiel Philologie, Metaphorik und Ikonografie, um Phänomene des Wissens zu analysieren. Die Generation der 30 bis 40-Jährigen steht bereit, einen Neuanfang mitzugestalten, wie wir ihn jetzt an der Technischen Universität wollen.

1968 gab die Technische Universität auch das „humanistische Studium“, das Ingenieurstudenten seit 1948 absolvieren mussten, auf. Die Studenten interessierten sich nicht dafür, aber die geisteswissenschaftlichen Fächer existierten weiter.

Die geisteswissenschaftliche Fakultät ist zu einer ganz normalen Fakultät geworden, wie sie an allen Volluniversitäten existiert. Sie hat mit den natur- und technikwissenschaftlichen Fächern wenig zu tun. Das ist ein Problem, dem wir uns stellen: mit einem neuen Konzept für die Geisteswissenschaften.

Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie gehören nicht zu den Kernfächern, für die Präsident Kutzler und die Berliner Wirtschaft angesichts der Sparzwänge kämpfen. Und wenn die TU die Lehrerausbildung verliert, gehen bei Ihnen die Lichter aus.

Im Gegenteil. Wenn aufgrund der Strukturmaßnahmen die Lehrerausbildung auf die anderen beiden Unis verlagert wird, können wir das nutzen, um unsere Institute ganz auf die technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen auszurichten. Deshalb schlagen wir vor, drei interdisziplinär ausgerichtete Schwerpunkte zu schaffen: einen für europäische Literaturgeschichte und Moderne, einen für Philosophie und Kommunikationswissenschaften und einen zur Erforschung von Kultur, Technik und Naturwissenschaft im historischen Wandel.

Sie stellen sich gegen eine starke Strömung, die Ihren Bereich eher ab- als aufbauen will.

Dass die Geisteswissenschaften nicht mehr auf der Agenda der Wissenschaftspolitiker stehen, ist ein Produkt von Kurzsichtigkeit. Gesellschaftspolitisch gibt es kaum eine wichtigere Aufgabe, als die rasante Entwicklung der Natur- und Technikwissenschaften zu begleiten – durch Analysen ihrer kulturellen und historischen Zusammenhänge. Wir müssen die Kulturgeschichte des Wissens erforschen. Das wäre auch eine Chance, international wettbewerbsfähig zu sein. In der angloamerikanischen Wissenschaft ist das ein starker innovativer Trend: „literature and science“, die Rhetorik und Metaphorik der Wissenschaften.

Der Wissenschaftsrat hat schon im Jahr 2000 empfohlen, die Philologien an der TU sollten „künftig eine klare Verbindung zu den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern aufweisen“. Was ist seitdem geschehen?

Solche Dinge brauchen Zeit. Aber jetzt planen wir einen Studiengang Europäische Literaturgeschichte mit starkem wissenschaftsgeschichtlichen Akzent. Im Zentrum stehen Renaissance, Aufklärung und Moderne, also Epochen forcierter Innovation, auf deren Erkenntnisse und Methoden noch heutige Forschung aufbaut. Ein entsprechendes Konzept hat die Fakultät gerade verabschiedet. Und was wir am Berliner Zentrum für Literaturforschung machen, geht genau in diese Richtung. Ein Beispiel: Unser Forschungsprojekt zur Geschichte der Generationen. Sie geht zurück auf das 18. Jahrhundert, als sich ein biowissenschaftliches Konzept getrennt hat von einem soziologischen und pädagogischen. Im 19. Jahrhundert ist Generation dann ein Terminus technicus in der experimentellen Forschung der Biologie, zugleich aber auch eine Pathosformel der Geschichtswissenschaft. Historiker wissen meist nicht, wie viel Biologie an diesem Begriff hängt, und die Biologen nicht, dass ihr Modell ganz stark aus der französischen Revolution gespeist ist.

Wie soll die neue geisteswissenschaftliche Fakultät aussehen?

Das Studium soll Grundlagen der jeweils anderen Klasse der Wissenschaften vermitteln. Dieses Studium aber muss in der Forschung fundiert sein, so dass Geistes- und Naturwissenschaftler auf Augenhöhe kooperieren. Die Idee, die in Berlin herumgeistert, die TU sollte ihre Geisteswissenschaften auf eine kleine Anzahl so genannter Leuchttürme reduzieren, ist zum Scheitern verurteilt.

Warum?

Ein bisschen humanistische Bildung für zukünftige Ingenieure – das erinnert mich an höhere Töchter, die als Ehefrauen wohl situierter Männer ein wenig Bildung brauchten, damit sie in Gesellschaft gescheit Konversation treiben konnten. Wenn man es richtig machen will, brauchen wir die drei genannten Schwerpunkte um einen wissenschaftsgeschichtlichen Kern mit kulturwissenschaftlicher Ausrichtung: erkenntnistheoretische Kompetenz und damit die Philosophie; die Kunst- und Medienwissenschaft, weil die Bilder des Wissens zentral sind. Das gilt auch für die sprachlichen Bilder, also brauchen wir auch die Literaturwissenschaft – eine, für die Literatur weit mehr ist als Dichtung.

Alle Studienreformen zielen darauf, Studienzeiten zu verkürzen. Und jetzt soll ein Biostudent in die Literaturgeschichte einsteigen, um die Evolution kulturgeschichtlich zu begreifen?

Nein, er soll sich mit Geisteswissenschaftlern gemeinsam darüber Rechenschaft ablegen, woher seine Begriffe kommen und auf welche kulturellen Kontexte seine Ergebnisse treffen. Man kann ja auch mal unter ökonomischen Gesichtspunkten fragen, wie viel Geld für Forschung ausgegeben wird, bei der man sich erst, wenn das Ergebnis da ist, fragt, ob es überhaupt kultur- oder sozialverträglich ist.

Bis 2006 werden am Institut für Literaturwissenschaft alle Profs außer Ihnen emeritiert. Hoffentlich kein Anlass, das Fach zu streichen.

Ja, es geht eine bedeutende Germanistik zu Ende, für die Walter Höllerer steht.

… der große 2003 verstorbene TU-Germanist, der das literarische Leben in Berlin über Jahrzehnte prägte.

Und das kann man nicht kopieren. Wir haben jetzt die Chance, Stellen neu zu besetzen, das Fach vollkommen neu auszurichten.

Das Gespräch führte Amory Burchard.

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