Gesundheit : Eine Nachtwanderung, drei Witze

Gerlinde Unverzagt

Was sollte heute ein Kind in den ersten sieben Lebensjahren wissen, können, erfahren haben? Womit sollte es zumindest in Berührung gekommen sein? "Ein siebenjähriges Kind sollte vier Ämter im Haushalt ausführen können, eine Sonnenuhr gesehen und eine Nachtwanderung gemacht haben, wissen, was Grundwasser, eine Lupe, ein Stadtplan ist, einmal auf einem Friedhof, in einer Bücherei, in einem Museum gewesen sein", liest Donata Elschenbroich einige Beispiele aus ihrem Buch "Das Weltwissen der Siebenjährigen" vor, das sie in der Pankower Klax-Elternakademie vorstellte. Als den "Entwurf eines Bildungskanons für die frühen Jahre", dessen Bestandteile sie aus über 150 Gesprächen mit Menschen allen Alters, aller Schichten und Bildungshintergründe gewonnen hat, versteht die Soziologin ihre Recherche zu der Frage: "Welches Wissen von der Welt wünschen wir Kindern in den ersten sieben Jahren?"

Warum Siebenjährige? "Eine magische Zahl", sagt sie, "ein erster Lebensabschnitt in vielen Kulturen. In Deutschland markiert er eine Schwelle vom beiläufigen zum formalisierten Lernen; dieser Lebensabschnitt mündet ins erste Schuljahr". Donata Elschenbroich macht keinen Hehl aus ihrer Überzeugung, dass die kreative Bereitschaft, Probleme zu lösen, in der Schule eher behindert werde. Der Enge und Begrenztheit eines schulischen Bildungsbegriffs stellt sie das Bild vom Kind als Forscher, Erfinder gegenüber, das durch Schreib-Ecken, Werkbänke und vielfältige Gelegenheiten, die Welt auf eigene Faust zu erkunden, stimuliert wird. Das Leben lernen statt Wissen anhäufen - ein so verstandener Bildungsauftrag passt ihrer Meinung nach zur Wissensgesellschaft, in der wir leben.

Eltern und Erzieher sind zumeist noch im leistungskritischen Klima der 80er Jahre aufgewachsen - Jahre, in denen auch das Bild von den ersten Lebensjahren als Spielparadies entstanden ist, das lange in die pädagogische Ermahnung einfloss: Bloß die Kindheit nicht verschulen! "Noch heute entwerfen Erzieherinnen bevorzugt Rückzugsecken, geschützte Raumebenen in Kindergärten mit gedimmtem Licht, Klangmulden, Duftkoje, gepolsterter Hängematte." Im Kindergarten würden regressive Phantasien ausgelebt - während die Schule einseitig auf Leistung ausgerichtet sei.

Das alte Bild von den ersten Lebensjahren habe Kinder lange klein gehalten, abgedrängt aufs Spielen und weit entfernt vom Ernst des Lebens, aber auch der Freude am Lernen. Diese Haltung weiche einem neuen Interesse an den Lernstrategien der Kinder, ihrer Neugier und ihren Fähigkeiten. "Auf die Erwartung kommt es an", unterstreicht Elschenbroich den gewandelten Blick aufs Kind und seine Bedeutung für die Bildungsdiskussion. So setzten politische Erwartungen an Bildung nach wie vor zuallererst an der Universität an, um dann abwärts herunterdefiniert zu werden übers Gymnasium bis allenfalls zur Grundschule.

"Für die frühen Jahre ist nichts mehr übrig", kritisiert Donata Elschenbroich und nennt ein Beispiel: Als das Bildungsministerium in der Delphi-Studie, einer Befragung von über 1000 Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, deren Einschätzungen zur Zukunft des Wissens und den vermuteten Rückwirkungen auf das Bildungssystem abfragte, sei im Entwurf des Fragebogens unter 80 Fragen nicht eine einzige auf die vorschulische Zeit gerichtet gewesen. "Das war die Idee zu meiner Recherche", erklärt Donata Elschenbroich ihren Einstieg in die Forschergruppe, die für die Delphi-Studie verantwortlich zeichnet. "Im letzten Moment wurden noch zwei Fragen zu Bildungserfahrungen in vorschulischer Zeit aufgenommen." Sie brachten die Gespräche in Gang, aus denen ihr Buch entstanden ist: mit dem Direktor eines Altenheims, einem Erzbischof, dem General der Schweizer Armee, dem Verkäufer im Bahnhofskiosk und vielen anderen.

"Jeder, der mit Kindern umgeht, hat darüber etwas zu sagen", so die Autorin. Die Liste des Weltwissens wurde lang und länger, und sie endet mit einem Komma. "Drei Fremdsprachen oder Dialekte am Klang erkennen, drei Rätsel, drei Witze erzählen können, und ein chinesisches Zeichen geschrieben haben", wurde unter anderem genannt. Besonders das Letztere habe viele Leute geärgert, sagt sie. Elschenbroich will durchaus provozieren, immer aber anregen, die Liste nach eigenen Vorlieben zu ergänzen und darüber nachzudenken, welche Bildungsgelegenheiten wir unseren Kindern schulden. "Nicht eine Checkliste der bei den Kindern abzuprüfenden Fertigkeiten und Erfahrungen, sondern eher eine Checkliste der Pflichten der Erwachsenen" sieht sie darin.

Ein Beispiel: das Schreiben- und Lesenlernen. Die allgemeine Überzeugung, das Schreibenlernen gehöre in die Hände von Experten, habe viele Eltern verschreckt. Elschenbroich berichtet von Fällen, in denen Kinder im Kindergarten verbargen, dass sie bereits schreiben konnten, weil sie glaubten, ihre Eltern dadurch in ein schlechtes Licht zu setzen. In Elschenbroichs Film "Ins Schreiben hinein", den sie ebenfalls vorstellte, geht es um den Umgang kleiner Kinder mit Schriftzeichen. Man sieht einen dick vermummelten Vierjährigen, der vor einer Hauswand freudestrahlend auf und ab hüpft, dabei ruft: "ein S, ein S" und auf das Ende der Parole "Nieder mit dem Kolonialismus" deutet. Zusammen mit anderen Kindern und zwei Erzieherinnen ist er in der Stadt unterwegs, um Buchstaben zu sammeln. Mit höchster Konzentration kritzeln die Kinder Buchstaben und Zahlen auf Sonderangebotsschildern, Postern und Plakaten ab. Nur in den Jahren vor der Schule könnten Kinder auf eigenen Wegen in die Schrift finden.

"Vorschulzeit als elementare Bildungszeit", so beschreibt Donata Elschenbroich die gesteigerte Erwartung an die frühen Jahre, die sich in der Diskussion um Bildung niederschlagen müsse. Und mit der Frage aus dem Publikum, ob Bildung gegen Konsumzwang und Markenterror wappnen könne, geht die Diskussion schon los.

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