Gesundheit : Eine Tagung beschäftigt sich mit der Interpretation von Vergangenheit im Dokumentarfilm

Andreas Unger

Ob Holocaust, Vietnam-Krieg, Golfkrieg oder der Nato-Einsatz im Kosovo - Medien prägen heute das Bild von Geschichte. "Geschichte wird gemacht!", so lautete denn auch der Titel einer dreitägigen Tagung zur Konstruktion nationaler Geschichtsbilder, die heute in Berlin endet. Dass Geschichte "gemacht" wird, darüber war man sich noch einig. Doch welche Geschichte erzählen Dokumentarfilmer, wenn sie sich mit Vergangenem beschäftigen? Wie konstruieren und verändern sie kollektive Geschichtsbilder? Welche Tabus, Stereotype und Feindbilder spielen dabei eine Rolle? Gibt es nach dem Ende des "Kalten Krieges" noch stark national geprägte Sichtweisen?

Zunächst wollten Historiker, Filmemacher und Politologen aus Deutschland, Frankreich und Polen klären, ob Dokumentarfilmer dieselben Geschichten wie die Historiker erzählen. Susanne Brandt, Historikerin an der Uni Düsseldorf, gab in ihrem Vortrag eine klare Antwort: Ja. Denn beide verfolgen ihrer Meinung nach dasselbe Ziel - "Sie konstruieren Geschichte". Eine strenge Trennung zwischen Dokumentation und Fiktion sei dabei nicht durchzuhalten. Entscheidend sei die Frage, wie transparent Filmemacher oder Historiker vorgehen: Reflektieren sie ihre eigene Subjektivität? Wird die Argumentation deutlich? Wie stark werden Zeitzeugen in Szene gesetzt? Wird der aktuelle Forschungsstand berücksichtigt? Werden Quellen genannt? Transparenz, nicht Authentizität sei gefragt, da Geschichtsschreibung und -darstellung immer nur eine bestimmte Perspektive wiedergeben können.

Dem Publikum der vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms in Zusammenarbeit mit Arte und dem Polnischen Kulturinstitut Berlin getragenen Veranstaltung war das zu beliebig. Uneingeschränkte Subjektivität sei nicht erlaubt, die Perspektive müsse nachvollziehbar sein, hieß es.

Dokumentarfilme prägen nationale Geschichtsbilder - und umgekehrt. Stark vom nationalen oder ideologischen Standpunkt durchdrungene Sichtweisen in der Geschichtsschreibung spiegeln sich auch in den entsprechenden Filmen wider. Ein Vortrag von Hannes Heer vom Institut für Sozialforschung Hamburg machte dies deutlich. Heer leitet die 1995 eröffnete Ausstellung "Angriffskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-44", die großes Aufsehen erregte. Anhand von Ausschnitten aus fünf Filmen zeigte er, wie sich der Mythos von der "Sauberen Wehrmacht" über dreißig bundesrepublikanische Jahre hin schrittweise auflöste.

Zunächst wurden Ausschnitte aus dem Film "Das große Reich" von 1961 gezeigt. Bilder von Ukrainern, die den deutschen Besatzern zujubeln und dankbar ihr Brot entgegennehmen, transportieren eine klare Botschaft: Die Wehrmacht als Befreier vom Bolschewismus. Wird hier Geschichte gemacht oder verdrängt? Gemacht, sagt Heer, im Sinne von aktiv umgeschrieben. Eine andere Richtung schlägt Guido Knopp mit seiner Dokumentation "Der verdammte Krieg" (1993) ein. Hier wird die Mithilfe der Wehrmacht bei der Deportation von Juden ins Bild gerückt - noch deutlicher wird dies in Knopps "Hitlers Krieg" von 1998, in dem Zeitzeugen die organisatorische und personelle Mithilfe bei der "Endlösung der Judenfrage" belegen.

Unter anderen Vorzeichen lebte der "Mythos saubere Wehrmacht" auch im Dokumentarfilm der DDR weiter. Die Produktion "Du und mancher Kamerad" erklärt 1956 die deutschen Soldaten für unschuldig: Sie seien vom kapitalistischen Nazi-Regime ausgebeutet worden, suggeriert eine Sequenz aus dem Film: "Dafür ihr Mut, dafür ihre Tapferkeit, dafür ihre Entsagung. Dafür starben sie." Auch Dokumentarfilme sind Kinder ihrer Zeit.

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