Gesundheit : Eine Tat kommt selten allein

Rückfällig: Warum Menschen das gleiche Delikt immer wieder begehen

Rolf Degen

Unser Rechtssystem geht von der Annahme aus, eine Strafe halte Menschen vom Begehen weiterer Übeltaten ab. Weil sie die schlimmen Folgen ihres bösen Handelns vor Augen führe, wirke die Strafe abschreckend. Kriminologen sind überzeugt, die hohe Gewissheit, bestraft zu werden, halte viel wirksamer von neuen Straftaten ab als ein strenges Urteil oder ein kurzer Zeitraum zwischen Tat und Sühne.

Doch Wissenschaftler haben in den letzten Jahren Anzeichen für den umgekehrten Effekt gefunden. In einigen Studien hielten es bereits Bestrafte für weniger wahrscheinlich, ein weiteres Mal erwischt zu werden, als jene, die noch keinen Denkzettel verpasst bekommen hatten. Sie begingen dieselbe Tat sogar häufiger noch einmal als Unbestrafte, so Kriminologe Greg Pogarsky von der Universität von Albany im US-Staat New York.

In einer Erhebung wurden rund 1700 Führerscheinbesitzer befragt, ob sie von der Polizei schon einmal mit Alkohol am Steuer gefasst worden waren. Es zeigte sich, dass ausgerechnet diejenigen, denen dies schon einmal passiert war, die Missetat besonders oft wiederholt hatten. Sie hatten sich auch ziemlich sicher gefühlt, beim nächsten Mal unentdeckt zu bleiben. Das gleiche Muster zeigten Studien zum Cannabis- und zum Alkoholkonsum von Minderjährigen.

Für diese Befunde findet Pogarsky zwei verschiedene Erklärungen. Vielleicht überführten die Strafverfolgungsbehörden besonders häufig den harten Kern der „Neigungstäter“, die besonders stark motiviert seien, über die Stränge zu schlagen und die das Risiko der Bestrafung notorisch ignorierten.

Die andere Erklärung klingt auf den ersten Blick abenteuerlich. Vielleicht macht die Erfahrung der Strafe die Betroffenen leichtsinnig, weil sie einen Denkfehler, den „Spielerfehlschluss“, begehen. Die Missetäter verhalten sich wie Spieler im Casino, die glauben, eine bestimmte Zahlenkombination komme nicht zweimal vor oder nach einer Serie von Rot müsse jetzt Schwarz kommen.

Die Spieler unterliegen dem Trugschluss, auch kleine Stichproben müssten repräsentativ sein. Ebenso glauben die Täter, die einmal verhängte Strafe hätte sie gegen eine Wiederholung „immun“ gemacht – nach dem Motto: Der Blitz trifft nicht zweimal dieselbe Stelle.

Um diesen Alternativen auf den Grund zu gehen, führte Pogarsky eine Untersuchung mit knapp 300 Studenten durch. Die Probanden gaben Auskunft, ob sie schon einmal wegen Trunkenheit am Steuer Ärger mit der Justiz hatten und wie sicher sie sich waren, beim nächsten Mal mit dieser Tat durchzukommen. Dann wurde ihnen folgende Frage gestellt: Eine geworfene Münze zeigt viermal hintereinander „Kopf“. Steigt nun die Wahrscheinlichkeit, dass beim nächsten Wurf „Zahl“ drankommt?

Tatsächlich konnte Pogarsky das Wirken des Spielerfehlschlusses aufzeigen. Allerdings nicht beim harten Kern der Neigungstäter, sondern nur bei jenen, die insgesamt wenig antisoziale Verhaltensweisen und einen vergleichsweise niedrigen Alkoholkonsum an den Tag legten. Diese leicht Involvierten wurden nach einer Bestrafung wirklich leichtsinniger und endeten häufiger als Wiederholungstäter.

Bei den Personen mit hoher Belastung war dieser Effekt nicht zu sehen. Das Vorliegen einer Strafe hatte bei ihnen keinen Einfluss auf die Gewissheit, beim nächsten Mal erwischt zu werden.

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