Gesundheit : Eine Überdosis Ehrgeiz

Motivationsforscher wissen jetzt, was Graffiti-Sprayer umtreibt

Doris Marszk

Es ist eine unbezahlte Nachtarbeit, und es muss fast immer im Akkord gearbeitet werden. Mehr noch: Wer an seinem Arbeitsplatz angetroffen wird, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Kaum vorstellbar, dass sich jemand auf so etwas einlässt. Und doch ziehen in den europäischen Städten Nacht für Nacht junge Leute, meist junge Männer, los, um an irgendeiner Wand ihren „tag“ oder ihr „piece“ zu hinterlassen. Motivationsforscher an der Universität Potsdam haben mit Hilfe einer anonymen Befragung von 300 Graffiti-Sprayern im Internet versucht herauszufinden, was sie zu ihrem Tun antreibt und was ihnen dabei das Wichtigste ist.

Das Ergebnis war für die Forscher Falko Rheinberg und Yvonne Manig völlig überraschend: Der stärkste Anreiz für die Sprayer ist demnach, „Kompetenz und Expertentum zu zeigen“. Dies ist gepaart mit einem „konkurrenzorientierten Leistungsverständnis“. „Das hat uns ehrlich verblüfft“, sagt Falko Rheinberg. „Denn genau dieses Konkurrenzdenken werfen die Jugendlichen ja der bürgerlichen Gesellschaft vor.“

Das Motiv „Erregungssuche und Grenzerfahrung“ kam erst an zweiter Stelle. Sichtbarkeit im öffentlichen Raum und Grenzerfahrung gehören eher zum männlichen Verhaltensrepertoire. Dies könnte erklären, warum Sprayer in der Regel männlich sind. „Mädchen sind sozial angepasster“, meint Bernhard van Treeck, Autor mehrerer Bücher über Graffiti-Kunst und Kenner der Szene. „Gerade das so genannte bombing, das massenhafte Präsentieren des eigenen Namenszugs an gefährlichen Stellen, ist ein Männersport.“

Wegen dieses Motivs der Erregungssuche ist es auch schwierig, die Sprayer auf legale Flächen umzulenken. Solche Flächen werden zwar gern genutzt, aber die meisten „writer“, wie die Sprayer sich selbst nennen, geben dafür nicht das illegale Sprayen auf. Das Motiv „Provokation“ oder „der Stadt ins Gesicht zu hauen“ spielt hingegen nur eine untergeordnete Rolle, wie die Potsdamer Psychologen herausgefunden haben.

Puristische Tags

„Es ist eine Kunstrichtung wie jede andere auch“, sagt van Treeck. „Im Zentrum steht hier der Buchstabe oder der Namenszug des Writers.“ Der Unterschied von „tags“, den schnell hingesprühten Namenszügen, und „pieces“, den sorgfältig und bunt ausgefüllten Buchstaben, liegt übrigens nicht in der Könnerschaft. „Tags sind einfach nur puristischer“, sagt van Treeck, „aber in dieser Form durchaus so gewollt.“ Mit diesem Namenszug, ob als „tag“ oder „piece“, macht der Writer sich in der Szene bekannt und gewinnt Anerkennung. Obwohl die Graffiti für Hauseigentümer oder die Bahngesellschaften ein großes, ungelöstes Problem sind, gab es vor der Untersuchung von Rheinberg und Manig kaum eine Motivforschung für das Sprayen. Aber genau dadurch könnte ein Weg gefunden werden, die Jugendlichen von ihrem illegalen Tun abzubringen. Denn so einen Weg zu finden, ist das Ziel der Potsdamer Forscher.

Die Wissenschaftler sehen sich noch nicht am Ende ihrer Arbeit. Sie versuchen weiterhin, mit der Szene in Kontakt zu kommen. Bislang ist ihre Befragung nicht repräsentativ. Da die Sprayer eine sehr „fragebogenscheue“ Gruppe seien, mussten die Wissenschaftler bisher mit den Fragebögen arbeiten, die überhaupt zurückkamen und sich mit den Angaben begnügen, die die Sprayer zu machen bereit waren. Über seine soziale Herkunft etwa mochte kaum jemand etwas preisgeben.

Ersatz – wofür?

Den „sehr stabilen Anreizcocktail“, der die Jugendlichen antreibt, halten die Forscher aber für eine gesicherte Erkenntnis. „Wenn wir so eine starke Motivation wie beim Graffiti-Sprayen auch im schulischen Bereich hätten“, sagt Rheinberg, „dann bräuchten wir uns um die Bildung der jungen Generation keine Sorgen zu machen.“ Rheinberg und Manig sehen in einer zukünftigen Aussteiger-Studie den Schlüssel zu einer besseren Erkenntnis.

„Dann könnten wir herausfinden, welche Bedürfnisse nicht mehr von Graffiti befriedigt werden, und wir wüssten, wofür genau wir Ersatz bieten müssten.“ Bernhard van Treeck, der die Graffiti-Kultur unter künstlerischen Aspekten sieht, geht dagegen davon aus, dass sich das Ganze totlaufen wird. „Fünf bis zehn Jahre noch, es sei denn, denen fällt stilistisch etwas ganz Neues ein“, prognostiziert van Treeck.

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