Gesundheit : „Eine unglaubliche sexuelle Gier“

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Wolfgang Götz ist Psychologe und Leiter der Drogentherapieeinrichtung „Kokon“ in Berlin. Das Zentrum bietet seit 12 Jahren als einziges in Berlin ein ambulantes Programm speziell für Kokainabhängige an. Wir wollten von Götz wissen, wer von diesem Angebot Gebrauch macht, und wie er seinen Patienten helfen kann:

„In den 60er und 70er Jahren war Kokain eine sehr teure Droge, das Gramm kostete 200 bis 300 Mark. Das hat sich in den letzten Jahren verändert. Auf der Straße kostet das Gramm noch rund 40 Euro und ist an fast jeder Ecke erhältlich. Die Droge ist praktisch in allen gesellschaftlichen Schichten vertreten.

Ein Kokainabhängiger kommt im Durchschnitt nach drei, vier Jahren Konsum zu uns. Er ist dann an einem Punkt, wo er die Kontrolle verloren hat. Die bekanntesten Symptome von regelmäßigem Kokainkonsum sind totale körperliche Erschöpfung und Paranoia, die Leute leiden unter Verfolgungsängsten und sozialer Vereinsamung. Auffällig an Kokainabhängigen ist die unglaubliche sexuelle Gier. 80 Prozent unserer Patienten horten zu Hause jede Menge Pornos.

Die Therapie besteht aus drei Phasen: Die erste ist das Abstinenztraining. Wir belassen die Patienten in ihrem Lebensumfeld, weil es bei den meisten unserer Abhängigen noch halbwegs intakt ist. Der Patient erhält eine Bezugsperson, die während der ganzen Therapie für ihn zuständig ist. Alles was an Drogen erinnert, jeder Spiegel, jede Pfeife muss aus der Wohnung verschwinden. EC und Kreditkarten gibt der Süchtige ab, so dass er nie mehr als zehn Euro mit sich trägt. Geld in der Tasche ist fast gleichbedeutend mit Drogen kaufen. Dann werden Listen aufgestellt mit Leuten, die sie meiden müssen, Dealer, Freunde, mit denen sie Drogen konsumiert haben.

Die zweite Phase ist die Rückfallprävention. Das heißt, über Monate die erreichte Abstinenz aufrecht zu erhalten.

Die dritte Phase nennen wir zufriedene Abstinenz. Wie kann man ein Leben aufbauen, dass auch ohne Drogen getragen werden kann. Die ganze Therapie dauert zwölf bis 14 Monate.

Zwei Drittel der Süchtigen brechen die Therapie vorzeitig ab, viele machen aber zu einem späteren Zeitpunkt einen zweiten Versuch. Das Problem mit Kokainabhängigen ist, dass sie oft sehr narzisstisch sind. Die sagen von sich, ich bin doch kein Junkie, ich brauche keine Therapie. Ob wir unsere Patienten heilen, ist schwer zu sagen. Wenn die irgendwann etwas nehmen, dann stellt sich sofort wieder diese Sucht ein. Heilung ist das falsche Wort, wir sagen lieber Genesung.“ jek

Kokon, Zentrum für ambulante Drogentherapie, Telefon: 030-217 39 70

THERAPIE

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