Gesundheit : Eine Uni will nach oben

Anja Kühne

Die Humboldt-Universität soll "aufrücken in die Gruppe der international sichtbaren Spitzenunis" - das wünscht sich ihr Präsident Jürgen Mlynek. Wie soll das trotz der knappen Kassen möglich sein? Zumindest aus Sicht der Studentinnen und Studenten prägt den Alltag die Überfüllung. Noch vor zehn Jahren hatte die Universität nur 18 000 Studierende, heute sind es doppelt so viel. In manchen Studiengängen werden 80 bis 90 Prozent der Bewerber abgewiesen. Trotzdem musste die Hochschule ihren Lehrkörper beschneiden: Noch 1992 lehrten dort 550 Professoren (außerhalb der Medizin), in Zukunft sind es nur noch 386.

Damit die Humboldt-Uni trotzdem für Wissenschaftler und Studenten attraktiv bleibt, will das Präsidium eine ganze Reihe von Hebeln ansetzen, die es jetzt der Öffentlichkeit vorstellte. Die Exmatrikulation von Langzeitstudenten, wie sie neuerdings die FU plant, soll allerdings nicht dazu gehören. Zwar werden Langzeitstudierende in Zukunft etwas kosten, weil das Land die Mittel an die Universitäten zum Teil nach Leistung vergibt und eine Bemessungsgrundlage die Zahl der Absolventen in der Regelstudienzeit ist. Aber "Zwangsmaßnahmen liegen mir fern", versicherte Vizepräsident Heinz-Elmar Tenorth. Die HU will sich lieber anstrengen, möglichst viele Studierende doch noch zum Examen zu führen.

In Zukunft soll es dafür ein Nebeneinander von Bachelor, Master, Diplom und Magisterstudiengängen geben, die für Wechsler durchlässig sein werden. Die Lehrerbildung will Tenorth "radikal reformieren": Er will den Versuch starten, zukünftige Lehrer ohne Staatsexamen nach einem Bachelor-/Masterstudium in die Schulen zu schicken. Nordrhein-Westfalen erprobt das zurzeit. Die Hochschule wartet nur noch auf die Änderung des Lehrergesetzes durch das Berliner Abgeordnetenhaus.

Weiter will die Humboldt-Uni Studenten mit ihren zahlreichen Auslandskontakten locken. Im nächsten Jahr sollen in New York und Moskau gemeinsam mit Partnern aus der Wirtschaft kleine "Botschaften" der Uni ins Leben gerufen werden.

Die fast 150 neuen Professoren, die die Humboldt-Uni in den nächsten vier Jahren braucht, will sie nicht durch die übliche Kandidatenkür aus einer Fülle von Bewerbern gewinnen, sondern durch das "Harnack-Prinzip": Nach Vorbild des Theologen will die Uni Spitzenforscher gezielt ansprechen und ihnen dann weitere Wissenschaftler "ankristallisieren". Da die Mittel begrenzt sind, um renommierte Professoren anzulocken, wirbt Präsident Mlynek mit "tollen Labors in Adlershof" und einem "stimulierenden Umfeld".

Nach Adlershof soll im nächsten Jahr als viertes Institut die Physik umziehen, dann wird auch das Informations- und Kommunikationszentrum eröffnet mit der gemeinsamen Bibliothek und dem Rechenzentrum. Mittelfristig soll ein Drittel der Studierenden in Adlershof studieren - das Präsidium will sich bemühen, den "Campus mit Leben zu füllen und eine Klammer zur restlichen Uni zu finden", wie Vizepräsident Hans Jürgen Prömel versprach. Zu den geplanten Neubauten außerhalb Adlershofs gehört die zentrale Universitätsbibliothek, eine Unterkunft für die Germanisten sowie eine Zentralmensa in der Ziegelstraße.

Im Jahr 2000 konnte die Hochschule über 155 Millionen Mark aus Drittmitteln ausgeben, über 100 Millionen davon gehörten der Charité. Weniger als ein Drittel des Geldes kommt aus der Wirtschaft (knapp 42 Millionen Mark, 37 Millionen davon warb die Medizin ein). Positiv auf die Drittmittelbilanz - wie auch auf Lehre und Forschung - sollen sich die Juniorprofessuren auswirken, die das Bildungsministerium fördert. An der HU wird es demnächst 47 davon geben. Die Hochschule will versuchen, diesen Nachwuchs später über tenure tracks nach amerikanischem Vorbild auf Lebzeitprofessuren zu bringen. Als hilfreich bei der Umsetzung der neuen Ziele empfinden Mlynek und seine Vizepräsidenten die neue Leitungsstruktur: Statt eines Verwaltungschefs, des Kanzlers, gibt es hauptamtlich beschäftigte Vizepräsidenten, die sich um bestimmte Aufgaben kümmern.

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