Gesundheit : Eine wagemutige Ausstellung im Berliner Centrum Judaicum lässt die Opfer zu Wort kommen

Claudia Keller

Ein grünes Kleeblatt und die Aufschrift "Bringe Glück" lässt sich auf dem schon etwas abgenutzten Talisman erkennen. Mit anderen kleinen Anhängern und silbernen Glöckchen ist er zu sehen in einer Ausstellung des Berliner Centrum Judaicum. Wem der Talisman einst Glück bringen sollte, weiss man nicht. Als sein Besitzer ihn vor 60 Jahren in einem der Berliner Sammellager abgeben musste, stand ihm die Deportation und die Ermordung in einem der nationalsozialistischen Vernichtungslager bevor.

Zum ersten Mal werden in dieser Austellung alle Juden in den Blick genommen, die in den Jahren 1938 bis 1945 in Berlin zu überleben versuchten. Dadurch unterscheidet sich dieses Unternehmen von anderen lokalen Recherchen der letzten Jahre, die sich auf das Leben von Berliner Juden in einem bestimmten Bezirk konzentrierten. . Eine besondere Intensität gewinnt sie dadurch, dass die Ereignisse am historischen Ort des Geschehens, in der Neuen Synagoge und den angrenzenden Gebäuden präsentiert werden. Hier befand sich der Sitz der Jüdischen Gemeinde, bis zu deren zwangsweiser Auflösung im Jahr 1943. Hier wurden Gemeindemitarbeiter im Herbst 1941 gezwungen, die ersten Deportationslisten zusammenzustellen. Im sogenannten "Repräsentantensaal" mussten sich auf Druck der Gestapo 1942 alle Angestellten versammeln, um jene 500, "die für die weitere Arbeit entbehrlich seien", aus den eigenen Reihen zur Deportation zu bestimmen. Welche grausamen Selbstzweifel und Gewissensbisse die Vorsteher dabei quälten, wird in den Hör- und Videosequenzen deutlich, die ein integraler Bestandteil der Ausstellung sind. Die Verfolgten kommen so selbst zu Wort. Ihre Perspektive und die Interessen ihrer Organisationen stehen im Zentrum.

Über hundert Zeitzeugen haben für die Ausstellung des Centrum Judaicum die eigene Geschichte erzählt. Von exemplarischen und aussergewöhnlichen Ereignissen erfährt man in den Tondokumenten, wie sie derjenige ganz persönlich erlebt hat. Die Hör- und Videotapes geben der Ausstellung eine Lebendigkeit, die bei diesem Thema ungewöhnlich ist. "Die Erinnerung, zu der uns der 8. Mai zwingt, ist kein totes Wissen und keine Pflichtübung", beteuerte Gerhard Schröder bei seiner Rede zur Eröffnung der Austellung. Denn "hinter jeder Zahl von Getöteten und Geschundenen stehen menschliche Schicksale, menschliche Grausamkeiten". Tatsächlich gelingt es dieser Ausstellung, einzelne Schicksale zu rekonstruieren, einzelnen Toten wie den Überlebenden ihre Identität wiederzugeben. Bewußt haben die Ausstellungsmacher auf Photos von Grausamkeiten verzichtet: Selten läßt sich die Identität der Gequälten auf solchen Dokumenten rekonstruieren, da sie aus der Täterperspektive aufgenommen sind. Hier verweist jedes Photo, jeder Brief auf ein konkretes Schicksal und auf das - oft erfolglose - Bemühen um Menschenwürde und Überleben. Es begegnen uns inzwischen verstorbene Zeitzeugen wie der Quizmaster Hans Rosenthal oder der frühere Berliner Gemeindevorsitzende Heinz Galinski, und viele Nichtprominente. Etwa der damals 16-jährige Klaus Scheurenberg, der seinem Vater die Notiz auf einem heute vergilbten Zettel hinerliess: "Papa! Sind abgeholt. Komme sofort nach zur Gr. Hamburger. Klaus und Mama". Oder Ruth Schwersenz, die als einzige ihrer Freundinnen überlebt hat und ihr Poesiealbum zu Verfügung stellte. "Schiffe ruhig weiter, wenn der Mast auch bricht. Gott ist Dein Begleiter, Er verlässt Dich nicht": hatte ein Klassenkamerad noch kurz vor seiner Deportation im November 1941 als Andenken hinterlassen.

In 15 Stationen zeigt die Ausstellung, wie sich die Hoffnung der Verfolgten, sich mit den Umständen doch noch irgendwie arrangieren zu können, in Todesangst verwandelte, als ab dem "Schicksalsjahr" 1938 aus der Politik der "forcierten Auswanderung" der Judenmord wurde. In Station 1 zeugen Rote-Kreuz-Briefe, Postkarten, Fotos von Kennkarten, aber auch die aufgeschlagene Seite in dem Buch "How to become an American" von den oft vergeblichen Versuchen zu emigrieren. Immer verzweifelter klingen jene Briefe, die Selma Lehmann nach Palästina an ihre Söhne schrieb. Im November 1941 wurde sie nach Kowno deportiert und ist seitdem verschollen.

Vorbei an dem Emailschild eines jüdischen Zahnarztes und an einer Vitrine mit bunten Weingläern, die die Familie Kempner im Garten ihrer Villa in Lichtenrade vergraben hat - der heutige Besitzer fand sie 1983 bei Gartenarbeiten - gelangt man zu den Stationen "Zwangsarbeit" und "Deportationen". Ein Paßphoto und der Personalbogen erinnern an den Zwangsarbeiter Hermann Joelsohn. Das Arbeitsbuch und die Schuhbürste an Hans Israelowicz, der "Glück" hatte, weil er als Bürstenzieher in einer Blindenwerkstatt arbeiten mußte, wo die Arbeitsbedingungen leichter waren. Zu den bedrückendsten Exponaten zählt das Aufnahmebuch des Jüdischen Krankenhauses mit der aufgeschlagenen Seite vom 28. und 29. August 1942. Der erste Deportationszug mit Berliner Juden hatte den Bahnhof Grunewald im Oktober 1941 verlassen. In jenen Augusttagen im folgenden Jahr hatten 10 der 12 im jüdischen Krankenhaus eingelieferten Personen versucht, sich mit Schlafmitteln umzubringen.

Aber auch von den etwa 1400 Berliner Juden spricht die Ausstellung, denen es mit viel Mut, Rafinesse und der Hilfe von jüdischen und nichtjüdischen Mitbürgern gelang, unterzutauchen. "U-Boote" nannten sie sich selbst. Sie mussten nicht nur vor Gestapo- und SS-Schergen auf der Hut sein, sondern auch vor den sogenannten "Greifern": einer Gruppe von 20 jüdischen Spitzeln. Das prominenteste Mitglied der "Greifer" war Stella Kübler, die auch das "blonde Gift" genannt wurde. Mit erschreckendem Eifer lieferte sie rund 300 Juden an die Gestapo aus. Die Deportation der eigenen Eltern konnte sie aber trotz ihrer "erfolgreichen" Zusammenarbeit mit der Gestapo nicht verhindern. Gerade was die Geschichte dieser Gruppe der "Greifer" angeht, konnten die Ausstellungsmacher neues Material zusammentragen, unter anderem aus den Akten der Gauck-Behörde.

Die Eröffnung der Ausstellung fiel auf den 8. Mai: "Nicht nur ein Tag der Befreiung, sondern auch ein Tag des Gedenkens und der Erinnerung", mahnte Gerhard Schröder. Für die Erinnerung aber sei die "Qualität des Wissens" entscheidend. Centrums-Direktor Hermann Simon betonte den Auftrag der Ausstellung, die Geschichte der Verfolgung und der Befreiung weiterzugeben: "Davon erzählt euren Kindern und ihren Kindern, dem nachfolgenden Geschlecht."Bis August, So - Do 10 - 18 Uhr, Fr 10 - 14 Uhr. Katalog (Philo-Verlag) 34 DM.

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