Gesundheit : Eine Weltreise, die am Kiosk endet

Tom Tauchstation und das Lächeln der Mona Lisa: Das Finale des Erzählwettbewerbs im Museum

Daniela Martens

Die transsibirische Eisenbahn fährt nicht nach Italien. Und doch liegt es an einer Fahrt mit dem historischen russischen Zug, dass Torsten Löhn demnächst in Pompeji picknicken wird. Und auch an seinem unbändigen Verlangen nach Buchweizen-Pfannkuchen. „Schuld und Blini“ hat der 42-jährige Regisseur seinen selbstironischen Bericht über eine Russland-Reise genannt – und damit beim vierten Tagesspiegel-Erzählwettbewerb eine Italienreise gewonnen. Beim Erzählfest in den Museen Dahlem am Sonntag überzeugte Torsten Löhn die Jury – mit seiner skurrilen Geschichte um die Schaffnerin Olga mit dem stählernen Schneidezahn (siehe rechts).

Eine Geschichte übers Reisen zu schreiben und vorzutragen – das war die Aufgabe. 350 junge und erwachsene Erzähler hatten am Wettbewerb teilgenommen und von Reisen nach Gibraltar, Husum oder ins Schlaraffenland berichtet. Zwölf waren bis ins Finale gelangt. So auch der Russlandreisende Löhn: Er stützte einen Ellenbogen auf das Rednerpult als sei es ein Kneipentresen. Dann las er die Anekdote so nonchalant und unernst vor, als erzähle er sie einem Freund und nicht den 300 Zuhörern im Vortragssaal des Museums. Die aber hatten schon eine andere Favoritin: Ok-Hee Jeong aus Osnabrück bekam den Publikumspreis, ein Hörbuchpaket des Münchner hörverlags, für ihre Reisen zwischen den beiden „Heimaten“ Korea und Deutschland – für die Erkenntnis, dass man sich als Angehörige zweier Kulturen fühlen kann wie eine „glibberige, wabbelige, grünliche“ Hybridin mit Mona-Lisa-Lächeln (diese Seite unten).

Und noch eine junge Dame asiatischen Ursprungs machte das Rennen: Die 16-jährige Anna Lu aus Bochum erzählte eindringlich, fast dramatisch von einem kleinen Ausreißer. Dessen große Reise in die weite Welt endet allerdings am nächsten Kiosk: Bei der Kioskhexe, die er verdächtigt, Kinder zu Bonbons zu verarbeiten – in „rote, weiße, grüne, gelbe, Lakritze und Weingummis.“ Anna Lu erntete viele Lacher – und den Publikumspreis für Schüler.

Ernster und politisch die Geschichte, die Zora Hamidi und Alice Ahlers vortrugen: ein E-Mail-Wechsel zwischen einer jungen Deutschen, die nach USA reist, und ihrer in Afghanistan geborenen Freundin, die zum ersten Mal nach 25 Jahren wieder in ihr Heimatland darf.

Der jüngste Wettbewerbsteilnehmer, der achtjährige Johannes Gräger, ist noch so klein, dass er hinter dem Rednerpult auf einen Stuhl steigen musste. Und da oben legte er richtig los: Mit der Geschichte über Tom Tauchstation, der mit seinen Taucherkollegen Fischstäbchen isst und das sagenhafte Atlantis endeckt – inklusive „Raumschiff Baujahr 1415“. Immer wenn er eine seiner Figuren etwas sagen läßt, verstellt er sein klares Stimmchen: „Dos vostöhe ich nöch“, sagt einer der Taucher verständnislos.

Nach dem Finale, während die Jury berät, sieht man den kleinen Atlantis-Taucher und den mehr als 30 Jahre älteren Russlandreisenden beieinanderstehen. Ernsthaft schütteln sie sich die Hand – gut gemacht. „So viele unterschiedliche Menschen, die sich gegenseitig Geschichten erzählen – das gibt es viel zu selten“, sagt einer der Zuhörer begeistert. Unterschiedliche Geschichten gab es beim Erzählfest genug – vor dem Finale trugen 30 Erzähler in allen Ecken des Museums vor: Neben einer furchterregenden nepalesischen Bronzemaske erzählte Tanka Ticker von Nordseetouristen in Husum. Die werden im Wattenmeer zu Matschzombies. Und Sioux-Chef „Little Crow“ blickt in der Indianer-Ecke von einem Bild herunter auf den elfjährigen Vincent Stebel, der vom „Ururururururenkel oder so ähnlich“ eines Wikingers erzählt.

Bei so vielen Reisen darf der internationale Proviant nicht fehlen: Indische Linsen und Bortschsch spendierte das Museumsrestaurant eßkultur allen Besuchern nach dem Finale, dazu spielte Berlins älteste Jazzband „Super One Eleven“. Die Redaktion Zeitpunkte des RBB sendete live. Und für die Finalisten gab es auch noch Buchweizen-Pfannkuchen. Wie in der Transsib? Torsten Löhn druckst ein wenig herum und sagt dann: „Diese Blini hier sind mir ein bisschen zu gesund – in der Transsib waren die irgendwie anders.“ Dafür gab es sie – anders als in seiner Geschichte – ohne Gegenleistung.

Die Geschichten sind ab Mittwoch als Download unter www.tagesspiegel.de/erzaehlwettbewerb zu hören, aufgezeichnet und überarbeitet von: LunovisMusic/ G&S Productions (www.lunovismusic.de).

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