Gesundheit : Einem Tabuthema auf der Spur

Enkel von NS-Opfern studieren mit Stipendium in Deutschland

Juliane von Mittelstaedt

Seine Mutter hat geweint, als er gefahren ist. Weil er nach Deutschland fährt, gerade nach Deutschland. Jetzt ist Doron Oberhand in Berlin, Haifa unendlich weit weg und die Vergangenheit unendlich nah. Der 25-Jährige ist einer von 30 Stipendiaten aus Osteuropa, aus Israel, Aserbaidschan und den USA, die nichts verbindet außer dem Schicksal ihrer Eltern und Großeltern. In deren Leben Deutschland die heimliche Hauptrolle spielt und manchmal gleichzeitig Tabuthema ist. Sie alle waren Opfer des Naziregimes.

Die Geschichten, die sie mit sich herumtragen, sind alle unterschiedlich und doch ähnlich. Die Großeltern und eine Tante von Agnieszka Pasieka mussten in einem Lager nördlich von Warschau Zwangsarbeit leisten. Der Urgroßvater der 21-jährigen Anna Machinska aus Polen starb im österreichischen Mauthausen, in dem zwischen 1938 und 1945 über 100 000 Menschen ermordet wurden. „An einer Lungenentzündung“, sagt die Urenkelin, „aber wahrscheinlich eher an der schweren Arbeit im Steinbruch.“ Vor ein paar Jahren war sie dort, auch nach Dachau ist sie gefahren.

Die Familie von Doron Oberhand ist auf der Flucht durch Polen gefangen genommen worden, die meisten von ihnen starben in Majdanek und Auschwitz. „Ich glaube, ich konnte das Wort ,Holocaust’ gleich nach ‚Mama’ und ,Papa’ sagen“, berichtet Doron Oberhand. „Aber ich wusste nicht viel darüber.“ Um mehr über das heutige Deutschland zu erfahren, hat er Geschichte studiert und ist jetzt nach Berlin gekommen.

Möglich gemacht hat es die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die seit dem Jahr 2001 Entschädigungen an ehemalige Zwangsarbeiter in über 80 Ländern zahlt. 350 Millionen von insgesamt fünf Milliarden Euro Stiftungskapital wurden jedoch in dem Fonds „Erinnerung und Zukunft“ angelegt, aus dem Projekte für die Aufarbeitung des Holocaust sowie für die Betreuung von ehemaligen Zwangsarbeitern finanziert werden. Erstmalig unterstützt die Stiftung nun mit knapp einer Million Euro ein Programm für Angehörige von Opfern des Nationalsozialismus. Innerhalb von drei Jahren sollen 90 Studenten und Doktoranden die Möglichkeit erhalten, ein Jahr in Berlin zu studieren und Deutschland kennen zu lernen. Ein begleitendes Veranstaltungsprogramm wird sie etwa ins Jüdische Museum oder ins Haus der Wannseekonferenz führen.

Entstanden ist das Programm aus einer Idee von ehemaligen Studierenden der Humboldt-Universität, die selber Opfer des Nationalsozialismus sind. Auf einem Treffen vor zwei Jahren äußerten sie den Wunsch, auch die Enkelgeneration der Opfer von damals in die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzubeziehen. Mit Hilfe der Stiftung entwickelte die Humboldt-Universität daraus das jetzt erstmals durchgeführte Stipendienprogramm. Die Deutschlehrerin Agnieszka Pasieka wird in ihrem Berlin-Jahr mit ihrer Doktorarbeit beginnen, Anna Machinska an der Fachhochschule für Wirtschaft BWL studieren. Doron Oberhand möchte die heutigen Beziehungen zwischen Deutschen und Juden erforschen. Am Ende werden alle ihr Bild vom heutigen Deutschland nach Hause tragen. „Wir müssen mit den Deutschen in Verbindung bleiben“, hat Doron Oberhand zu seiner Mutter gesagt, als er gefahren ist.

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