Gesundheit : Eingebildete Dummköpfe

Eine Studie dokumentiert die Kluft zwischen Selbstwertgefühl und schulischem Erfolg

Rolf Degen

Es gehört in unserer Kultur längst zu den Binsenweisheiten, dass es im Leben immer vorteilhaft ist, ein hohes Selbstwertgefühl zu besitzen. Viele Erzieher glauben, dass Schüler besser lernen, wenn man sie mit guten Gefühlen für sich selber impft. Und auch Motivationstrainer verbreiten das Credo, dass die Liebe zum Ego beim Erklimmen der Karriereleiter hilft. Doch jetzt unterstreichen die Ergebnisse der ersten Langzeitstudie, dass ein positives Selbstbild die Schüler in der Schule nicht unbedingt weiterbringt.

Ein hohes Selbstwertgefühl zu haben, heißt grob gesprochen, sich selbst gerne zu haben. Es ist daher fast selbstverständlich, dass wir bestrebt sind, möglichst viel von diesem Elixier zu besitzen. Wissenschaftlich wird das Selbstwertgefühl meist mit einfachen Skalen gemessen, die Angaben enthalten wie „Ich bin ein wertvoller Mensch“ oder „Ich bin ein Versager“. Die Beziehung zwischen Selbstwertgefühl und Schulleistungen ist aber längst nicht so eindeutig, wie viele Pädagogen glauben, halten die beiden Psychologinnen Jennifer A. Schmidt und Brenda Padilla von der University of Chicago fest. Einmal zeigen die bisherigen Studien, dass, wenn überhaupt, nur ein schwacher Zusammenhang zwischen beiden Maßen besteht. Und das Ursache-Wirkungs-Verhältnis könnte auch umgekehrt beschaffen sein, in dem Sinne, dass ein gutes Zeugnis Schülern einen Kick fürs Selbstwertgefühl beschert.

Solche Zusammenhänge lassen sich nur erforschen, wenn man die Dynamik zwischen Selbstwertgefühl und Erfolg bei den gleichen Personen über einen längeren Zeitraum verfolgt. Schmidt und Padilla haben die erste Langzeitstudie über das Verhältnis zwischen Selbstwertgefühl und Schulleistung gemacht. Sie nahmen in einem Abstand von mehreren Jahren 330 Schüler aus der achten und zehnten Klasse ins Visier. Durch diese Versuchsanordnung lässt sich statistisch klären, ob sich ein Faktor mit der Zeit auf den anderen auswirkt.

Hohes Selbstbild, mäßige Noten

Die Ergebnisse lassen an Eindeutigkeit nicht zu wünschen übrig. Bei Schülern, die zu einem bestimmten Zeitpunkt gute Leistungen erzielten, stieg daraufhin das Selbstwertgefühl. Allerdings war auch dieser Effekt wieder nur mäßig ausgeprägt. In der umgekehrten Richtung war dagegen überhaupt kein Einfluss zu verzeichnen. Ein hohes Selbstwertgefühl stachelte die Schulleistungen kein bisschen an. Es gab auch keine Anzeichen für einen reziproken Effekt; Schulleistung und Selbstwertgefühl schaukelten sich keineswegs gegenseitig hoch.

Die anderen Ergebnisse passen ebenfalls nicht ins Konzept der Selbstwert-Ideologie. Mädchen besaßen zwar einen etwas geringeren Selbstwert, aber bei den Schulleistungen standen sie den Jungen nicht die Bohne nach. Schwarze Schüler legten von allen Gruppen das höchste Selbstwertgefühl an den Tag. Doch mit ihren schulischen Leistungen hinkten sie den anderen Gruppen hinterher, was möglicherweise auch mit ihrer sozialen Benachteiligung zusammenhängt. Bei Schülern asiatischer Herkunft wiederum war ein unterdurchschnittliches Selbstwertgefühl mit einem überdurchschnittlichen Schulerfolg verknüpft. Das entspricht der Kultur ihrer Herkunft, in der sich das Individuum der Gemeinschaft unterwirft.

Diese Ergebnisse sind ein Schlag ins Gesicht der Selbstwert-Bewegung, die seit den 70er Jahren in der US- Pädagogik den Ton angibt. Statt Leistungsdruck, Wettbewerb und Basiswissen stellten die Curricula dort zunehmend Wohlfühlaspekte wie Selbstakzeptanz, Selbstwertgefühl und Empfindsamkeit in den Mittelpunkt. Mit dem Ergebnis, dass die Nachfahren der Cowboys und Indianer im internationalen Vergleich und besonders in den „harten“, naturwissenschaftlichen Fächern immer schlechter wurden. Nur ihr Selbstwertgefühl stieg zu ungeahnten Höhen auf.

Anfang der 90er Jahre kam ein Schulvergleich zwischen den USA, Japan und China zu dem peinlichen Schluss, dass der amerikanische Nachwuchs mit Abstand die schlechtesten Leistungen in Mathematik erbrachte. Gleichzeitig schätzen amerikanische Schüler ihre eigenen Rechenfähigkeiten als „überdurchschnittlich“ ein. Die Schüler in Asien bewerteten ihr mathematisches Können zu niedrig. „Es ist beängstigend, daran zu denken, was passieren wird, wenn die jetzige Generation von Schülern erwachsen wird und immer noch glaubt, schlauer zu sein als der Rest der Welt“, so der Psychologe Roy E. Baumeister von der Case Western Reserve University in Cleveland. „Amerika wird ein Land eingebildeter Dummköpfe sein."

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