Gesundheit : Eingebildete Kranke

Selten waren die Geisteswissenschaften so produktiv wie heute. Leider begreift die Akademie das nicht

Jürgen Kocka

In periodischen Abständen redet man den Geisteswissenschaftlern ein, dass sie sich in der Krise befinden. Zuletzt geschah das in einem „Manifest Geisteswissenschaften“, das vom alten und vom neuen Präsidenten der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (Dieter Simon und Günter Stock) zusammen mit zwei Philosophen (Carl Friedrich Gethmann und Jürgen Mittelstraß) und einem Historiker (Dieter Langewiesche) gerade vorgelegt worden ist. Wer sich im internationalen Wissenschaftsbetrieb auskennt und die Entwicklung der letzten Jahrzehnte überblickt, kommt zu einem anderen Urteil. Selten dürften die Historiker, die Literatur-, Sprach- und Kunstwissenschaftler, die Archäologen, Ethnologen und anderen Kenner fremder Kulturen so produktiv gewesen sein wie heute.

Die deutschen Universitäten und Institute können zwar mit einigen amerikanischen und englischen Spitzeninstitutionen nicht mithalten. Insgesamt aber schneiden sie im internationalen Vergleich gut ab, wie sich im Wettbewerb um EU-Forschungsmittel ebenso zeigt wie in der starken internationalen Nachfrage nach deutschen Nachwuchswissenschaftlern. Auch ist das Interesse von Öffentlichkeit und Medien an geisteswissenschaftlichen Ergebnissen hierzulande höher als beispielsweise in den USA.

Seit die Konkurrenz mit den Naturwissenschaften begann, finden sich immer wieder Philosophen, die meinen, den Geisteswissenschaftlern dadurch beispringen zu müssen, dass sie ihnen bescheinigen, wie anders und besonders sie theoretisch und methodisch seien. So auch wieder dieses „Manifest“, das so weit geht zu behaupten, dass die Geisteswissenschaften keine empirischen Wissenschaften seien und ihre Forschung mit der in den anderen Wissenschaften wenig gemein habe. Wer in einem geisteswissenschaftlichen Fach zu Hause ist und das Gespräch mit Kollegen in den Natur-, Technik- und Lebenswissenschaften nicht scheut, weiß, dass dies nicht stimmt.

Ohne Zweifel ist die moderne Geschichtswissenschaft, um nur ein Beispiel zu nehmen, eine empirische Wissenschaft. Durch ihre Fragen, Gegenstände, Theorien, Methoden und Konventionen unterscheidet sie sich von der Neurologie, der Physik, der Biotechnologie oder der Betriebswirtschaftslehre, wie übrigens von anderen Geisteswissenschaften auch. Aber mit allen anderen empirischen Wissenschaften hat sie Entscheidendes gemeinsam: das Streben und die Fähigkeit, ihre Aussagen an empirischen Befunden systematisch und methodisch zu überprüfen; das Prinzip der fachöffentlichen Kritik, die zur ständigen Prüfung und Revision von Ergebnissen führt; die Orientierung auf Neues und andere Bestandteile wissenschaftlicher Rationalität; auch die Historizität der Fragen und Ergebnisse. Die These von den „zwei Kulturen“, also vom prinzipiellen Unterschied zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, ist längst überholt. Die Unterschiede zwischen den Geisteswissenschaften sind ausgeprägt, und die Unterscheidungslinien zu einigen Sozial-, Natur- und Lebenswissenschaften verschwinden. Das „Manifest“ sieht das nicht richtig und leistet einer prekären Exotisierung der Geisteswissenschaften unbeabsichtigt Vorschub. Die internationale wissenschaftstheoretische Diskussion bewegt sich in die umgekehrte Richtung.

Es ist unbestritten, dass wissenschaftlicher Fortschritt oft im Überschneidungsfeld zwischen einzelnen Disziplinen und durch Übertretung der Grenzen zwischen ihnen geschieht. Dass Interdisziplinarität andauernd beschworen wird, macht sie nicht weniger notwendig und auch nicht leichter. Das „Manifest“ geht aber weiter und verlangt „Transdisziplinarität“. Es tritt für die Aufhebung aller „fachlicher und disziplinärer Parzellierungen“ ein. Das klingt, als ob man das Kind mit dem Badewasser ausschütten wollte. Wer als empirischer Wissenschaftler praktiziert, weiß, wie sehr die eigene Kompetenz fachlich geprägt ist: methodisch, theoretisch, aber auch sozial. Wer für die Verwischung der Disziplinen eintritt, zielt nicht auf Interdisziplinarität, sondern auf Disziplinlosigkeit. Wer für die Überschreitung von Grenzen ist, muss diese anerkennen.

Das „Manifest“ enthält interessante Vorschläge zur Wissenschaftsorganisation. Beispielsweise sollte man der Idee der „Exzellenzzentren“ in den Universitäten nachgehen, wenngleich der Name stört. Zu Recht führt es aus, dass die Geisteswissenschaften zwar hauptsächlich in den Universitäten betrieben werden und die Verbindung zur Lehre unbedingt brauchen, dass es aber auch sinnvoll sein kann, sie in außeruniversitären, universitätsnahen Instituten anzusiedeln.

Das „Manifest“ enthält aber auch krasse Fehlurteile, so wenn es den Geisteswissenschaftlichen Zentren, die Anfang der 90er Jahre gegründet wurden (zum Beispiel für Zeitgeschichte in Potsdam, wie für Studien über den Modernen Orient, Sprach- und Literaturwissenschaft in Berlin), für gescheitert erklärt. Wenn ständig evaluierte und immer wieder als erfolgreich bestätigte, jedoch finanziell noch nicht langfristig abgesicherte Institute von der sicheren Warte einer noch nie evaluierten Akademie herab so abqualifiziert werden, spricht das eher für die Institute als für die Akademie.

Die Geisteswissenschaftliche Klasse der Akademie hatte mit dem „Manifest Geisteswissenschaften“, das die Akademie publiziert, nichts zu tun. Sonst läse es sich anders. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) hat sich im letzten Jahrzehnt zu einer Institution entwickelt, deren Leitung oft sehr unabhängig und losgelöst von der Mitgliedschaft agiert, und diese lässt es sich gefallen.

Der BBAW ist vieles gelungen. Sie ist zu einem intellektuell lebendigen Platz geworden, ihr Veranstaltungsprogramm ist reichhaltig und oft glanzvoll. Sie hat ihr schönes Haus ausbauen können. Mit den Akademieprofessuren hat sie ihre Verbindung zu den Universitäten produktiv weiterentwickelt. Die akademischen Causerien, die sie im Springer-Hochhaus regelmäßig veranstaltet, sind oft ein Genuss.

Aber die BBAW hat im letzten Jahrzehnt auch oft unglücklich agiert. Mit ihrem Ziel, die nationale Akademie Deutschlands zu werden, ist sie kläglich gescheitert. Nur mit Mühe konnte ihr Präsident davon abgehalten werden, den von ihm wenig geschätzten „Langzeitvorhaben“ – von Bund und Ländern geförderten, sehr langfristig angelegten geisteswissenschaftlichen Forschungsvorhaben – auch institutionell zu schaden. In der immer wichtigeren Union der Akademien Deutschlands ist die BBAW isoliert und wenig geschätzt. Die Hoffnung darauf, dass sich all dies unter dem neuen Präsidenten zum Besseren wendet, ist nach diesem „Manifest“ geringer geworden. Man wünscht ihm auch deshalb viel Glück.

Der Verfasser ist Historiker, Präsident des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB) und Gründungsmitglied der BBAW.

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