Gesundheit : "Einstein Forum": Mehltau auf der Denkerstirn

Sibylle Salewski

Faszination, Charme und Existenz der Philosophie beruhen auf den großen Fragen nach dem menschlichen Leben, nach unserer Situation in der Welt. Doch heute dominieren die Naturwissenschaften, und zugleich sind wir, Kinder einer fast vergangenen Postmoderne, skeptisch geworden gegenüber großen Theorien. Dass sich die Philosophie ihrer alten Identität nicht mehr sicher ist, muss noch niemanden beunruhigen: Es gibt wohl kein anderes Fach, das sich so wesentlich darüber definiert, das eigene Tun zu reflektieren und in Frage zu stellen. Dennoch: Merkwürdig ruhig ist es geworden um diese einst als Königsdisziplin gefeierte Wissenschaft.

Drei Philosophen hatte das Einstein Forum am Dienstag geladen, um über die Zukunft der deutschen Philosophie zu diskutieren: Dieter Henrich, Honorarprofessor an der Humboldt-Universität, den man zu den "Großen" der deutschen Nachkriegsphilosophie zählen kann, den Schweizer Dieter Thomä und Rainer Forst aus Frankfurt - zwei Vertreter der jüngeren Generation.

"Jeder Mensch philosophiert, und auf durchaus subtile Weise", sagte Dieter Henrich, "aber man gelangt dabei unweigerlich zu Aporien, unauflösbaren Widersprüchen. Die Menschheitsaufgabe der Philosophie besteht darin, dieser informellen Selbstverständigung einen Raum der Artikulation und der öffentlichen Rechtfertigung zu erschließen." Diese Aufgabe könne die deutsche Philosophie in der Tradition von Kant, Fichte und Hegel besonders gut erfüllen, so Henrichs These. Schließlich geht es in ihr darum, die Prozesse zu verstehen, in denen sich Erkenntnis ausbildet und sich selbst bewusstes Leben möglich wird.

Doch gerade diese "Deutsche Philosophie" sei heute in Gefahr: Debatten von allgemeinem Interesse kämen unter Fachgenossen kaum zustande, fachinterne Diskussionen würden vor allem von angelsächsischen Autoren angeregt. Philosophie, wie Henrich sie versteht, erfordert einen hohen Grad an begründetem Selbstvertrauen und Kreativität. Diese Voraussetzungen seien nur in einem "Zentrum intellektueller Gravitation" zu finden, wie es Europa heute nicht mehr sei: "Wir können so etwas wie eine gesamteuropäische Depression konstatieren, die jegliche Denkkraft mit Bleigewichten beschwert und mit Mehltau überzieht."

Vor den Gefahren der "historischen Krankheit", wenn Philosophie sich allein mit der Vergangenheit identifiziere, warnte Dieter Thomä. Aber auch eine analytische Philosophie, in der Systematik und Klarheit zum Selbstzweck werden, sei eine Sackgasse: "Man redet dann klar, aber das über nichts." Philosophen seien heute in der Öffentlichkeit vor allem als orientierungsgebende Berater in Ethikkommissionen gefragt. Legitim sei dieser Anspruch zwar, für die eigentliche Philosophie zugleich aber auch fatal. "Man lässt sich Probleme vorgeben, man strickt mit, ohne das Ganze auf den Prüfstand zu stellen. Die kollegiale Rolle der Philosophie in der Gesellschaft verträgt sich nicht mit der grundsätzlichen Analyse und Kritik des menschlichen Selbst- und Weltverständnisses."

Die großen, universalen Fragen werden sich nur in einem internationalen philosophischen Diskurs lösen lassen, betonte Rainer Forst. Auch wenn die analytische Philosophie in einigen ihrer Formen manchmal ins Oberflächliche abzugleiten drohe, so könne man aus ihr vielleicht doch ein Vokabular entwickeln, mit dem sich die alten ungelösten Probleme systematisch und auf neuem Niveau darstellen und lösen ließen - die Fragen nach Gerechtigkeit und Gleichheit, nach Bewusstsein und der Identität der Person zum Beispiel.

Die Diskussion im Einstein Forum blieb merkwürdig einvernehmlich und abstrakt. Von der Philosophie als "großer, Augen öffnender Perspektive, in die man sein Leben einschreiben kann", wie Henrich es formulierte, war kaum etwas zu ahnen. Unbeantwortet blieben die Fragen, welche Inhalte heute wichtig sind, welche Rolle Philosophie in der Gesellschaft spielen soll, wie sie sich zur Neuorientierung der Geisteswissenschaften verhält. Der Mehltau einer philosophischen Depression schien auch auf dieser Debatte zu liegen.

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