Gesundheit : Einsteinforum und Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam haben einen guten Ruf, aber kein Geld

Clemens Wergin

Die Windwaage bewegt sich lautlos um ihre eigene Achse. Mal wippt das rostige Windrat nach oben, mal die viereckige Gitterplattform am anderen Ende. Wie um zu signalisieren, dass sie auch wirklich hierhin gehört, auf den Potsdamer Neuen Markt und nicht in den Wilden Westen, hat sich die rostige Eisenskulptur mit ihren Rohr-Wurzeln im Kopfsteinpflaster verankert. Als Stadt ohne Charakter wurde das Nachwende-Potsdam oft bezeichnet. Und wirklich ist die entvölkerte Innenstadt trotz der erhaltenen historischen Bausubstanz irgendwie abwesend. Eine Stadt im Konjunktiv.

Um den Neuen Markt mit seinen barocken und klassizistischen Gebäuden sollte der Kern des neuen Potsdam entstehen. Deshalb siedelte das Land Brandenburg hier das Einsteinforum und das Moses Mendelssohn Zentrum an, die zum kulturellen Anziehungspunkt Potsdams wurden. Wer von dem weit über Brandenburg hinausgewachsenen Ruf der Institute angelockt zum Neuen Markt kommt, ist erst einmal erstaunt über die zwei kleinen zweistöckigen Gebäude, die sich etwas schief aber tapfer dem Zahn der Zeit entgegenstemmen. Anfang diesen Jahres tauchten beide Institute auf einer Giftliste des brandenburgischen Finanzministeriums auf. Wegen der desolaten Finanzlage müsse man eine Kürzung der Mittel prüfen. Gar die Zusammenlegung wurde erwogen. Julius Schoeps, Leiter des Moses Mendelssohn Zentrums (MMZ), gab sich auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz entsetzt: "Das einzige, was beide Institute gemein haben, ist ein jüdischer Deutscher als Namenspatron".

Tatsächlich haben beide Institute unterschiedliche Zielsetzungen. Das MMZ widmet sich der Erforschung des europäischen Judentums in der Neuzeit, während es dem Einsteinforum darum geht, einen Dialog zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften anzuregen. "Erbschaft unserer Zeit" heißt die renommierte Vortragsreihe des Einsteinforums zusammen mit den Berliner Festspielen. Hier vermitteln hochkarätige Wissenschaftler wie Jaques Derrida oder Wolf Lepenies einem breiten Publikum den Wissensstand ihrer Disziplin.

Als "Laboratorium des Geistes" bezeichnet Rüdiger Zill das Einsteinforum. Er ist verantwortlich für die geisteswissenschaftliche Programmarbeit und betont, dass die ungefähr zehn Tagungen im Jahr der Öffentlichkeit immer offen stünden: "Hier kann man beim Denken zusehen." Acht Jahre gibt es das Forum erst und doch hat es inzwischen ein Netzwerk aufgebaut von Wissenschaftlern besonders aus den USA und Israel. Denn eine der Visionen des Gründungsdirektors Gary Smith war es, in einer Art "geistigen Luftbrücke" das wissenschaftliche Gespräch zwischen Deutschen und Juden wieder anzuknüpfen, nachdem die deutsch-jüdischen Forscher von den Nazis vertrieben oder umgebracht wurden.

Jetzt ist das Forum in Gefahr. Einmal liegt die schon entschiedene Nachfolgefrage auf dem Schreibtisch des Wissenschaftsministers auf Eis - die jetzige Leiterin Sigrid Weigel wurde Direktorin des Zentrums für Literaturforschung in Berlin, ihre Nachfolgerin, die israelische Philosophin Susan Neiman, wird aber nicht berufen. Auch die Finanznot ist akut: Das Land schießt ohnehin nur 1,5 Millionen Mark zu - vom Wissenschaftsrat als die unterste Grenze für solche Institute benannt. Nun haben die 30-prozentigen Haushaltskürzungen für die erste Jahreshälfte das Forum an den Rand der Handlungsunfähigkeit gebracht. Auch die bis zu 500 000 Mark Drittmittel gehen durch die Vakanz an der Spitze zurück. Jetzt droht diese Quelle ganz zu versiegen. Denn wer Geld einwerben will, muss Tagungen oder Forschungsprojekte gegenfinanzieren, was mit dem gekürzten Etat nicht mehr möglich ist. Julius Schoeps vom benachbarten Moses Mendelssohn Zentrum steht vor demselben Problem: "Wir merken, dass bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft die endgültige Entscheidung über manche Projekte schon verschoben wurde, weil es mit den drohenden Kürzungen keinerlei Planungssicherheit mehr gibt."

Das MMZ muss mit noch weniger Geld auskommen. Der 1999er Etat von 1,1 Millionen wurde noch einmal um 12 Prozent gekürzt. Ohnehin sind die Landesmittel - trotz steigender Lohnkosten - seit 1997 rückläufig. "Wir sind an den Punkt gekommen, wo es einfach nicht weiter geht", sagt Schoeps und droht, sein Institut ganz dicht zu machen. Dabei ist das Forschungszentrum weit über Brandenburg hinaus bekannt und hat vom Wissenschaftsrat ein dickes Lob geerntet. Schließlich leisten die Wissenschaftler ein Drittel der Veranstaltungen der "Jüdischen Studien" an der Uni Potsdam, die als "Aushängeschild" Brandenburgs bezeichnet wurden und deren Ausbau der Wissenschaftsrat empfahl. Die Spezialbibliothek dient den Studenten als Anlaufstelle und die Zahl von 200 Publikationen in nur sieben Jahren kann sich wahrlich sehen lassen.

Im Forschungsministerium gibt man sich weiterhin bedeckt. Durch die seit Anfang des Jahres verhängte Haushaltssperre sind beide Institute aber jetzt schon wie gelähmt. Die Rasenmähermethode gefährdet die herrvorragende Arbeit, mit der die Mitarbeiter die beiden Institute innerhalb kürzester Zeit in der Wissenschaftslandschaft verankert haben. Am schlimmsten ist aber, dass der große Vorteil der Flexibilität, die beide auszeichnet, ihnen jetzt zum Nachteil gereicht. Denn während an den Unis die Professoren weiter unkündbar sind und auch nicht nach den Ergebnissen ihrer Arbeit gefragt werden, müssen die kleinen Institute sich immer neu ausrichten, stehen durch die notwendige Kofinanzierung ihrer Vorhaben ständig auf dem Prüfstand: Ein Projekt, das nichts taugt, wird nicht genehmigt. Schlankere Strukturen sind aber auch verletzlicher gegenüber dem Begehren der Finanzminister, weil man hier einfacher zugreifen kann als bei Beamten. Selten wurde mit so wenig Geld so viel geleistet. Konnte so effizient für den Ruf Brandenburgs gearbeitet werden. Wenn Leistung im Wissenschaftsbetrieb als Kriterium gelten soll, dann dürfte es diese beiden Institute zu allerletzt treffen.

Der Neue Markt, über den Georg Hermann 1926 schrieb: "Nur in wenigen Ecken von Potsdam ist die Zeit so gefroren geblieben", verharrt in einem halben, halbherzigen Aufbruch. Die rostroten Stahlträger am Kabinetthaus künden immer noch von seiner nicht enden wollenden Renovierung. Ob im Kurstall gegenüber jemals ein Museum der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte entstehen wird, ist weiter unklar. Hier sollte der Sprung in die Zukunft Potsdams gelingen, doch wie die Pferde der Quadriga über dem Kurstall ist die Zeit im Absprung erstarrt. Das Moses Mendelssohn Zentrum und das Einsteinforum sollten die frisch restaurierten Fassaden mit Leben füllen. Wenn das Wissenschaftsministerium sich nicht bald besinnt, wird es wie mit der Quadriga enden: Auf dem Bock ein Kutscher, aber die Kutsche ist leer.

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