Gesundheit : Einstürzende Altbauten

Warum das Berliner Naturkundemuseum nicht aus Ruinen auferstehen kann

Uwe Schlicht

Das Jahr 2007 wird ein Großereignis für das Naturkundemuseum. Dann werden die renovierten Schauräume in dem Haus an der Invalidenstraße wiedereröffnet. Die vielen Schulkinder und die Touristen aus aller Welt werden sich an den Skeletten der Saurier erneut erfreuen. Die Zahl der Besucher – bisher jährlich 250 000 bis 300 000 – könnte enorm wachsen. Und die Politiker dürften den Lobgesang anstimmen: „Auferstanden aus Ruinen ...“ Die Fachleute werden es schwer haben, bei so viel zu erwartender Euphorie zu kontern: Nur zum Teil auferstanden aus Ruinen. Und sollte im Jahr 2008, wenn der Ostflügel des Naturkundemuseums aufgebaut ist, erneut der Lobgesang „Auferstanden aus Ruinen“ erklingen, so ist das wiederum eine an Irreführung grenzende Übertreibung.

Zwar werden dann nicht mehr die Birken aus den Mauern des Naturkundemuseums wuchern. Aber trotz neuer Schauräume und eines dann renovierten Ostflügels bleibt das Gesamtgebäude des Naturkundemuseums eine im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Teilruine. Man kann hier authentisch den Renovierungsstand der Jahre 1945 bis 1950 besichtigen. Mauerlücken, undichte Fenster und provisorische Reparaturen mit Dachpappe führen zu Bedingungen, die für ein Museum von Weltrang unerträglich sind. Durch die provisorischen Abdichtungen fegt die Zugluft und erzeugt im Sommer Temperaturen über 30 Grad und im Winter Minustemperaturen. Regenwasser sickert durch die Decken, so dass immer wieder Deckenteile auf die Glasvitrinen herabstürzen. Unter diesen klimatischen Extremen leiden besonders die 225 000 in Alkohol konservierten Tierpräparate, Felle und Gefieder.

Hunderte von Fachgelehrten aus aller Welt besuchen Jahr für Jahr das Naturkundemuseum. Sie forschen anhand der in Berlin vorhandenen Referenzsammlungen über die Artbestimmung von Tieren und deren Mutationen. „Diese Wissenschaftler sind immer wieder erschüttert darüber, in welchem Zustand sich das Museum befindet“, berichtet der kommissarische Direktor des Museums, Professor Michael Linscheid.

Seit 1945 haben diese Sammlungen bis heute irgendwie überdauert. Man kann sich aber nicht ewig darauf verlassen, dass sie das auch in Zukunft tun werden. Zumal der Stand der Elektrizitätsleitungen im Naturkundemuseum dem Niveau entspricht, das in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar einen Großbrand ausgelöst hat. Die größten finanziellen Aufwendungen werden nicht nur für das Dach und eine totale Erneuerung aller Fenster benötigt, sondern für eine neue Elektroanlage sowie eine Klimatisierung der Magazinräume. In einem Naturkundemuseum dürfen keine Sprinkleranlagen eingebaut werden, die bei einer Brandkatastrophe in Aktion treten, denn dann wären weite Teile der Sammlung einer schweren Beschädigung oder gar Vernichtung preisgegeben. Nach dem heutigen Stand der Technik müssen in einem Naturkundemuseum die Brände durch Edelgase erstickt werden.

Von alledem wissen die Schulklassen, die Touristen und die meisten Politiker nichts. Sie kennen das Naturkundemuseum jenseits der Ausstellungsräume nicht. Sie gehen noch nicht einmal auf den Hinterhof, auf dem man wenigstens einen Teileindruck von den Kriegsschäden gewinnen kann.

Der Gesamtaufwand für die Erneuerung des Naturkundemuseums wird auf 128 Millionen Euro geschätzt. Die Aufteilung dieser Summe auf die Renovierungsabschitte verdeutlicht, wo die Probleme liegen: 16 Millionen Euro kostet die Renovierung des Ausstellungstraktes. Sie werden je zu Hälfte aus Lottogeldern des Landes Berlin und EU-Mitteln aufgebracht. Die EU-Mittel fließen jedoch nur für den Ausstellungstrakt, weil dieser dem Tourismus und damit der wirtschaftlichen Entwicklung dient. Für den Wiederaufbau des Ostflügels sind EU-Gelder nicht zu gewinnen. Denn der Ostflügel steht allein der Forschung unter Laborbedingungen zur Verfügung. Das heißt, hier sollen unter klimatisch einwandfreien Konditionen die empfindlichen 225 000 Tierpräparate aufbewahrt werden. Der Wiederaufbau des Ostflügels kann nur deshalb in Angriff genommen werden, weil die Humboldt-Universität aus Grundstücks- und Gebäudeverkäufen 15 Millionen Euro zur Verfügung stellt, damit der Bund 15 Millionen Euro dazugeben kann.

Von den 128 Millionen Euro Gesamtkosten für das Naturkundemuseum bleiben 82 Millionen Euro übrig, von denen niemand weiß, wie sie aufzubringen sind. Das Land Berlin ist pleite und verlangt heute schon von der Humboldt-Universität, dass sie den Landesanteil beim Hochschulbau aus eigenen Mitteln finanziert, damit der Bund die andere Hälfte beisteuern kann. Mit solchen Notbehelfen ist es jedoch an der Humboldt-Universität für die Zukunft vorbei. „Es ist absolut ausgeschlossen, dass die Humboldt-Universität die Hälfte von den benötigten 82 Millionen Euro aufbringen könnte. Wir haben alles an Grundstücken und Gebäuden verkauft, was zu entbehren war“, heißt es aus dem Präsidum. „Weitere Erlöse stehen uns nicht mehr zur Verfügung.“ Für die gesamte Universität gibt es bis 2009 jährlich zehn Millionen Euro an Investitionsmitteln. Davon müssen Geräte angeschafft und Renovierungen vorgenommen werden. Die Summe ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn in den Altbauten der Humboldt-Universität im einstigen Ostsektor Berlins gibt es einen riesigen Nachholbedarf, der nicht dem Naturkundemuseum allein zugute kommen kann.

Wenn das Land Berlin pleite ist und die Möglichkeiten des Hochschulbaus ausgereizt sind, wer kommt dann für die Kosten der Restsanierung in Höhe von 82 Millionen Euro auf? Bisher dachte die Humboldt-Universität, dass die Leibniz-Gemeinschaft das richtige Dach für eine neue Finanzierung bieten könnte. Aber in die Leibniz-Gemeinschaft werden nur dann Institute aufgenommen, wenn schlechter beurteilte Institute die gemeinschaftliche Förderung durch Bund und Länder verlieren. Über die Aufnahme neuer Institute oder Museen entscheiden Bund und Länder gemeinsam in der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK). Und dort hat das Naturkundemuseum seit Jahren einen schlechten Stand.

Mal war dem Land Berlin die Aufnahme des Elektronenspeicherrings Bessy II in Adlershof wichtiger als das Naturkundemuseum. Ein anderes Mal hatte sich Bayern bei den Kosten für die Sanierung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg verschätzt und befürchtete, dass bei Neuaufnahme des Naturkundemuseums in den Kreis der sieben Forschungsmuseen der Leibniz-Gemeinschaft die anderen Museen das Nachsehen hätten. Später hieß es, erst müsse das Naturkundemuseum aus den Geldern des Hochschulbaus rekonstruiert werden, bevor es in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen werden könne. Dann war der Streit zwischen dem Forschungsministerium unter Edelgard Bulmahn und dem Kulturstaatsministerium unter Christina Weiss nicht zu beenden, welches Ministerium für die Bundesfinanzierung beim Naturkundemuseum zuständig sein sollte. Kurz und schlecht – es gab immer weitere Gründe für eine Vertagung der Entscheidung.

Als jetzt im November neue Institute in die Leibniz-Gemeinschaft aufgenommen wurden, war das Naturkundemuseum wieder nicht dabei. Wolf-Michael Catenhusen sprach auf der Pressekonferenz der BLK anlässlich seines Abschieds als Staatssekretär im Bundeswissenschaftsministerium deutlich aus, wie miserabel die Aussichten für das Naturkundemuseum sind. Es sei ein großer Fehler gewesen, dass man die Entscheidung über das Naturkundemuseum nicht Anfang der 1990er Jahre geklärt habe. Angesichts der Haushaltsnöte werde es immer schwieriger, Großinvestitionen im dreistelligen Millionenbereich zu platzieren. Es sei ungewiss, ob die neue Bundesregierung in der Lage sein werde, eine solche Investition zu schultern.

Die Zukunft des Naturkundemuseums steht also in den Sternen.

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