Gesundheit : Eisern schweigen hilft nicht weiter

DOROTHEE NOLTE

Mancher kapiert es schon im ersten Semester.Wenn der Dozent eine Frage stellt, meldet er oder sie sich in aller Ruhe und gibt in wohlgesetzten Worten, mit sonorer Stimme und den Seminarleiter furchtlos anblickend, die goldrichtige Antwort.Ist ein Referat zu halten, so stellt sich die vorbildliche Studentin ohne jedes Zeichen von Nervosität nach vorne, schaut in die Runde ihrer gespannten Kommilitonen und trägt dann, frei und ohne sich zu verhaspeln, ihre klar gegliederte Arbeit vor, die an strategischen Stellen mit einem kleinen Scherz garniert ist.Bei den Zuhörern kommt Freude auf: Welch ein Lernfortschritt, welch Wonne, einer so brillanten Rednerin zuzuhören! Da bleibt nur ein Wunsch offen: daß auch der Seminarleiter seine rhetorischen Fähigkeiten ein wenig aufpolieren möge.

Tatsache ist nämlich leider, daß an den Universitäten die Kunst zu reden wenig verbreitet ist, und zwar sowohl unter Studenten wie unter Dozenten.Zu lang, zu schnell, zu langsam, zu monoton, nuschelig, unakzentuiert, wirr, trocken, verschwiemelt - um die große Vielzahl möglicher rhetorischer Mängel zu studieren, bietet die Uni reiches Anschauungsmaterial.Und obwohl darüber seit Jahren geklagt wird, hält es nach wie vor kaum ein Dozent für nötig, mit seinen Studenten darüber zu reden, wie man ein Referat am besten vorträgt.Noch immer gehören Rhetorikkurse nicht zum normalen Programm der Fachbereiche, muß man sich um Plätze in den wenigen Kursen rangeln, die von der Studienberatung angeboten werden, oder auf dem freien Markt teuer bezahlen.Wenn dann mal ein amerikanischer Gastprofessor oder -professorin auftaucht, wundern sich alle, daß "die Amerikaner das einfach besser können".So groß ist das Wunder nicht: Sie üben es einfach früher, schon in der Grundschule.

Während man bei rhetorisch ungenügenden Dozenten vermuten darf, daß sie sich nicht für die Lehre interessieren oder nicht willens sind, sich fortzubilden, ist bei den Studierenden oft mangelnde Übung oder schlichtweg Angst im Spiel.Nicht nur Erstsemester leiden darunter: Man will sich um Himmels willen nicht blamieren! Kriegt Beklemmungen, wenn alle hingucken, fühlt sich nicht sicher in der Materie und will nicht bei Fehlern ertappt werden.Hat Angst, einen schlechten Eindruck auf den Dozenten und möglichen späteren Prüfer zu machen.Die Folgen: die Stimme ist belegt oder bricht, die Hände zittern, das Herz klopft, Student und Studentin stottern rum, finden die richtigen Worte nicht, beginnen zu schwitzen, schnappen womöglich nach Luft und werden blaß oder auch rot.Oder aber man vermeidet die ganze Quälerei und schweigt sich eisern durchs Seminar hindurch.Auch keine Lösung.

Umso wichtiger ist es, sich von Anfang an klarzumachen, daß das Sprechen vor Gruppen nichts ist, was man "von Natur aus" können müßte.Im Gegenteil haben sehr viele Menschen mehr oder weniger große Angst davor.Wer sich dieses Problems bewußt ist und daran arbeitet, hat gute Chancen, die Rede-Angst zu überwinden.

Eine exzellente Hilfe dabei bietet ein kleines neues Buch von Ursula Steinbuch, die seit 1977 als psychologische Beraterin für FU-Studierende tätig ist.Sie bietet Rede-Trainingsprogramme an und hat ihre Erfahrungen aus zahlreichen Kursen sehr verständlich und lebensnah zusammengefaßt.Wer das Thema danach vertiefen möchte, kann zu Marita Pabst-Weinschenks Buch "Reden im Studium" greifen; es ist sehr viel theoretischer, erläutert auch Kommunikationsmodelle und rhetorische Figuren, trifft aber die Bedürfnisse der meisten Studierenden weniger.

Ursula Steinbuch empfiehlt, mithilfe eines Fragebogens zunächst festzustellen, welche Situationen besonders große Angst auslösen.Der eine findet zum Beispiel nichts dabei, auf eine Aufforderung des Dozenten hin spontan eine Antwort zu geben, meldet sich aber nur ungern selbst, weil die Aufregung immer weiter wächst, bis er drangenommen wird.Andere Studenten nehmen am Unterrichtsgespräch locker teil, gruseln sich aber davor, zwanzig Minuten allein einen Vortrag halten zu müssen.Die eine spricht vor vier Menschen wie eine junge Göttin, wird aber vor dreißig Zuhörern zum verhuschten Mäuschen.Sinnvoll ist daher laut Ursula Steinbuch, eine persönliche "Hierarchie von Redesituationen mit steigendem Schwierigkeitsgrad" zu erstellen und dann zuerst die leichteste zu üben.Ihr Grundsatz ist: "Es geht nicht darum, erst einmal die Angst zu unterdrücken oder loszuwerden und dann zu reden, sondern das Ziel ist, mitsamt der Angst zu reden und sie mittels Erfahrung und Übung allmählich abzubauen."

Dazu ist es wichtig, Methoden der körperlichen Entspannung zu beherrschen und vor allem: "Schrottgedanken zu entlarven".Vorgefaßte negative Urteile über sich selbst sind schädlich, denn sie verstärken noch die Aufregung.Wenn man denkt, "bestimmt finde ich nicht die richtigen Worte, und alle werden über mich lachen", dann wird man sie mit Sicherheit nicht finden.Auch überzogene Ansprüche an sich selbst lösen Hemmungen aus: Der Redebeitrag muß nicht so großartig sein, daß er dem Rest der Welt noch jahrzehntelang in Erinnerung bleibt! So toll wie man gerne wäre ist man in aller Regel nicht.Drum sei es am sinnvollsten, sich "mit seinem Realbild anzufreunden und das zum Ausgangspunkt für schrittweise Veränderung zu nehmen", schreibt Steinbuch.Das heißt auch: Fehler akzeptieren, sich nicht von Mißerfolgen entmutigen lassen, geduldig mit sich sein und Kritik von anderen nicht gleich als Mißachtung der ganzen Person auffassen.

Üben solle man zusammen mit einigen Kommilitonen.Ursula Steinbuch schlägt mehrere Lernschritte vor: Zunächst kann man einfach einen Text vorlesen und dabei in die Runde schauen.Dann sollte man ihn - nach kurzer Vorbereitungszeit - zusammenfassen, danach den Inhalt eines Buchs oder eines Films in wenigen Minuten darstellen, schließlich einen Kurzvortrag über ein studienrelevantes Gebiet halten und Fragen der anderen dazu beantworten.Wenn man die Möglichkeit hat, das alles auf Video aufzunehmen und mit den anderen durchzusprechen - umso besser.In der Regel seien die Zuhörer weniger kritisch als der Vortragende selbst, hat Ursula Steinbuch festgestellt.Sie können auf jeden Fall wertvolle Hinweise geben, was genau noch zu verbessern wäre: "Denkstil" (Gliederung, Aufbau), "Sprachstil" (Wortwahl, Satzaufbau), "Sprechstil" (Stimme, Satzmelodie, Lautstärke, Betonung, Geschwindigkeit, Pausen, Deutlichkeit) oder die "Schauform" (Mimik, Gestik, Haltung, Kleidung).Denn eins ist klar: Von heute auf morgen wird niemand zum guten Redner.Aber es muß auch niemand bis zum Ende seiner Tage ein schlechter bleiben.

Ursula Steinbuch: Raus mit der Sprache - Ohne Redeangst durchs Studium.Campus Verlag 1998, 128 Seiten, 24 Mark 80.

Marita Pabst-Weinschenk: Reden im Studium.Ein Trainingsprogramm.Cornelsen Verlag Scriptor 1995, 174 Seiten, 24 Mark 80.

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