Gesundheit : Eisige Kinderstube

Hitze? Von wegen: In der Antarktis ist jetzt Winter – und Brutzeit für Pinguine

Matthias Glaubrecht

Sie wirken ebenso liebenswert wie tollpatschig, drollig wie gravitätisch. Der aufrechte Gang der Pinguine ist steif, ihre Bewegungen sind oft komisch und rührend zugleich. Und sie haben sich den sicherlich unwirtlichsten Nistplatz der Erde ausgesucht – die Antarktis. Kaiserpinguine sind zudem die einzigen Vögel, die mitten im Winter bei Schnee und Eis, heftigen Stürmen und extremer Kälte von bis zu minus 50 Grad brüten. Wer dabei überleben will, muss hart gesotten sein. Doch warum dieser Überlebenskampf in antarktischer Eiswüste?

Ein Heer Frack tragender Pinguine besiedelt die meist eiskalten Südpolarregionen. Nur zwei der sechs Pinguin-Gattungen aus der Familie der Spheniscidae leben indes auf dem antarktischen Festland und an seinen Küsten. Die anderen Pinguine sind, den kalten Meeresströmungen folgend, hinauf bis zu den vorgelagerten Inseln und Küsten von Südamerika, Südafrika, Südaustralien und dem südöstlichen Neuseeland gewandert. Eines jedoch ist ihnen allen gemeinsam: an Land begeben sie sich meist nur zur Brutzeit.

Brüten bei minus 50 Grad

In besonderem Maße unterliegen die majestätischen Kaiserpinguine – die in ihrem Diplomatenfrack beinahe menschlich wirken – den Zwängen der Natur. Denn nur wenn die rund einen Meter großen Kaiserpinguine bereits im kältesten Winter mit dem Brutgeschäft beginnen, können sie ihren Nachwuchs bis zum Ende des Sommers aufziehen.

Die ungewöhnlichen Lebensumstände dieser Pinguine erfordern auch eine unter Vögeln eher „progressive“ Arbeitsteilung der Eltern. Denn beim antarktischen Kaiserpinguin ist das Brüten Männersache.

Nach der Ablage überlässt das Weibchen seinem Partner das Ei. Der bugsiert es mittels Schnabel auf seine Füße, wo er es unter einer fettgepolsterten befiederten Bauchfalte bis zum Schlüpfen des Jungtieres wärmt – für zwei scheinbar endlose antarktische Monate. Leicht vornüber gebeugt und mit eingezogenen Köpfen stehen Kaiserpinguin-Männchen dicht an dicht und in Gruppen zusammen, wobei sie Wind und Wetter ihren schwarzen Rücken zukehren.

„Schildkröte“ haben Zoologen diese sich gegenseitig Schutz bietende Versammlung brütender Pinguine genannt. Wird der Brutplatz in kleinen Tälern und engen Schluchten der Eisgebirge dennoch selbst den Kaiserpinguinen zu ungemütlich, zieht die ganze Kolonie in einer schweigsamen Prozession zum nächsten um. Dabei vollbringen die Männchen das Kunststück, ihr Ei dicht an den Bauch gepresst auf ihren Füßen zu balancieren und tippelnden Schrittes mit sich zu transportieren. Ausrutschen gilt nicht.

Wie das Brutgeschäft selbst erscheint das Überleben der Pinguine in der Antarktis als ein Balanceakt am Rande des eben noch Möglichen. Während Vater Pinguin über Wochen Wind und Wetter trotzt, hat sich Mutter Pinguin ins Meer abgesetzt, wo sie sich den Wams vollschlägt, um wärmendes Fett anzusetzen.

Erst wenn die Jungen im Ei so weit sind zu schlüpfen, kehren die Weibchen aus dem Meer zur Kolonie zurück, um sich nun ihrerseits dem kaiserlichen Nachwuchs zu widmen – und um endlich die Männchen aus der Fastenzeit zu entlassen. Denn die haben nahezu ein Drittel ihres sonst üblichen Körpergewichts verloren. Bei Pinguinen ist mithin die Jungenaufzucht die wirkungsvollste Diät.

Während den kleineren Adeliepinguinen, die die Inseln rings um den antarktischen Kontinent besiedeln, der kurze antarktische Sommer reicht, um ihre Jungen aufzuziehen, können sich die Jungen der Kaiserpinguine erst im Alter von acht Monaten selbst ernähren. Damit sie zu Ende des antarktischen Sommers im Meer genug Nahrung finden, um sich für den Winter eine wärmende Speckschicht anzufuttern, müssen diese Pinguine so früh im finsterkalten antarktischen Winter mit der Brut beginnen. Das Wetter fordert dennoch Tribut. Selbst in normalen Brutjahren sterben 30 Prozent der Jungtiere, bei schlechtem Wetter und langen Schneestürmen verendet jedes zweite Küken.

Tollpatsch wird Torpedo

So tollpatschig der watschelnde Gang der Pinguine an Land wirkt, so elegant bewegen sie sich im Wasser. Ihr spindelförmiger Körper macht diese gestaltgewordenen Vogeltorpedos zu geborenen Schwimmern und Tauchern. Ganze Forscherguppen beschäftigen sich neuerdings nicht nur mit den Schwimm- und Meisterleistungen der Pinguine im aquatischen Milieu, sondern gehen der Frage nach, wie und wo diese Vögel im offenen Ozean ihre Nahrung finden.

Wie anstrengend die Nahrungssuche dabei auch für die vor der Pazifikküste von Chile und Peru lebenden Humboldtpinguine ist, haben Zoologen unlängst mit Hilfe von sendermarkierten Tieren beobachtet. Humboldtpinguine haben vor allem Sardellen und Sardinen zum Fressen gern, die sich ihrerseits von winzigen Krebstieren des Planktons ernähren. Um diese zu erbeuten, legen sie bei mehrere Tage dauernden Ausflügen Strecken zurück, die sich auf ein Gebiet von 1200 Quadratkilometer verteilen können. Täglich acht bis neun Stunden dauert so ein typischer Arbeitstag, den die Humboldtpinguine schwimmender- und tauchenderweise unter Wasser verbringen.

Ein Forscherteam um den deutschen Meeresbiologen Boris Culik vom Institut für Meereskunde in Kiel fand heraus, dass sie dabei durchschnittlich mit rund 3,6 Kilometern pro Stunde unterwegs sind und bis zu 50 Meter tief tauchen (veröffentlicht im Fachblatt „Zoology“, Band 104, Seite 327).

Wenn ein El-Niño-Ereignis vor der Küste Chiles mit warmem, nährstoffarmem Wasser den aus der Antarktis kommenden Humboldtstrom mit seinem kalten, aber nahrungsreichen Wasser verdrängt, müssen sich die Humboldtpinguine auf lange Wanderungen machen. Denn mit dem El-Niño wird vor der Küste die Nahrung knapp. Die Algen und Krebstierchen gedeihen im warmen Wasser nämlich nur kümmerlich.

Folglich wandern auch die Fischschwärme aus der betroffenen Region ab – und ziehen die von ihnen lebenden Pinguine hinterher. Die müssen nun immer weiter in den Pazifik hinausschwimmen, wo sie mitunter gezwungen sind, bis zu 200 Kilometer zurückzulegen.

Wenn der El-Niño lange anhält, verlassen die Humboldtpinguine sogar Eier, Küken und Kolonie, um den wegziehenden Fischschwärmen zu folgen. Die durch den El-Niño ausgelöste Notzeit zeigt, dass nicht nur die eigenartigerweise in der Antarktis brütenden Kaiserpinguine, sondern auch die weiter nördlich lebenden Humboldtpinguine den vielfältigen Zwängen der Natur unterliegen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben