Gesundheit : Eizellen einfrieren, Karriere machen, Kinder kriegen

Paul Janositz

Kleine Wesen mit großem Kopf und schlagendem Schwanz füllen die Leinwand. Die Spermien flitzen durch die Nährlösung. Eine Hohlnadel, etwa so dünn wie ein menschliches Haar, nähert sich den zappelnden Wesen und fängt schließlich eines ein. Nun erscheint ein Gebilde, rund wie ein Ball. "Eine Eizelle", sagt eine Frauenstimme. Die Nadel durchstößt die Hülle, das Spermium schwimmt nach vorne, dann hält es still, als zögere es vor dem Abenteuer, das Ei zu entern. "Gib ihm doch einen Schubs", sagt eine Männerstimme. Die Anfeuerung ist erfolgreich, das Spermium schießt ins Ei, erstarrt zu einem dunklen Fleck, der langsam in der weißen, runden Masse verschwindet.

Mit dieser Video-Vorführung in der "Ruine" des Medizinischen Museums der Charité erreichte Carl Djerassi zweierlei. Der Chemieprofessor an der amerikanischen Stanford Universität demonstrierte zum einen eindrucksvoll die "ICSI"-Methode, die auch Männern mit zu wenigen oder zu langsamen Spermien zu Nachkommen verhelfen kann (ICSI ist die Abkürzung für "Intracytoplasmatische Spermieninjektion"). Gleichzeitig bekamen die Besucher des Vortrags in der Reihe "Einstein-Forum" einen Einblick in das literarische Schaffen des "Vaters der Pille".

Vor fast genau 50 Jahren, am 15. Oktober 1951, war dem gebürtigen Österreicher, der vor den Nazis nach Amerika flüchten musste, die synthetische Herstellung des Hormons Gestagen geglückt - ein entscheidender Schritt zur "Anti-Baby-Pille", die Anfang der 60er Jahre auf den Markt kam. Djerassi beschränkte sich aber nicht auf die Forschung, er beschäftigte sich stets auch mit den gesellschaftlichen Aspekten der Empfängnisverhütung.

Vor etwa zehn Jahren begann der Wissenschaftler zudem literarisch zu arbeiten. Mittlerweile liegen fünf Romane vor, sowie Kurzgeschichten und eine Autobiographie. "Science-in-fiction" nennt Djerassi seine Art zu schreiben, die er auch in Theaterstücken pflegt. Eines davon ist "ICSI", in dem auch die dramatische Injektion eines Spermiums in eine Eizelle zu sehen ist. "Ich möchte Wissenschaft in die Hirne von Leuten einschmuggeln, die sich nicht von vornherein dafür interessieren", sagte Djerassi nach der fünfminütigen Vorführung, der noch eine Lesung mit verteilten Rollen folgte.

Das Interesse des Publikums lag jedoch eher bei dem Experten für künstliche Fortpflanzung als beim Schriftsteller. Schließlich war "Sex im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit" der Titel der Veranstaltung. Djerassi zeigte sich als Pragmatiker, der "keine Antworten geben, sondern zu intelligenten Fragen ermuntern" wollte.

Die Reproduktionsmedizin habe es möglich gemacht, Fortpflanzung und Geschlechtsakt voneinander zu trennen. Paare wünschten sich heutzutage meist nur ein, höchstens zwei Kinder. Immer besser ausgebildete Frauen strebten zunächst eine berufliche Karriere an. Oft seien sie schon älter als 35 Jahre, wenn der Wunsch nach einem Kind realisiert werden könne. Ein Zeitpunkt, an dem die Qualität der Eizellen bereits nachlässt. Dasselbe gilt auch für den Zustand des Samens.

Djerassi sieht in der ICSI-Methode die Möglichkeit, die "biologische Uhr zurückzudrehen". Denn erst die gezielte Spermieninjektion habe es möglich gemacht, gefrorene Eizellen zur künstlichen Befruchtung zu verwenden. Bei der üblichen Art der "In-vitro-Fertilisation", bei der Millionen Spermien konkurrieren, sind tiefgekühlte Eizellen kaum brauchbar. Warum sollten Frauen nicht in jungen Jahren Eizellen in guter Qualität einfrieren lassen, um später darauf zurückgreifen zu können? Männer könnten auf dieselbe Art verfahren.

"Wer seine Keimzellen eingefroren hat, kann sich sterilisieren lassen", meint Djerassi. Wenn ein Kinderwunsch da sei und die Zeit günstig erscheine, könnten die tiefgefrorenen Eizellen und Spermien per ICSI vereinigt werden. Geschlechtsakt und Fortpflanzung wären damit völlig getrennt, die Sexualität einzig der Lust vorbehalten. Zu ungewollten Schwangerschaften käme es nicht mehr.

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