Gesundheit : "Eklatante Lücken"

Anja Kühne

In diesen Tagen blicken Professoren in ihren Vorlesungen wieder in die Gesichter von zahlreichen Erstsemestern. Was die Dozenten wohl über die Anfänger denken? Offenbar nicht viel Gutes. Deutsche Professoren halten die meisten Studienanfänger nur für mittelmäßig. Das hat jedenfalls das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln bei einer Umfrage unter 1435 Hochschullehrern verschiedener Hochschultypen und Fächergruppen festgestellt. Nur jedes vierte Erstsemester habe das Zeug zum guten Studenten, 41 Prozent kämen mit "mittleren Fähigkeiten" an die Unis, jeden dritten Anfänger halten die Dozenten der Umfrage des arbeitgebernahen Instituts zufolge sogar für nicht studierfähig.

Ein Drittel der befragten Professoren sprach den Anfängern analytische Fähigkeiten völlig ab, jeder zweite bewertete ihre sprachliche Ausdrucksfähigkeit als schlecht. Weiter könnten die Neulinge nicht sonderlich gut Referate halten und seien auch schwach auf der Brust, wenn es darum geht, selbst Forschungsliteratur zu suchen.

Grafik: Schulwissen: Meist nur schwach befriedigend In zwölf von insgesamt 16 Schulfächern haben die Erstsemester den Professoren zufolge "eklatante Wissenslücken". Dabei gehen die Hochschullehrer davon aus, dass gute Kenntnisse in Fächern wie Mathematik, Physik, Englisch und Deutsch zu den Voraussetzungen für ein erfolgreiches Studium gehören. Die Dozenten in geisteswissenschaftlichen Disziplinen beklagen fehlende Geschichtskenntnisse, während Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler sich mehr ökonomische Kenntnisse von den Anfängern wünschen. Streng urteilen der Umfrage zufolge besonders Professoren, die ihren Schwerpunkt eher in der Forschung als in der Lehre sehen.

Bereiten die Schulen die Abiturienten zu schlecht auf die Uni vor? Und könnte vielleicht darin ein Grund dafür liegen, dass etwa jeder dritte Student nie zum Examen kommt? "Solche Umfragen gibt es seit hundert Jahren, und immer kommt das gleiche Ergebnis raus", sagt Heinz-Elmar Tenorth, Vizepräsident für Lehre und Forschung an der Humboldt-Uni. "Ich traue den Befunden nicht. Wenn nur vier Prozent der Studenten gut wären, hätten wir ja keine erfolgreichen Zwischenprüfungen." Tenorth hält die Ergebnisse der Studie vor allem für das Resultat eines Generationenkonflikts: "Die Professoren sehen einfach, dass die Erstsemester Erstsemester sind." Die neuen Studentinnen und Studenten hätten normale "Einfindungs- und Anpassungsprobleme", schließlich erlebten sie ihre erste Zeit in einer für sie neuen Institution.

Jeder Neuling bringt nach Tenorth etwas anderes mit an die Uni: "Die Abiturienten lesen nicht alle das Gleiche in der Schule. Die Professoren erleben das dann als Lücken." Es hänge jeweils von den Lehrern ab, wie die Lehrpläne umgesetzt werden. Eine Verbesserung der Lage wollen einige Kultusminister mit der Stärkung der Kerncurricula erreichen: Die Abiturienten sollen homogenere Kenntnisse an die Hochschulen mitbringen als bisher.

Tenorth glaubt auch, dass viele Professoren sich noch nicht daran gewöhnt haben, dass die Studierenden inzwischen andere Fähigkeiten mit an die Uni bringen: In der Studie des Kölner Instituts bescheinigt fast jeder dritte Hochschullehrer den Studienanfängern gute bis sehr gute Kenntnisse im Umgang mit Computern.

Siegfried Engl, Studienberater an der Freien Universität, hält die Klagen über die Mittelmäßigkeit der Neuen zum Teil für begründet: "Viele Abiturienten benutzten die Uni als Auffangbecken, weil sie keinen Ausbildungsplatz bekommen haben." Auch seien viele Schüler über die Studienmöglichkeiten nur schlecht informiert, so dass sie sich verwählten. Andere Studienanfänger kämen nur schwer damit zurecht, dass niemand sie mehr "an der Hand nimmt und alles kontrolliert".

Die Studienberatungen hätten jedoch nicht die Kapazitäten, einzelne Schulen zu besuchen. Engl sieht deshalb auch die Schulen selbst in der Pflicht: "Es war ja der Sinn des Kurssystems, an die Uni heranzuführen und selbstständiges, eigenmotiviertes Handeln zu fördern", sagt er und denkt darüber nach, ob vielleicht auch die Überalterung der Lehrerkollegien dazu beiträgt, dass die Schüler nur vage Vorstellungen von der Uni haben. "Die meisten Lehrer sind schon sehr weit weg von ihrem eigenen Studium." Allerdings bleibe bei vollgepfropften Lehrplänen ohnehin nur wenig Zeit, die Schüler zu mehr Selbstständigkeit zu erziehen.

Dennoch haben in Berlin die Senatsverwaltungen für Wissenschaft und Schule die "Arbeitsgemeinschaft Schule und Hochschule" ins Leben gerufen und Vorschläge für die Gestaltung des Unterrichts gemacht: Die autodidaktischen Fähigkeiten der Schüler sollen gestärkt und die Abiturienten in die Lage versetzt werden, sich selbst Fachliteratur zu beschaffen sowie Referate zu halten. Außerdem sollen sie stärker als bisher zur Teamfähigkeit erzogen werden.

Als besonders reformbedürftig gilt der Unterricht in Mathematik und den Naturwissenschaften. In diesen Fächern schneiden deutsche Schüler im internationalen Vergleich nur mittelmäßig ab, wie vor drei Jahren in der Tims-Studie der OECD festgestellt wurde. Die Humboldt-Uni bemüht sich speziell um Mathematiker und kooperiert mit den Leistungskursen dreier Gymnasien, an denen begabte Schüler schon erste Scheine erwerben können. Auf Breitenwirkung ist dagegen das neue "Kompetenzzentrum Mint" der Freien Uni ausgerichtet, dass die Schulen mit der Hochschule und der Wirtschaft vernetzt, um naturwissenschaftliche Kompetenzen zu fördern. Schülerinnen können etwa in Sommerkursen erste Chemie-Scheine machen (wir berichteten).

Inzwischen bemühen sich auch viele Hochschulen, den Schülern den Übergang zu erleichtern, etwa, indem sie das Grundstudium besser organisieren oder Orientierungsveranstaltungen anbieten. Zum Teil scheitern die Anstrengungen an den Finanzen: "Wir haben einfach nicht mehr Tutoren", sagt Tenorth. Für die Professoren sei es schwierig, sich in Massenveranstaltungen jedes Einzelnen anzunehmen.

Selbst wenn die fachlichen Fähigkeiten der Erstsemester Wünsche offen lassen, gibt es auch Lichtblicke: Die in der Kölner Studie befragten Professoren sind der Meinung, dass viele Neulinge über allgemeine Gaben verfügen, die sie brauchen, um ein Studium erfolgreich zu Ende zu bringen: Sie sind zuverlässig, kommunikativ, team- und konfliktfähig.

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