Gesundheit : Elektrisch gestärkt

Ein besonderer Schrittmacher verleiht erschöpften Herzen neue Kraft

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Von Hartmut Wewetzer

Wenn das Herz zu langsam schlägt, kann man es mit einem Schrittmacher auf Trab bringen. Ein kleiner Draht führt von einer Batterie ins Herz und gibt hier winzige Stromschläge ab, die das Herz sich zusammenziehen lassen. Das gleiche inzwischen vielfach bewährte Prinzip erproben Kardiologen nun auch bei Herzmuskelschwäche.

Die Pumpschwäche des Herzmuskels betrifft in Deutschland etwa eine Million, meist ältere Menschen mit schlechter Durchblutung der Herzgefäße. Die Muskelschwäche äußert sich vor allem in körperlichem Leistungsabfall – beim Treppensteigen bleibt schnell die Puste weg, die Beine können anschwellen, und schließlich tritt Wasser in die Lunge über, so dass Luftnot sogar in Ruhe auftreten kann.

Medikamente helfen nicht immer

Meist wird die Herzschwäche mit einer ganzen Batterie von Medikamenten behandelt. Die Mittel schwemmen Wasser und Salze aus, um das Herz zu entlasten, stärken die Schlagkraft und senken den Blutdruck. Helfen auch sie nicht mehr, bleibt fast nur noch die Herztransplantation oder neuerdings das Einsetzen einer Kreislaufpumpe („Kunstherz“).

Etwa jeder dritte Patient mit Herzschwäche ist schwerkrank, jeder vierte von ihnen – in Deutschland sind das mehr als 80 000 Patienten – wäre ein potenzieller Kandidat für den Schrittmacher.

Geeignet sind jene Patienten, bei denen sich die bioelektrische Erregung im Herzen verzögert ausbreitet, weil die körpereigenen „Stromkabel“ beschädigt sind. Die Folge: der Herzmuskel zieht sich langsamer und unkoordinierter zusammen, die Leistung sinkt. Der Schrittmacher „resynchronisiert“ mit seinem künstlichen Takt den Muskel und verbessert seine Arbeitsfähigkeit. Das Herz pumpt wieder mehr Blut pro Schlag.

Die bislang größte Studie zu dem neuen Verfahren mit dem schönen n „Miracle“ erschien erst vor wenigen Wochen und wurde auf dem Europäischen Kardiologen-Kongress in Berlin von Wiliam Abraham von der Universität von Kentucky vorgestellt. 453 Patienten mit fortgeschrittener Herzschwäche bekamen einen speziellen Schrittmacher eingesetzt – aber bei der Hälfte von ihnen wurde er nicht aktiviert. Auf diese Weise wollte man möglichst objektive Bedingungen für den Schrittmachertest schaffen.

Das Ergebnis nach einem halben Jahr: Wessen Herz elektrisch gestärkt wurde, der fühlte sich besser, hatte weniger Krankheitszeichen, war leistungsfähiger und musste weniger ins Krankenhaus. „Die Zahl der Tage in der Klinik wurde um 77 Prozent verringert“, berichtete Abraham.

Trotz der guten Ergebnisse ist das letzte Wort über das neue Verfahren noch lange nicht gesprochen. So ist bis heute noch nicht endgültig geklärt, ob auch die Überlebenschancen steigen. Bisher gibt es dafür nur Anhaltspunkte. Außerdem gibt es noch keine Langzeiterfahrungen, und etwa jeder fünfte Patient spricht nicht auf die Therapie an. Schließlich ist der Einbau des Systems ein wenig schwieriger als der herkömmlicher Schrittmacher, weil eines der Kabel in eine Herzvene hineinbugsiert werden muss (siehe Infografik).

Etwa 1500 bis 2000 Spezial-Schrittmacher gegen Herzschwäche werden pro Jahr in Deutschland eingesetzt, schätzt Andrea Auricchio von der Universitätsklinik Magdeburg. „Die Zahlen steigen.“ Und die Kosten? Auricchio, einer der Vorreiter der Methode in Deutschland, zieht die Stirn kraus: „Ein Gerät kostet 5000 bis 6000 Euro. Da machen sich die Krankenkassen natürlich schon Sorgen. Auf der anderen Seite sparen wir, weil die Patienten viel seltener im Krankenhaus sind – das sollten die Krankenkassen schon berücksichtigen.“

Herztod-Gefahr gebannt?

Aber es kommt vermutlich für die Kostenträger noch schlimmer. Denn der Schrittmacher gegen Herzschwäche kann mit einem Defibrillator kombiniert werden, einem einsetzbaren Elektroschock-Gerät. Denn Kranke, deren Herz nach einem Infarkt schwächer pumpt, sind besonders durch einen plötzlichen Herztod gefährdet.

Bei diesen Patienten würde man mit einer Kombination aus Schrittmacher und Defibrillator zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Bessern der Pumpschwäche und Verhüten des Herzstillstands. Der Haken: Ein Defibrillator kostet 15 000 bis 20 000 Euro, die zu den Schrittmacherkosten noch hinzu zu addieren wären.

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