Elektronische Hörhilfe : Das geht ins Ohr

Wie ein Implantat die Aufgabe des Gehörs übernimmt

Adelheid Müller-Lissner

„Diese Stimme, einfach göttlich!“, schwärmt der Herr mit dem weißen Lockenkopf. Es ist nicht Simon Rattle, und der Sopran, der ihn so begeistert, ist auch nicht der von Anna Netrebko. Der Hörgeschädigtenpädagoge Klaus Berger freut sich über das „Da-da-da-da“ der einjährigen Leonie. Sie ist mit ihrer Mutter aus dem brandenburgischen Mahlow gekommen. Ihre Laute klingen wie das normale Gebrabbel von Kleinkindern. Gerade deshalb ist es Musik in Bergers Ohren.

Knapp sechs Wochen ist es her, dass Leonie eine elektronische Hörhilfe ins Innenohr eingesetzt wurde. Ein Implantat, das die Funktion der Hörschnecke (lateinisch: Cochlea) übernehmen soll. Sie wandelt die akustischen Informationen, die über das äußere Ohr und das Mittelohr zum Innenohr gelangen, in elektrische Impulse um, die zur Weiterverarbeitung ins Gehirn geschickt werden. Bei einer Innenohr-Schwerhörigkeit oder -Taubheit versagt die Hörschnecke. Die ersten Cochlea-Implantate (CI) wurden in den achtziger Jahren eingesetzt, heute leben etwa 120 000 Menschen damit.

Leonie ist wie ihre Zwillingsschwester Mia von Geburt an schwerhörig. Anders als Mia hätten bei ihr Hörgeräte, die nur den Schall verstärken, nicht ausgereicht, um ihr auch ein Gefühl für das eigene Sprechen zu geben. Leonie brabbelt nämlich nur, wenn die Sprachprozessoren eingeschaltet sind, die an ihrem T-Shirt klemmen, und wenn die Sendespulen hinter ihren Ohren auf der Kopfhaut befestigt sind (siehe Grafik). Erst dann ist sie „auf Empfang“. Was man nicht sieht, sind die Teile im Schädelknochen und in der Hörschnecke des Innenohrs: Ein Empfänger für die elektrischen Impulse, die von der Sendespule kommen, ein Magnet, der dafür sorgt, dass diese Spule außen auf der Kopfhaut hält, und Elektroden, die mit ihren Signalen den Hörnerv direkt reizen. Über die Hörbahn werden dann die Regionen im Gehirn angeregt, die für das Hören zuständig sind. Nur wenn sie funktionsfähig sind, ist ein CI geeignet.

„Ein von uns entwickelter Funktionstest kann darüber Aufschluss geben. Dabei werden die Hörnerven durch Signale aktiviert, die eine im äußeren Gehörgang platzierte Elektrode aussendet,“ sagt Heidi Olze, Leiterin der HNO-Klinik am Campus Virchow der Charité, wo jedes Jahr etwa 100 Kinder und Erwachsene operiert werden. Auch wenn Cochlea-Implantationen heute schon Routine sind und meist nicht länger als eineinhalb Stunden dauern, ist Erfahrung wichtig. Schließlich wird nahe der Nerven operiert, die für das Schmecken und die Mimik zuständig sind. Schon deshalb ist es wichtig, genau zu prüfen, ob ein Patient von dem Implantat profitieren würde. Für Kinder gibt es einen speziellen Hörtest, denn sie können ja noch nicht sagen, ob sie einen Ton hören oder nicht. „Mit Erwachsenen machen wir Tests zum Sprachverstehen. Nur wer mit optimal angepasstem Hörgerät bei 65 Dezibel weniger als 30 bis 40 Prozent versteht, kommt für ein CI in Frage“, erklärt Olze.

Vor allem Kinder, die vorher schwer oder gar nicht gehört haben, werden von den Geräuschen über die künstliche Hörschnecke geradezu überflutet. Sprachliche Bedeutung herauszufiltern will gelernt sein – und erfordert Geduld. „Medizin und Pädagogik spielen hier eng zusammen“, sagt Gottfried Aust, Ärztlicher Leiter des Cochlear-Implant-Centrums Berlin-Brandenburg (CIC). Dort werden taube und hochgradig hörbehinderte Kinder und auch einige Erwachsene beraten. Nach der Operation wird der Sprachprozessor in mehreren Sitzungen angepasst, danach werden die Implantat-Träger jahrelang begleitet.

Am CIC geht auch Marcus Perkowski aus und ein. Der 18-Jährige macht gerade sein Fachabitur, später möchte er Informatik studieren. Er liebt Technik, denn die hat sein Leben verändert. Marcus erzählt davon mit leuchtenden Augen. „Ich war acht, als mein erstes CI eingesetzt wurde. Die ersten Eindrücke darf ich nie vergessen! Ich habe jedes Spielzeug neu in die Hand genommen, um die Geräusche zu hören, die es machte.“ Damals hat Marcus auch zum ersten Mal seine eigene Stimme deutlich gehört – eine wichtige Rückmeldung, durch die sich seine Sprache verbesserte. An manchen Tagen musste er das Gerät aber auch ausschalten. „Es wurde zu viel für meine Nerven, die das Hören ja nicht gewöhnt waren.“ Später wurde auch im zweiten Ohr ein CI gesetzt, das er wegen des räumlichen Höreindrucks nicht mehr missen will. „Mit zwei Implantaten kann man Störgeräusche besser ausblenden und die Richtung von Geräuschen orten“, erläutert Charité-Ärztin Olze. An Orten, wo Musik läuft, versteht Marcus aber auch heute nicht alles. Es nervt ihn auch, wenn beim Sport die Sendespule abfällt. Er hat Mühe, Englisch zu verstehen. Und seine Aussprache ist ein ganz klein wenig ungewöhnlich, aber das ist kein Handicap. „Es ist erstaunlich, was ich mit dem CI erreichen kann, obwohl ich taub bin.“

Für Leonie wird das noch viel leichter sein. Denn ihr wurde das Implantat in einem Alter eingesetzt, in dem die Sprachentwicklung gerade erst beginnt. In dieser Phase sprechen Erwachsene instinktiv in Babysprache mit ihr, singen, bilden Verse und übertreiben die Satzmelodie. Das hilft nicht nur beim Erlernen der Artikulation. „Das Gefühl für Melodie ist die Grundlage für die Grammatik“, sagt Berger. Einige Kinder lernen später sogar ein Musikinstrument.

Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Implantation ist in Bergers Augen, dass vor der Operation „an den Erwartungen gearbeitet“ wird. Das gilt auch für die Erwachsenen, die ein CI bekommen, zum Beispiel, weil sie nach einem Hörsturz ihr Gehör verloren haben. Sie haben andere Probleme als die Kleinkinder: Ihr Gehirn ist zwar darin geübt, elektrische Impulse als Sprache zu deuten. Wie gut das aber auch mit der künstlichen Hörschnecke gelingt, ist abhängig von Anzahl, Qualität und Verteilung der Hirnnervenfasern. Erwachsene wissen außerdem, wie sich etwas anhörte, als ihr Ohr noch gesund war – und manche sind enttäuscht vom Klang, den das künstliche Innenohr liefert. Durch die beschränkte Anzahl der Elektroden ist er nämlich weniger farbig. Manche lernen trotzdem, sich mit dem CI wieder an Musik zu erfreuen, anderen macht das nun weniger Spaß.

Für Leonie gibt es keinen Vergleich. Für sie öffnet sich durch das Implantat das Tor zur Muttersprache. Die meisten Kinder, die im CIC betreut werden, haben hörende Eltern. Ihnen selbst fehlt das Gehör ganz oder teilweise, weil während der Geburt durch Sauerstoffmangel Sinneszellen in der Ohrschnecke geschädigt wurden. Auch Infektionen in der Schwangerschaft der Mütter oder bei den Kleinkindern selbst können zu Gehörschäden führen. Bei einigen liegt eine genetische Veränderung vor, die nur vererbt wird, wenn beide Eltern sie versteckt in sich tragen.

Den Eltern, die selbst gehörlos sind, und die in jungen Jahren nicht die Chance auf eine Operation hatten, fällt die Entscheidung, ihr Kind operieren zu lassen, viel schwerer. Sie verständigen sich in Gebärdensprache und fürchten, ihr Kind könnte sich von ihnen entfremden. Unter Gehörlosen regt sich zudem der Argwohn, durch die neue Technik werde erst zum Mangel erklärt, was die Betroffenen selbst nicht so empfinden. Ärzte wie Therapeuten berichten jedoch von guten Erfahrungen in Familien, die sich für das CI entschieden haben. „Die Gebärdensprache bleibt für diese Kinder die Muttersprache, das Implantat öffnet ihnen aber weitere wichtige Möglichkeiten und macht sie zweisprachig“, sagt Berger.

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