Gesundheit : Elfmeter sind keine Lotterie

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Von John Whitfield, London

Sie wissen noch nicht, was ihnen blüht. Sie greifen an und sie dribbeln, blind gegenüber dem drohenden Verhängnis. Aber wie sie sich auch abrackern, diese Fußballer werden stets nur an eine Sache erinnert werden. Für immer. Sie sind die Spieler, deren missglückte Elfmeter ihre Mannschaft bei den Weltmeisterschaften scheitern lassen werden. Sie sind die Versager der Nation.

Das Elfmeterschießen im Fußball wird oftmals als Glücksspiel beschrieben. Dabei hoffen die Spieler, dass sie das Schicksal der legendären Elfmeter-Nieten wie Roberto Baggio und Gareth Southgate nicht ereilt. Und die Torhüter wiederum wünschen sich, zur Legende zu werden. Sie alle tun gut daran, sich der Wissenschaft zuzuwenden.

Mark Williams von der Liverpooler John- Moore-Universität hat Elfmeter analysiert. Er fand heraus, dass, abgesehen vom reinen Zufallstreffer, Profi-Torhüter viel besser als Anfänger vorhersagen können, in welche Richtung der Ball geschossen werden wird. Dieses „Talent“ beruht anscheinend darauf, dass die Körperhaltung des Stürmers kurz vor dem Schuss wichtige Anhaltspunkte für den Torhüter liefert.

Diese Erkenntnisse können den Spielern helfen, ihre Schüsse zu tarnen – oder den Torhütern, Tore zu vermeiden. „Die Wissenschaft legt nahe, dass man die Zufallseffekte minimieren kann, wenn man Torhüter und Elfmeter-Schützen entsprechend trainiert", sagt Williams. Er verglich Torhüter der niederländischen ersten Liga mit Amateuren. Die Torhüter sahen Videos von Spielern der niederländischen Mannschaft PSV Eindhoven beim Elfmeterschießen – aus Sicht der Hinter-Tor-Kamera. Mit Hilfe eines Joysticks mussten die Torhüter die Richtung des Balls vorhersagen und sich schnell in die Ecke begeben - bevor der Ball die Torlinie passierte.

Profis „verhinderten“ mit dem Joystick mehr als ein Drittel der Elfmeter-Tore, Amateure nur rund ein Viertel. Und selbst wenn sie den Ball nicht immer rechtzeitig halten konnten, wählten die Profis mit höherer Wahrscheinlichkeit die richtige Ecke.

Wie machen sie das? Wenn er das Weiße im Auge des Elfmeter-Schützen sieht, dann hat der Torhüter drei Möglichkeiten. Er kann raten, in welche Ecke er hechten muss. Er kann warten, bis der Ball abgeschossen wurde. Oder er kann den Elfmeter-Schützen analysieren und vorhersehen, in welche Richtung der Ball geschossen wird.

Raten heißt, nun ja, eben zu raten. Und Abwarten ist gleichbedeutend mit Verlieren: Es dauert länger zu reagieren, als den Ball vom Elfmeterpunkt ins Tor zu schießen. Das lässt als letzte Möglichkeit nur die Prognose der Schussrichtung anhand der Körperhaltung des Schützen zu. Wie stellen es die Experten an, die richtige Ecke zu erahnen? Um das herauszufinden, studierten die Forscher die Augenbewegungen der Torhüter. Die Blicke der Amateure irrten durch das Stadion und flackerten voller Panik zwischen Rumpf, Armen und Beinen des Schützen hin und her. Die Profis aber konzentrierten sich – auf die Beine des Gegners.

Ein Elferschütze wird immer versuchen, die Richtung seines Schusses zu verbergen. Aber es ist schwer, seine Absichten ganz zu verhehlen. Im Bruchteil einer Sekunde, bevor er den Ball trifft, kann der Elfmeterschütze sich verraten: durch den Winkel seines schießenden Fußes, oder durch die Art und Weise, wie er das Standbein ausrichtet. Ein guter Torwart scheint daraus instinktiv seine Schlüsse zu ziehen.

Wenn erst der Schütze das eine Bein aufgestellt hat, um mit dem anderen zum Schuss auszuholen, dann hat der Torhüter noch etwa eine halbe Sekunde Zeit, die Position der Beine richtig zu deuten und sich für die Ecke zu entscheiden. So einfach ist das.

„Je länger man sich Zeit lässt mit der Entscheidung, umso weniger bleibt einem für die Reaktion“, sagt der Elfmeter-Forscher McGarry. Training und Spielpraxis können die Reaktionszeiten um entscheidende Tausendstelsekunden verkürzen, fügt er hinzu. „Auf diese Weise kann man so viel Zeit gewinnen, dass man ein paar Zentimeter weiterkommt – und mit der Hand an den Ball.“

Der Autor ist Mitarbeiter des internationalen Wissenschaftsmagazins „Nature“. Übersetzt von Juliane von Mittelstaedt und Hartmut Wewetzer.

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