Gesundheit : Elite im Wienerwald

Österreich streitet über seine neue Spitzen-Uni. Ein Deutscher soll jetzt die Wogen glätten

Heiko Schwarzburger

Gespannt warten Deutschlands Universitäten derzeit auf den Herbst: Dann werden die Sieger in der ersten Runde des Exzellenz-Wettbewerbs bekannt gegeben – und damit, welche Hochschule sich künftig mit dem Titel „Elite-Uni“ schmücken kann. Österreich ist bereits einen Schritt weiter: Dort ist die Entscheidung über eine neue Elite-Universität schon gefallen. Anders als Deutschland hat das Nachbarland einen Wettbewerb vermieden. Die Bundesregierung in Wien plant vielmehr, eine ganz neues Institut aus dem Boden zu stampfen – in Maria Gugging, einem Dorf 20 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt im Wienerwald. 80 Millionen Euro soll der Aufbau das „Institute of Science and Technology Austria“ (Ista) in Maria Gugging kosten, dazu kommt der Jahresetat, der auf rund 70 Millionen Euro angesetzt ist.

Im Herbst schon sollen die ersten Forscher in ihre Labore einziehen. Zuerst werden die Naturwissenschaften errichtet, dann die Geisteswissenschaften und die Wirtschaftswissenschaften. An der Elite-Uni sollen nur ausgewählte Masterstudenten, Doktoranden und Postdoktoranden forschen, etwa 500 an der Zahl. Bis 2016 soll der Ausbau beendet sein. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer verspricht „frisches Geld“, um die anderen 22 Universitäten und 19 Fachhochschulen des Alpenlandes zu schonen. 30 Millionen Euro schießt die Industriellenvereinigung des Landes zu.

Eitel Sonnenschein also in Österreich? Der Schein trügt. Der Entscheidung für Gugging ging ein handfester Streit voraus. Auch Wien hatte sich beworben, mit einem Industriegebiet am Flugfeld Aspern. Aspern ist dem Berliner Adlershof vergleichbar: Etwa die gleiche Entfernung zum Stadtzentrum, gleichfalls ein verfallenes Flugfeld mit günstiger Verkehrsanbindung. Aspern hat Weltgeschichte geschrieben: Vor seinen Toren holte sich Napoleon 1809 seine erste Niederlage. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dort die sowjetische Kommandantur stationiert. Heute hat General Motors das Sagen, ein Motorenwerk beschäftigt 2000 Menschen.

Gugging ist dagegen für seine alte Nervenheilanstalt bekannt, auf deren Gelände jetzt die Elite-Uni entstehen soll – und als Wallfahrtsort. 80 000 katholische Pilger strömen jedes Jahr in die Lourdesgrotte. Das Dorf beherbergt zudem eine kleine, feine Künstlerkolonie. „Überdies verfügt Maria Gugging über einen Supermarkt, eine Trafik, also ein Tabakladen, ein Gasthaus, eine Freiwillige Feuerwehr, eine Jugendherberge sowie drei Bauern“, heißt es auf der Webseite der benachbarten Stadt Klosterneuburg. Der Ort ist an keine Hauptverkehrsstraße angebunden . Als Standort für eine Universität sei Maria Gugging völlig ungeeignet, kritisierten viele österreichische Wissenschaftler. Sie plädierten mehrheitlich für Aspern und werfen der österreichischen Bundesregierung nun vor, allein aus parteitaktischen Gründen für Gugging entschieden zu haben.

Tatsächlich gehört Gugging zum Bundesland Niederösterreich, dessen Landeshauptmann Mitglied der Österreichischen Volkspartei (ÖVP) ist, die auch den Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und die Bildungsministerin Elisabeth Gehrer stellt. Wien dagegen wird von der SPÖ, den österreichischen Sozialdemokraten, regiert.

Die Wiener seien selbst schuld, ließ dagegen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel durchblicken: Bei den Verhandlungen über den Standort hätten sie sich knauserig gezeigt. Nur mit 120 Millionen Euro wollte sich die reiche Hauptstadt in den kommenden 20 Jahren an dem neuen Institut beteiligen. Das Land Niederösterreich dagegen bot insgesamt 180 Millionen Euro an. Außerdem könne man das Areal in Gugging sofort nutzen, anders als das in Aspern.

Dabei wurde die Idee des Ista in Wien geboren. Kein geringerer als der Quantenphysiker Anton Zeilinger, Österreichs wohl bekanntester Wissenschaftler, hatte den Gedanken im Jahr 2002 aufgebracht. Zeilinger, der an der Uni Wien forscht und lehrt, warb für das Projekt unermüdlich bei Industriellen und Politikern.

Nun warf er wütend seinen Job im Vorbereitungsstab der Elite-Uni hin. „Das war eine vorschnelle Entscheidung zugunsten einer suboptimalen Lösung“ wetterte er gegen Gugging. „Ohne breiten Konsens mit der Wissenschaft kann man eine solche Entscheidung nicht treffen.“ Zeilinger erhielt namhafte Unterstützung: Mit ihm zogen sich der Chemiker Peter Schuster und der Chef des österreichischen Wissenschaftsfonds, Arnold Schmidt, aus dem Projekt zurück.

Carl Djerassi, der Erfinder der Antibaby-Pille, sagte: „Ich halte vom Standort Gugging nicht viel. Ich würde diese Uni nicht als eigenes fixes Gebäude etablieren, sondern aus einzelnen Stücken von Instituten errichten, als Inseln der Exzellenz an bereits bestehenden Unis in Österreich. So würde man das Niveau der Unis heben und viel Geld sparen. Ob Djerassi dabei den deutschen Weg der Exzellenz-Initiative im Blick hatte, bleibt offen.

Bildungsministerin Gehrer hat nun ausgerechnet einen deutschen Wissenschaftsmanager nach Gugging geholt, um die Elite-Uni zum Laufen zu bringen. Hubert Markl, ehemaliger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, gehört seit kurzem zum so genannten Weisenrat, auch als „Internationales Komitee“ für Gugging tituliert. Der Weisenrat wird von Haim Habari angeführt, dem früheren Chef des Weizmann Instituts in Israel. Auch der Physiker Olaf Kübler gehört dazu. Er wurde 1943 in Berlin geboren, studierte in Karlsruhe, ehe er 1965 an die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) nach Zürich wechselte. Von 1998 bis 2005 war er Präsident der ETH.

Ob Österreich seine Elite-Uni und vor allem seine neue Elite tatsächlich bekommt, hängt auch davon ab, ob es deutlich mehr als die geplante Investition von 80 Millionen Euro in die Hand nimmt. 80 Millionen werden für ein Spitzeninstitut kaum ausreichen, sagen Kritiker. Schon melden sich auch die angestammten Universitäten zu Wort. Die Hochschulen, fordert Christoph Badelt, der Vorsitzende der österreichischen Hochschulrektorenkonferenz, sollten die Chance erhalten, mit dem neuen Institut um das zusätzliche Geld konkurrieren zu dürfen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben