Gesundheit : Elite in Massen

Den Universitäten fehlt nicht nur Geld. Ehre ist die Währung, mit der sie wuchern könnten

Herfried Münkler

Womöglich ist es ein bildungsbürgerliches Vorurteil, dass Bildungszertifikate bei Elitenbildung eine Rolle spielen. Wird wirklich auf dem Gymnasium und in der Universität darüber entschieden, wer in eine Spitzenposition aufsteigt und wer nicht? Zahllose Elitestudien zeigen, dass neben Abschlüssen der Zutritt zu exklusiven gesellschaftlichen Kreisen eine wichtige Rolle spielt, dass es eher vertrauensbasierte Netzwerke sind, die Karrieren beschleunigen. Die so genannten Eliteuniversitäten, die während der letzten Jahre in Deutschland aus dem Boden geschossen sind und die tatsächlich nichts anderes als Fachhochschulen mit intensivierter Studienbetreuung sind, könnten sich als solche Zugangsschleusen entpuppen: nicht weil hier tatsächlich die Besten anzutreffen sind, sondern weil – anders als an den Massenuniversitäten – hier Verbindungen geknüpft und Beziehungen hergestellt werden, die für Karrieren überaus förderlich sind. So könnten die vorgeblichen Eliteuniversitäten immerhin zu Anstalten werden, an denen Eliten gebildet werden.

Die Massenuniversitäten tun sich schwer dagegenzuhalten. Schon die Gegenüberstellung ist für sie verheerend: Elite – Masse. Den Kampf um die Marke haben die privaten gegen die staatlichen Universitäten bereits gewonnen. Dabei sind einige der staatlichen Universitäten besser als ihr Ruf. Das zeigt sich bei ernst zu nehmenden Rankings, wo die Privaten nicht mithalten können. Auch der anhaltende Braindrain aus Deutschland in die USA spricht dafür, dass die Universitäten so schlecht nicht sein können, sonst wäre man jenseits des Atlantiks an ihren Absolventen nicht interessiert. Bei einer höheren Finanzausstattung könnten sie freilich deutlich besser sein. Oder bei geringeren Zulassungszahlen. Aber beides lässt die Politik nicht zu, unabhängig davon, welche der beiden großen Parteien das Sagen hat.

Mit ein wenig Zynismus könnte man vermuten, dass es sich dabei um ein verdecktes Unterstützungsprogramm für die Privatuniversitäten handelt. Je nachlässiger die Politik mit den staatlichen Universitäten umgeht, desto eher sind um die Zukunft ihrer Kinder besorgte Eltern bereit, die erklecklichen Studiengebühren elitärer Privatuniversitäten zu zahlen, verspricht deren Abschluss doch den Zugang zu attraktiven Positionen, während sich die Absolventenmassen der staatlichen Universitäten in das teilen müssen, was übrig bleibt.

Aber nehmen wir einmal an, die seit Jahrzehnten praktizierte Verwahrlosung der staatlichen Universitäten sei bloß eine Folge politischer Unaufmerksamkeit. Nehmen wir weiterhin an, universitäre Leistungen würden über den Zugang zur Elite entscheiden. Und stellen wir uns obendrein noch vor, das gesellschaftliche Bild der Elite wäre nicht an hohes Einkommen und mediale Prominenz, sondern an herausragende Leistungen geknüpft. Dann könnte es sich tatsächlich lohnen, darüber nachzudenken, wie man Elitenbildung unter gesellschaftlicher Kontrolle behalten, also nicht an Privatuniversitäten abwandern lassen könnte. Dann könnte es auch gelingen, die Position der deutschen Wissenschaft im europäischen und amerikanischen Vergleich zu verbessern, und zwar dadurch, dass ihre immer noch vorhandenen Stärken zum Tragen kommen. Nehmen wir das einmal an.

Die große Zahl der Studenten an staatlichen Universitäten muss nämlich nicht immer von Nachteil, sondern kann auch von Vorteil sein – dann nämlich, wenn man eine Lehre organisiert, die dieser Zahl gerecht wird. Gleichzeitig aber müsste man die Leistungsstärksten und Leistungswilligsten zusätzlich zu den Veranstaltungen, die sie mit allen anderen zu absolvieren haben, in kleinen Veranstaltungen zusammenfassen, um sie über das übliche Maß hinaus zu fordern und zu fördern. Damit erst in Graduiertenkollegs zu beginnen, wie es jetzt gelegentlich der Fall ist, ist eindeutig zu spät.

Vor allem aber ist sicherzustellen, dass die vielleicht zehn Prozent der Studierenden, für die auf diese Weise die Eliteuniversität in die Massenuniversität integriert wird, ohne Ausübung einer Nebentätigkeit sich voll und ganz dem Studium widmen können. Neben dem Massenbetrieb hat nämlich nichts das Niveau der deutschen Universitäten mehr gesenkt als der Umstand, dass es in den Geistes- und Sozialwissenschaften kaum noch Studenten ohne Nebentätigkeiten gibt. Die Folge ist, dass sie im Vergleich mit den besseren Studenten ausländischer Universitäten zu wenig lesen beziehungsweise zu lange brauchen, um ein bestimmtes Lesepensum zu absolvieren. Die Intensivierung des Lehrbetriebs, wie sie auch mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge angestrebt wird, ist nur möglich, wenn den Studierenden auch die Zeit zur Verfügung steht, diese Intensivierung mitzumachen. Elitebildung beginnt dort, wo die bisherige Extensität durch Intensität ersetzt wird.

Das ist auch, aber nicht nur eine Frage von Stipendien. Zurzeit bessern auch viele Stipendienempfänger ihr Einkommen mit Jobs auf. Die vorherrschende Erwartung an einen angemessenen studentischen Lebensstandard ist zu hoch. Solange man selbst von engagierten Studenten bei der Verabredung von Terminen hören muss, dass sie nicht könnten, weil sie arbeiten müssten, hat das Projekt Elitebildung keine Chance. Die Bachelorstudiengänge suchen dem durch verstärkte Verschulung entgegenzuwirken. Das mag – in Grenzen – eine Lösung für den Massenbetrieb sein. Elitebildung beginnt jedoch dort, wo äußere Disziplinierung in intrinsische Motivation überführt wird. Dabei kann der Einsatz einer anderen Währung als Geld hilfreich sein: Ehre. Die Aufnahme in zusätzliche Lehrveranstaltungen, in denen eine kleine Gruppe von Studenten intensiv mit ihrem Hochschullehrer zusammenarbeitet, wäre eine solche zusätzliche Währung.

Zur Verwahrlosung der Universitäten in den letzten Jahrzehnten gehört auch, dass ihr symbolisches Kapital an Ehre sinnlos verschleudert worden ist. Diesen Kapitalstock wieder aufzubauen, braucht Zeit. Aber ohne diesen Kapitalstock wird es mit den Alumni-Organisationen, Gruppen ehemaliger Absolventen, die ihrer Universität vor allem durch Spenden verbunden bleiben, nichts werden. Das Prinzip der Alumni-Organisationen ist ein Tausch von Kapitalsorten: Ehre gegen Geld, und zwar um zwei, drei Jahrzehnte zeitversetzt. Auch das ist eine Form von Elitebildung. Man muss stolz sein können auf „seine“ Universität. Dann wird man auch durch Spenden dazu beitragen, weiterhin stolz sein zu können. Der Wettbewerb zwischen den Universitäten, von dem jetzt so viel die Rede ist, ist im Kern ein Wettbewerb um die Vergabemöglichkeiten von Ehre. Universitäten, die diesbezüglich reich sind, werden den Wettbewerb mit den Privatuniversitäten leicht aushalten können.

All dies wird nicht möglich sein ohne eine grundlegende Neuausrichtung der Hochschulpolitik. Die beginnt damit, dass die außeruniversitären Forschungsinstitute wieder näher an die Universitäten herangeführt, wenn nicht gar integriert werden. Das wird den Universitäten, aber auch den Instituten gut tun. Und natürlich wäre es wichtig, dass der Bund zwei, drei Universitäten von den Ländern übernimmt, um sie nach dem Vorbild der ETH in der Schweiz zu international konkurrenzfähigen Spitzeneinrichtungen auszubauen. Das ist nicht ohne Grundgesetzänderung möglich. Wer wissenschaftliche Elitenbildung will, muss diesen Schritt tun. Er wird im Übrigen die Landesuniversitäten nicht degradieren, sondern ein Anreiz für die Länder sein, „ihre“ Universitäten so auszustatten, dass sie mit den Bundesuniversitäten mithalten können. Vor allem aber wäre er ein Zeichen, dass die bislang betriebene Verwahrlosungspolitik zu Ende ist. Strategisches Denken ist ein Zeichen von Eliten.

Man muss die Hochschulpolitik und mit ihr die Elitenbildung aus den Händen der Taktierer nehmen. Misslingt dies, wird Elitenbildung in exklusiven Privateinrichtungen stattfinden, und die staatlichen Universitäten werden die Massen bewirtschaften.

Der Autor ist Professor für Politische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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