Gesundheit : Elite – zweite Chance für Berlin

Die Hauptstadtunis gehen als Schwergewichte ins Rennen. Aber die Konkurrenz ist groß

Amory Burchard,Tilmann Warnecke

Unipräsidenten und Professoren blicken heute gespannt nach Bonn. Dort geben die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat bekannt, wer in der zweiten Staffel des Elitewettbewerbs in die Endrunde einzieht, die im Oktober entschieden wird. Die Spannung ist umso größer, als die zweite auch die vorerst letzte Chance ist, den begehrten Elitestatus zu gewinnen – oder in den beiden anderen Förderlinien ein Exzellenzcluster oder eine Graduiertenschule durchzusetzen. Denn selbst wenn der Wettbewerb fortgesetzt wird, können die Unis ihre nächsten Anträge frühestens in vier oder fünf Jahren ins Rennen schicken.

Besonders gespannt wird das Zwischenergebnis an den Berliner Unis erwartet, konnten sie doch bisher nur je eine Graduiertenschule für sich verbuchen. Christoph Markschies, der Präsident der Humboldt-Universität, will womöglich sogar seinen Rücktritt anbieten, falls die HU in der Vorrunde scheitern sollte. Dann „muss man durchaus ein ernstes Nachdenken über persönliche Konsequenzen in Betracht ziehen“, sagte Markschies der „taz“ – zumindest, wenn es hieße, der Antrag der HU sei schlecht.

Das Abschneiden in der ersten Runde spiegele die Stärke der Hauptstadtunis nicht wider, sagten nach der Entscheidung im Herbst externe Experten, die Unipräsidenten und der Senat. Denn Berlin ist ein Schwergewicht der deutschen Forschung. Keine Region wirbt mehr Drittmittel bei der DFG ein. Auch München nicht, wo zwei Unis den Elitestatus errangen. Auch bei den Sonderforschungsbereichen liegt die Hauptstadt an der Spitze: 31 gibt es in Berlin. In München sind es 22.

Der Wettbewerb ist gleichwohl hart. Die drei Berliner Unis konkurrieren mit 24 Hochschulen um den Elitestatus. 144 Anträge auf Forschungscluster gingen bei der DFG ein, 134 für Graduiertenschulen. Wir stellen vor, wie die Berliner Unis in die zweite Staffel gehen.

HUMBOLDT-UNIVERSITÄT

Vor einem Jahr – Christoph Markschies war gerade zwei Wochen im Amt – musste der HU–Präsident mit ansehen, wie seine Uni schon in der Vorrunde mit ihrem Eliteantrag scheiterte. Seit diesem Tiefschlag stemmte die Humboldt-Universität ein neues Zukunftskonzept. „Translating Humboldt into the 21st Century“ heißt jetzt die Devise, mit der die HU zu einer internationalen Spitzenuni werden will. Die HU „als das Original der modernen Reformuniversität“ werde die Grundprinzipien der Berliner Universitätsgründung von 1810 in das 21. Jahrhundert übersetzen. So sollen Forschung und Lehre auf neue Weise miteinander verbunden und internationalisiert werden, die Disziplinen sich austauschen und Wissen in die Gesellschaft vermittelt werden. Leitthema sind die Lebenswissenschaften. Mit der Charité will die HU ein Forschungsinstitut gründen, in dem Geistes- und Naturwissenschaftler zusammenarbeiten sollen. Trotz Rücktrittsdrohung ist Markschies optimistisch: „Der große Sprung kann vollzogen werden“, sagte er diese Woche im Akademischen Senat.

Den Sprung will die HU auch in den anderen Wettbewerbslinien machen. Die Uni will sechs weitere Graduiertenschulen beantragen. Darunter sind Promotionsprogramme in der Biologie, für Sozialwissenschaftler und im Bereich der regenerativen Therapien – wozu auch die Stammzellforschung gehört. Zudem hat die HU Antragsskizzen für fünf Exzellenzcluster eingereicht. Darunter sind zwei medizinische Vorhaben, das „Berliner Zentrum für Immunwissenschaften“ und ein Projekt, mit dem bessere Behandlungsergebnisse bei Nervenleiden erzielt werden sollen. Das in der ersten Runde gescheiterte Adlershofer Forschungsvorhaben „Materialien in neuem Licht“ wird unter einem neuen Titel wieder ins Rennen geschickt. Mit dem Projekt „Sicherheit und Risiko“ wollen die Politik- und Sozialwissenschaftler punkten. Antikeforscher und andere Geisteswissenschaftler wollen gemeinsam mit Kollegen von der Freien Universität „Entstehung und Transformation von Raum und Wissen in antiken Zivilisationen“ erforschen.

FREIE UNIVERSITÄT

Die Freie Universität hatte in der ersten Runde als einzige Berliner Uni den Vorentscheid im Kampf um den Elitestatus überstanden. Sie bewirbt sich erneut mit ihrem Konzept der „Internationalen Netzwerkuniversität“: Entstehen soll ein Zentrum für internationalen Austausch, Talentscouts sollen weltweit nach exzellenten Nachwuchsforschern suchen.

In den beiden anderen Förderlinien greift die FU dieses Mal in die Vollen. Sie geht mit 15 Vorhaben an den Start, in der ersten Staffel waren es sieben. Unter den neuen Vorhaben sind allein zehn Anträge für Exzellenzcluster. Im Laufe der ersten Wettbewerbsrunde sei „ein großes Spektrum an Ideen entstanden, die nun Stück für Stück umgesetzt werden“, schrieb FU-Präsident Dieter Lenzen in einem Brief an die Unimitglieder.

Das Themenspektrum ist weit gefächert: Die Politikwissenschaftler treten mit ihrem Vorhaben „Regieren in einer globalisierten Welt“, das in der ersten Endrunde nicht bewilligt wurde, ein zweites Mal an. Drei weitere geistes- und sozialwissenschaftliche Projekte sind geplant: So sollen die modernen Künste der Welt und deren Auswirkungen auf die jeweiligen Kulturen erforscht werden. Schwerpunkte sind auch die Affekt-Forschung und die Untersuchung von Lernprozessen. Den Diversity Studies ist ebenfalls ein Antrag gewidmet: Hier wollen Wissenschaftler erkunden, wie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft von der großen Vielfalt an Identitäten profitieren können, die durch gesellschaftlichen Wandel, Globalisierung und Migration erzeugt werden. Mit der Uni Potsdam reicht die FU einen Antrag in den Geowissenschaften ein. Dazu kommen zwei Vorhaben in der Protein- und Molekularforschung.

Unter den fünf Konzepten für Graduiertenschulen sind Projekte aus den Ostasien- und Literaturwissenschaften sowie eines, in dem islamisch geprägte Gesellschaften untersucht werden sollen.

TECHNISCHE UNIVERSITÄT

Wie mache ich aus einer Erfindung möglichst schnell ein Produkt, das am Markt bestehen kann? Unter dieser Leitfrage steht das Zukunftskonzept „Bridging the Gap – From Invention to Innovation“ der Technischen Universität. Die TU will mit mehreren Maßnahmen den Weg effizienter gestalten, auf dem Ergebnisse der Grundlagenforschung in die Praxis umgesetzt werden. Das Konzept sei eine stark verbesserte Version des Antrags, mit dem die TU in der ersten Vorrunde scheiterte, sagt Präsident Kurt Kutzler.

Bei den Forschungsclustern und Graduiertenschulen setzt die TU auf eine andere Strategie als HU und FU: Sie schickt nur wenige Vorhaben ins Rennen. Große Hoffnungen setze die Uni insbesondere auf ihr Chemie- sowie ihr Informations- und Kommunikationscluster, sagt Kutzler. Beide Vorhaben scheiterten in der ersten Endrunde nur knapp und sind erneut am Start. Insbesondere das Chemie-Cluster gehörte zu denjenigen, die sehr hoch benotet wurden. Dann aber zog die Jury schwächer bewerteter Anträge der späteren Eliteunis vor.

Mit dem neuen Cluster „Eco-Efficient Power Engines“ greift die TU ein Problem auf, das politisch heiß diskutiert wird: Wie Energie effizienter und ökologisch erzeugt werden kann. Energieforscher wollen dafür neue Generationen Gas- und Dampfturbinen entwickeln, die auch Kraftstoffe verbrennen können, die aus Mais, Raps oder Wasserstoff hergestellt wurden. Die Turbinen könnten unter anderem in großen Kraftwerken oder kleineren Energieerzeugern für Wohngebäude eingesetzt werden. Neu beantragt hat die TU auch zwei Graduiertenschulen. Neben einer Schule für Physikdoktoranden will die TU zusammen mit der HU eine zur Erforschung von urbanen Ballungszentren einrichten.

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