Gesundheit : Ellbogen in die Rippen

Alles andere als Elite: Ein Erfahrungsbericht vom Alltag an deutschen Hochschulen

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Deutschlands Hochschulen liegen im Wettstreit um den Gewinn des Exzellenz-Wettbewerbs. Aber wie sieht der Alltag aus der Sicht eines Studenten aus? Einer von ihnen hat seine Erfahrungen hier aufgeschrieben. Er möchte lieber ungenannt bleiben.

Auf dem Fußboden sitzt diesmal niemand. Dafür fehlt der Platz. Die Studenten, die keinen Sitzplatz ergattert haben, müssen dicht gedrängt nebeneinander stehen. Beim Schreiben stoßen sie sich gegenseitig die Ellbogen in die Rippen.

Diese Szene steht mir vor Augen, wenn ich mich frage, ob mir meine Berliner Universität ans Herz gewachsen ist. Sie ist es nicht. Ich spüre keinen Stolz, wenn sie in den Hochschul-Rankings einen der oberen Plätze belegt, wenn ihr beim Elite-Wettbewerb hohe Siegeschancen eingeräumt werden. Und ich frage mich, von welchen Universitäten die Professoren in ihrer Selbsteinschätzung sprechen. Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, sieht dieses Jahr die Chance, dass seine Universität zu den 25 führenden weltweit gehört. Damit steht er dem ehemaligen Präsidenten der Humboldt-Universität in nichts nach. „Wir wollen die besten Köpfe“, hatte Jürgen Mlynek gefordert.

Meine tägliche Erfahrung sieht anders aus. So hoch die Ambitionen sind, so wenig davon kommt unten bei uns Studenten an. Schuld daran sind nicht nur die Bedingungen, die ein Studium an einer Massenuniversität mit sich bringt: volle Hörsäle, wenig Kontakt zu Professoren oder der Kampf um die besten Bücher in der Bibliothek. Was mich persönlich stört, ist der Unwille, aus den vorhandenen Möglichkeiten alles herauszuholen. Glauben Dozenten wirklich, sie motivieren Studenten, wenn sie eine schlechte Situation noch schlechter reden? Den Satz „So überfüllt, wie es hier ist, können Sie sowieso nichts lernen“ habe ich nicht nur einmal gehört.

Sind wir Studenten vielen Dozenten lästig? Offenbar ja. Einige haben anscheinend keine Lust, auch nur fünf Minuten ihrer Zeit aufzuwenden, um die Lehre zu verbessern. Kürzlich war ein Seminar so überfüllt, dass man draußen auf dem Flur sitzen musste. Eine Etage höher stand ein größerer Saal leer. Wir zogen nicht dorthin um. Der administrative Aufwand sei zu groß, wies der Dozent diesen Vorschlag zurück. Stattdessen wolle er sehen, wie viele von uns er denn „vergraulen könne“. Es waren viele.

Bei anderen Dozenten hat das Vergraulen Methode. Sie stellen besonders hohe Anforderungen oder halten ihre Veranstaltungen an Orten und zu Zeiten ab, zu denen nur wenige Studenten erscheinen. Die übrigen Studenten verteilen sich auf die anderen Seminare, die dadurch noch voller werden, als sie es ohnehin wären. In einem solchen Seminar quetschte ich mich mit etwa 100 Kommilitonen in die Stuhlreihen. Der Dozent hatte ein Seminarkonzept aufgestellt, das mit 25 Studenten gut funktioniert hätte: Jeder sollte ein Referat halten und anschließend die Diskussion leiten. In dem überfüllten Seminar mussten jetzt aber neunköpfige Referatsgruppen zweistündige Massenreferate halten. Bei den Referaten versteckte sich jeder in der Anonymität der Gruppe. Die Referate waren schlecht und zu lang. Für die Diskussionen blieb keine Zeit. Kurz: Der Lerneffekt war gleich null. Oft habe ich beobachtet, je anonymer ein Seminar gestaltet wird, desto schlechter ist es. Stimmt es also, dass man umso weniger lernt, je voller das Seminar ist?

Nein, denn Anonymität hat nicht nur etwas mit der Zahl der Studenten zu tun. Gute Dozenten verteilen Aufgaben an kleine Gruppen und lassen sie miteinander diskutieren. Junge Dozenten haben die Massenuniversität am eigenen Leib erfahren. Sie lassen sich neue Ideen einfallen. Dass gute Seminare vor allem eine Einstellungssache des Dozenten sind, beweist ein forschungsstarker Professor. Trotz einer langen Publikationsliste nimmt er sich Zeit für seine Studenten. Er fährt mit ihnen zu einem Lektürewochenende nach Brandenburg oder bietet einen zweiten Seminartermin an, wenn seine Veranstaltung zu voll ist.

Jener Professor beweist auch, dass man nicht immer viel Zeit investieren muss, um die Lehre zu verbessern. In einem Seminarraum war die Tafel mit einem nichtabwaschbaren Stift beschmiert worden. Zwei Wochen kümmerte sich niemand darum, obwohl es unmöglich war, etwas an die Tafel zu schreiben. Der Professor organisierte ein Putzmittel und ließ die Tafel reinigen. Und er war der einzige Dozent, der uns vor den Winterferien „ein frohes Fest und einen guten Rutsch“ wünschte.

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