Gesundheit : Endlich satt sein

Menschen mit Essstörungen sind vielen Vorurteilen ausgesetzt. Vor allem Dicken wirft man Trägheit und Disziplinlosigkeit vor. Dagegen kämpft der Verein Dick & Dünn seit 30 Jahren an – und bietet Hilfe. Zum Gründungsjubiläum veranstaltet er eine Tagung.

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Aufklärung. Geschäftsführerin Martina Hartmann mit einer Betroffenen. Foto: Mike Wolff
Aufklärung. Geschäftsführerin Martina Hartmann mit einer Betroffenen. Foto: Mike Wolff

Schon wieder die Frage nach den Kilos. Der Reporter ist gesellschaftlich vorbelastet, geprägt von Schlankheitswahn, Modetrends und Fitnesswellen. Wie viel haben Sie damals abgenommen? „Hier gibt es keine Waage“, sagt die Mitgründerin von Dick & Dünn, Sylvia Baeck. Aus gutem Grund. Waagen sind Tatbeteiligte bei der Ausgrenzung Dicker und Dünner. Aber vor allem Dicker.

30 Jahre gibt es den Verein jetzt, und fast genauso lange hat es gedauert, die medizinische Fachwelt von der Diagnose „Binge Eating Disorder“ zu überzeugen. Binge Eating (engl. für Gelage) bedeutet, bei periodisch auftretenden Heißhungeranfällen jede Menge Nahrung zu verspeisen und anschließend nicht zu erbrechen wie bei der Bulimie. Deshalb haben Binge Eater in der Regel starkes Übergewicht. Bulimie (Ess- und Brechstörung) und Anorexie (Magersucht) gehören schon seit langem zum Kanon der Essstörungen. Dicke Menschen gelten dagegen bis heute weitgehend als Opfer ihrer eigenen Trägheit und Disziplinlosigkeit.

Gabriele, heute 50 Jahre alt, Buchhalterin, kam vor 20 Jahren zu Dick & Dünn, vorher hatte sie sich mit Diäten und wohlmeinenden Ratschlägen zum Abnehmen jahrelang das Leben fast zur Hölle gemacht. „Ich wollte keine Freunde mehr sehen, habe mich geschämt, kein Sport mehr gemacht, fühlte mich als Versager.“ Im Verein erfuhr sie nicht nur Verständnis für ihre Probleme, sondern vor allem Wertschätzung. Sie ging regelmäßig in eine Selbsthilfegruppe, machte eine Psychotherapie und ist stolz, ihr Gewicht seitdem gehalten zu haben. Sie könne jetzt ihren emotionalen Hunger vom körperlichen trennen. Früher aß sie und wurde eigentlich niemals satt.

Die Esssucht, die bei ihr diagnostiziert wurde, führt sie auf ihre Kindheit zurück. Mit fünf Jahren begannen die „sicher gut gemeinten“, aber ihr Selbstwertgefühl zersetzenden Ratschläge der Familie, doch lieber Knäckebrot zu essen und Süßigkeiten ganz wegzulassen. Als Teenager hungerte sie sich Pfunde vom Leib, damit der Konfirmations-Dress passte. Sie ging am späten Nachmittag zu Bett, um den Verzicht aufs Abendessen zu erleichtern. Die Diät war erfolgreich, zehn Kilo weniger, das Outfit zur Familienfeier passte, eigentlich alles gut. Nur löste das Abnehmen, der „Krieg gegen sich selbst“, wie Gabriele sagt, einen Nachholeffekt aus, den viele Übergewichtige kennen. Es kam zu „Fressattacken“. Dennoch blieb das Abnehmen auch in den folgenden Jahren oberstes Ziel in ihrem Leben. Alles andere wurde unwichtig. „Ich dachte, die Kilos wären mein einziges Problem.“ Dabei suchte sie eigentlich einen Partner.

Heute engagiert sich Gabriele in der „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung“ und hat ihre Wahrnehmung entsprechend geschult. Dicke Kinder würden in Jugendromanen vorwiegend negativ besetzt. Die Helden seien fast immer schlank und „sportlich“. Die unnatürlichen Barbiemaße sind hinlänglich bekannt, selbst Biene Maja wurde vor einem Jahr deutlich verschlankt. Das ZDF verbrämte diesen Eingriff mit der Begründung, man würde sich der „geänderten Dynamik heutiger Sehgewohnheiten“ anpassen. Für Gabriele nur ein weiteres Indiz, dass der Schlankheitswahn in den letzten Jahren eher noch zugenommen hat. Während die einen Opfer dieses Wahns, die Magersüchtigen, bemitleidet werden, würden die anderen, die übergewichtigen Esssüchtigen, gemieden.

Martina Hartmann, Geschäftsführerin von Dick & Dünn, hat das Gefühl, dass die gesellschaftliche Erwartungshaltung eher noch extremer geworden ist. Zur Bikinifigur komme jetzt noch der Waschbrettbauch. Fitnessbranche und Diäthersteller „machen ein Milliardengeschäft.“ Selbst Jugendliche würden sich immer häufiger einer Diät unterziehen. „Die Klientel wird jünger“, sagt Hartmann. Acht- bis zehnjährige Kinder litten schon an Essstörungen, oft, weil ihre Eltern sie fälschlich als zu dünn oder dick wahrnehmen und versuchen, mit Ermahnungen oder Verboten gegenzusteuern. Nur erreichen sie damit oft das Gegenteil.

Die Magersucht betrifft vor allem Mädchen, das gilt auch für Bulimie. Bei der Esssucht liegt der Frauenanteil bei zwei Dritteln. Dick & Dünn bietet den Betroffenen vor allem Beratung an, organisiert und betreut Selbsthilfegruppen und vermittelt Therapien. 1000 Menschen kommen im Jahr zur Erstberatung, darunter Eltern mit Kindern, Jugendliche und Erwachsene wie Gabriele. Auch Unternehmen oder Verwaltungen schicken Mitarbeiter, wenn Essstörungen vermutet werden. Oder wenn sie dringend abnehmen müssen, wie etwa Polizisten, die verbeamtet werden wollen. Die Dick & Dünn- Betreuer sehen nicht automatisch eine Grenzüberschreitung in die Privatsphäre, wenn Unternehmen Mitarbeiter auf eine Essstörung ansprechen. Die Teamfähigkeit der Betroffenen sei oft sehr eingeschränkt.

Dick & Dünn ist kein Lobbyverband. Es geht den fünf Frauen, die in der Beratungsstelle arbeiten, vor allem um Aufklärung und den Abbau sehr hartnäckiger Vorurteile. Jugendzentren und Schulen wird Präventionsunterricht angeboten. Aus Anlass des 30. Gründungsjubiläums veranstaltet der Verein eine Fachtagung. Dort ist auch ein relativ neues Phänomen Thema: Pregorexie, eine Form der Magersucht während der Schwangerschaft.

Dick & Dünn e.V., Innsbrucker Straße 37, Tel. 854 49 94, www.dick-und-duenn-berlin.de. Die Fachtagung am 31. Januar ist offen für Betroffene und Interessierte.

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