Gesundheit : Endlich wieder Kerle

Elke Windisch

Mit dem neuen Schuljahr ist auf die Kids in Russland eine Menge Neues zugekommen: In ausgewählten Schulen wird das 12. Schuljahr als Experiment erprobt. Damit sucht Moskau den Anschluss an Europa. Bisher sind elf Jahre in Russland die Regel. Künftig sollen auch die gegenwärtig sehr unterschiedlich gehandhabten Aufnahmeprüfungen an den Hoch- und Fachschulen des Landes vereinheitlicht werden, um allen Abiturienten, unabhängig von ihrem Wohnort gleiche Chancen für den Zugang zu höherer Bildung zu geben.

In der Teilrepublik Tatarstan lernen die Erstklässler jetzt das Schreiben mit dem lateinischen Alphabet. Tatarstan hatte schon Ende der neunziger Jahre eine Sprachreform beschlossen, weil die zahlreichen Vokale des dem Türkischen verwandten Tatarisch mit kyrillischen Buchstaben, die für die konsonantenreichen slawischen Sprachen gemacht wurden, nicht adäquat wiedergegeben werden können. Der mit Abstand umstrittenste Großversuch läuft jedoch in der südrussischen Region Stawropol an: Dort sollen Jungen und Mädchen wie vor der Revolution 1917 wieder in getrennten Schulen lernen. Jungen sollen dabei in Naturwissenschaften und Sport mehr gefordert werden, für Mädchen ist Unterricht in Hauswirtschaft und Sticken vorgesehen. Die "Anregung" soll von ganz oben gekommen sein.

Putin, der trotz anhaltenden Geburtenknicks für weniger Sex in der Öffentlichkeit plädiert, erregte sich wegen der Darstellung von Geschlechtsorganen im Sexualkundeunterricht. Diesen Unterricht gibt es bisher nur experimentell und an wenigen Schulen. Das Bildungsministerium war durch Putins Kritik offenbar so verschreckt, dass nun, wie die Moskauer "Iswestija" höhnte, "Bildung nach dem Lokus-Prinzip" angesagt ist. Geschlechtertrennung in öffentlichen Schulen, mokierte sich das Blatt, gebe es gegenwärtig nur noch in einigen islamischen Staaten und selbst dort meist erst für die älteren Jahrgänge. Nicht mal der KP-nahe Bildungsminister Wladimir Filippow hält treu zur Stange und wünscht sich eher eine Grundschule für die ersten vier Jahrgänge, die in einem eigenen Gebäude untergebracht werden müssten. Schüler und die Mehrheit der russischen Pauker und Erziehungswissenschaftler machen denn auch geschlossen Front gegen das Projekt. Mädchen fürchten, dass in reinen Mädchenschulen das Diktat von Möchtegern-Models und modischer Markenware herrscht. Jungen könnten unter der Tyrannei der Leitwölfe an reinen Jungenschulen leiden.

Nur gemeinsam könnten Heranwachsende lernen, was der russischen Gesellschaft am meisten abgehe: Toleranz, sagt die Prorektorin des Forschungsinstituts beim Bildungsdezernat der Moskauer Stadtregierung, Jelena Borissowa. Sie plädiert daher nicht nur für gemischte Klassen sondern auch für die Aufnahme behinderter Kinder in "normale" Schulen. Das ist für die hiesige öffentliche Meinung noch immer eine Zumutung, die an Provokation grenzt.

Rückkehr zum alten Zopf

"Widernatürlich" nennt auch Marianna Besrukih, die ein Forschungsinstitut der russischen Pädagogischen Akademie leitet, die Rückkehr zum alten Zopf: Eine klare Trennung in Männer- und Frauenberufe, wie sie im Zarenreich bestand, sei von den Sowjets schon Anfang der zwanziger Jahre abgeschafft worden und auch im postkommunistischen Russland verspürten Mädchen wenig Neigung, sich wieder ausschließlich auf die Rolle von Frau und Mutter festlegen zu lasen. Getrennter Unterricht, fürchtet Besrukih, wird sich später zwangsläufig auch negativ auf die soziale Kompetenz der Heranwachsenden auswirken, Koedukation dagegen mache " Mädchen selbstbewusster und Jungen sanfter."

Genau da liege der Hund begraben, meint indessen Oleg Gubenko, der Ataman der Terek-Kosaken - in der an Tschetschenien grenzenden Region. Gubenko ist eine nicht zu unterschätzende politische Kraft und Meinungsführer: Getrennte Klassen würden verhindern, dass aus Jungen Pantoffelhelden würden. "Endlich", freut sich Gubenko, "werden in Russland wieder Kerle heranwachsen, die für "Mutter Heimat" Schutz und Schirm sind. Das soll vor allem mit durchgehend männlichen Lehrkräften erreicht werden. Die aber sind wegen miserabler Gehälter in Russland so selten wie Computer-Asse in Deutschland.

Zwar denkt man daran, das Defizit durch "Tarifzulagen in Größenordnungen" aufzubessern, hieß es im Moskauer Bildungsministerium. Fehlende Planstellen können dennoch erst durch Ausbildung einer neuer Lehrergeneration besetzt werden. Die Mehrheit der Eltern begrüßt dagegen die Neuerung. Die meisten Erstklässler wurden in diesem Jahr für getrennte Schulen angemeldet.

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