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Entbindung : Der Königsweg ins Leben?

31.03.2008 00:00 UhrVon Adelheid Müller-Lissner

Schlechter Sex nach der Geburt, für immer ein breites Becken und stundenlang höllische Schmerzen: Viele Frauen haben falsche Vorstellungen vom Kinderkriegen und wünschen sich einen Kaiserschnitt. Doch vieles spricht für eine natürliche Entbindung.

Julia S. und ihr Mann Sven* hatten nichts ausgelassen: Vorsorgeuntersuchungen, Geburtsvorbereitungskurse, Gespräche mit der Hebamme, Bücher, Internet, Krankenhausbesichtigungen. Sie waren hoch motiviert, ihrem ersten Kind den Weg ins Leben so natürlich und sanft wie möglich zu gestalten. Es kam anders: Nach quälenden Stunden im Kreißsaal riet das Geburtshilfe-Team dringend zu einem Kaiserschnitt, weil die Herztöne des Kindes schwächer geworden waren.

Einer von vier Deutschen erblickt das Licht der Welt nicht auf dem natürlichen Weg. Er oder sie gehört zu den „Kaiserschnittkindern“, die vom Geburtshelfer nach einem Schnitt durch die Bauchdecke aus der Gebärmutter geholt werden.

Dafür gibt es einige medizinische Gründe: So kann es sein, dass der Mutterkuchen vor dem Geburtskanal liegt und den Durchgang versperrt, dass das Kind quer oder mit dem Po nach unten liegt oder im Verhältnis zum Becken der Mutter zu groß ist. Den natürlichen Lauf der Dinge abzuwarten, kann auch riskant sein, wenn die Gebärende von früheren Operationen schon große Narben an der Gebärmutter hat oder wenn Mehrlinge zu erwarten sind. Dann können Ärzte und werdende Eltern den Eingriff oft schon vorher planen, der Schmerz kann durch eine Periduralanästhesie (PDA), eine Betäubung des Rückenmarks, ausgeschaltet werden, und der Vater kann häufig dabei sein. Medizinisch begründet ist ein Kaiserschnitt auch, wenn im Kreißsaal eine bedrohliche Situation eintritt: wenn das Ungeborene unter Sauerstoffmangel leidet, trotz starker Wehen „nichts vorangeht“ oder die Nabelschnur sich um den Hals geschlungen hat.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass bei 15 Prozent aller Entbindungen ein Kaiserschnitt sinnvoll ist. Das ist ziemlich genau die Rate, die in den Niederlanden oder in Norwegen erreicht wird. In Brasilien dagegen kommen 35 Prozent der Babys so auf die Welt, in Italien sogar 37 Prozent. In Deutschland ist die Kaiserschnittrate in den letzten Jahrzehnten ständig angestiegen und liegt jetzt bei 27 Prozent.

Als Grund für diese Zunahme wird häufig der „Kaiserschnitt auf Wunsch“ genannt. Aber kann man sich eine große Bauchoperation wirklich „wünschen“? Und was spricht dafür? Der Gynäkologe Peter Husslein von der Uni Wien führte vor einigen Jahren vor allem den Schutz des Beckenbodens der Frau ins Feld. Solche Argumente fallen mehr ins Gewicht, seit die Gefahr, an den Folgen der Operation zu sterben, fast genauso gering geworden ist wie bei der vaginalen Entbindung. Tatsächlich haben viele Frauen nach einer natürlichen Geburt kurzfristig Probleme mit der Kontrolle von Harn- und Stuhlabgang und mit der Sexualität, aber auch langfristige Beckenbodenprobleme. Nach einem Kaiserschnitt sind diese Beschwerden seltener, kommen aber ebenfalls vor, wie eine norwegische Studie 2003 zeigte. Nicht die Geburt allein, sondern die gesamte Schwangerschaft belastet den Beckenboden.

Aber auch aus Angst vor Schmerzen – oder davor, in der Entbindungssituation zu versagen – wollen manche Frauen einen Kaiserschnitt. „Es geht hier auch um Scham, um die Scheu, sich schwitzend und stinkend zu zeigen und die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren“, sagt Ulrike von Haldenwang, Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes.

Wer sich für die vermeintlich „saubere Lösung“ entscheidet, trägt jedoch die Risiken – und die Schmerzen – einer Bauchoperation. „Darüber müssen wir genauso aufklären wie über die Gefahren, denen sich die Frauen in den nachfolgenden Schwangerschaften aussetzen“, fordert Klaus Vetter, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin am Perinatalzentrum des Vivantes-Klinikums Neukölln. Erst vor wenigen Wochen erschien eine Studie der Universität Oxford, die zeigt, dass ein Kaiserschnitt das Risiko erhöht, bei der Geburt eines weiteren Kindes wegen starker Blutungen die Gebärmutter zu verlieren.

Dazu kommen Bedenken, das Kind könnte durch den Kaiserschnitt Schaden nehmen. Schon länger ist bekannt, dass Neugeborene nach einem Kaiserschnitt etwas häufiger unter Atemnot leiden, weil ihnen keine Wehenhormone und der Weg durch den engen Geburtskanal dabei helfen, die Lunge von Flüssigkeit zu befreien. Das bestätigte zu Beginn des Jahres eine Studie der Uni Aarhus, erschienen im „British Medical Journal“.

Nicht so leicht zu beweisen sind Spekulationen über die Auswirkungen auf die Psyche des Kindes. So meint der Heidelberger Psychoanalytiker Ludwig Janus, der sich in der Internationalen Studiengemeinschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM) engagiert, Kaiserschnittgeborenen fehle ein Gefühl für Selbstwirksamkeit und für die eigenen Konturen. Beides erfahre der Mensch beim Weg durch den engen Geburtskanal. „Der Kaiserschnitt macht etwas mit dem Kind“, sagt auch Ulrike von Haldenwang – um jedoch gleich hinzuzufügen: „Aber das kann man auffangen.“

Aufgefangen werden müssen oft vor allem die Mütter. Und zwar häufig gerade diejenigen, die wie Julia S. alles perfekt meistern wollten und dann einen Kaiserschnitt brauchten. In der Berliner Beratungsstelle Familienzelt werden Frauen unterstützt, die von den Abläufen rund um die Entbindung verstört sind. „80 Prozent, die wegen eines traumatischen Geburtserlebnisses in unsere Beratung kommen, hatten einen Kaiserschnitt“, sagt die Pädagogin Lucia Gacinski, Leiterin der Beratungsstelle. „Oft fühlten sie sich von der Hektik, in der die Entscheidung getroffen werden musste, überrollt, fühlen sich im Rückblick schlecht informiert und berichten sogar über Todesängste.“ Und die Angst davor, dass so etwas wieder passieren könnte, kommt bei vielen bei der nächsten Schwangerschaft wieder hoch.

Solche Erfahrungen anderer Frauen nützen denjenigen, die sich von vorneherein die operative Entbindung wünschen, aber wenig. Offensichtlich denken beide Gruppen recht verschieden über die optimale Geburt. Was sie eint, ist der Wunsch nach Selbstbestimmung: „Die Zufriedenheit ist am größten, wenn man die Geburt bekommt, die man sich vorgestellt hat“, sagt die Gynäkologin und Psychosomatikerin Christine Klapp. Sie arbeitet als Oberärztin am Zentrum für Geburtsmedizin der Charité und leitet dort eine Spezialsprechstunde zur Geburtsleitung. Dorthin kommen werdende Mütter, bei denen nicht klar ist, auf welchem Weg das Kind zur Welt kommen soll. „Die meisten Frauen, die sich dann einen Kaiserschnitt wünschen, haben schon ausführlich recherchiert. Schade finde ich es allerdings, wenn jemand schon mit großer Entschiedenheit in dieses Gespräch geht.“ Für diese Beratungsgespräche plant sie viel Zeit ein, geht den Hintergründen nach, bietet andere Strategien zur Bewältigung der Ängste an. Zeigt, dass die Angst vor der Geburt etwas ganz Normales ist. In einigen Fällen steht am Ende dann doch der Kaiserschnitt, ohne strenge medizinische Notwendigkeit. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es hier ohnehin fließende Übergänge gibt“, sagt die Frauenärztin. Für eine wissenschaftliche Untersuchung werden derzeit Frauen befragt, die ihr Kind per „Wunschkaiserschnitt“ auf die Welt bringen. Unter anderem will die Charité-Forscherin herausbekommen, wie oft die Schwangeren selbst wirklich die treibende Kraft sind. Eine Studie der Gmündner Ersatzkasse, in der Fachwelt inzwischen als GEK-Kaiserschnittstudie bekannt, ergab nämlich im Jahr 2006, dass ein Kaiserschnitt nur in zwei von 100 Fällen allein auf Wunsch der Frau gemacht wurde. 48 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, dass die Ärzte zu schnell dazu raten. 86 Prozent der Frauen sagten, sie hätten die Folgen unterschätzt. Und 77 Prozent gaben an, dass das Vorbild prominenter Frauen, die per Kaiserschnitt entbunden haben, durchaus eine Rolle spiele.

*Namen von der Redaktion geändert

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