Gesundheit : Entschlossenheit mit roten Pfeifen

INGO BACH DOROTHEE NOLTE

8000 Studenten demonstrieren / Auch HU und TU entscheiden sich für Boykott von LehrveranstaltungenVON INGO BACH UND DOROTHEE NOLTERund 8000 Studenten trafen sich gestern nachmittag am Ernst-Reuter-Platz, um für soziale Absicherung aller Studenten, eine demokratische Hochschule und gegen eine Eliteuniversität zu protestieren.Die öffentliche Aufmerksamkeit war ihnen gewiß, da die Strecke zur besten rush hour vom Ernst- Reuter-Platz über die Hardenbergstraße hin zum Wittenbergplatz führte. Nach der Freien Universität haben sich jetzt auch die Vollversammlungen von Humboldt- und Technischer Universität für einen befristeten Boykott der Lehrveranstaltungen ausgesprochen.Die FU befindet sich seit Dienstag in einem Warnstreik, über dessen Fortsetzung heute beschlossen wird.Im übrigen Deutschland streiken inzwischen 18 Universitäten und Fachhochschulen, mit Regensburg ist jetzt auch eine bayrische dabei. Große Entschlossenheit zeigten die Studenten der TU bei ihrer Vollversammlung gestern mittag.Etwa 2000 von ihnen drängelten sich auf Sitzen und Rängen des Audimax und gaben, da sie von einem Vertreter der Gewerkschaft für Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr großzügig mit roten Pfeifen ausgestattet worden waren, lautstark ihrem Unmut über die Studienbedingungen und ihrem Wunsch nach Reformen Ausdruck.Florian Böhm, studentisches Mitglied im Kuratorium der TU, kritisierte die Verträge, die das Land Berlin mit den Hochschulen geschlossen hat, als "Knebelverträge".Der Strukturplan von TU-Präsident Ewers sehe vor, nur die Forschung, nicht die Lehre zu fördern und Interdisziplinarität aufzugeben. Um die TU-Studenten zusätzlich zu motivieren, waren extra Studentenvertreter aus Gießen und Marburg angereist und erzählten von ihren Erfahrungen: Seit gut zwei Wochen sind die Studenten auf der Straße, inzwischen werden sämtliche hessische Universitäten bestreikt.Sogar Schulen und Kitas hätten sich schon dem Ausstand angeschlossen, sagten die hessischen Studenten.Der Vertreter der Marbuger Uni sah gar eine weltweite Protestbewegung entstehen: "Auch in Rom, Tel Aviv, Mailand und London gehen Menschen in diesen Tagen für Bildung auf die Straße!" Daß Studenten mit ihrem Protest etwas bewirken könnten, zeige das Beispiel Bremen: "Dort haben sie erreicht, daß die Verwaltungsgebühr zurückgenommen wurde." In Frankfurt gebe es eine Regelung, nach der Studenten ein Urlaubssemester beantragen können, falls dieses Semester wegen Streiks nicht anerkannt werden sollte."So können sich auch diejenigen beteiligen, die bei einem verlorenen Semester sonst um ihr Bafög fürchten müssen." Gegen einen Streik äußerten sich nur ganz wenige Studierende.Die gewonnene Zeit soll für Aktionen genutzt werden.Lediglich in zwei Fragen schien das Auditorium gespalten: Sollen die Studierenden sich mit dem Streik und ihren Aktionen auch für andere gesellschaftliche Gruppen, gegen Sozialabbau allgemein engagieren oder, wie ein Redner sagte, "sich auf das konzentrieren, wovon wir etwas verstehen"? Dem Beifall und den Buhrufen nach zu urteilen, bevorzugte die Mehrheit ein gesamtgesellschaftliches Engagement. Der Streik soll zunächst bis zur nächsten Vollversammlung am kommenden Mittwoch dauern.Gleichzeitig wurde eine Resolution verabschiedet, in der eine Aufwertung der Lehre, die Abschaffung von Verwaltungsgebühr und Zwangsberatung sowie mehr Mitbestimmung der Studierenden gefordert werden.Außerdem wird darin die "Rückkehr der TU zur Technischen Hochschule Charlottenburg", also die Abschaffung von Geistes- und Erziehungswissenschaften abgelehnt. Zeitgleich fand eine Vollversammlung der HU mit rund 1500 Studenten statt, bei der ein Streik bis zum 5.Dezember beschlossen wurde.Die Befürworter des Streiks machten hier Druck.Im Audimax regnete es Flugblätter mit der Aufschrift "Streik bundesweit", während auf dem Podium eine flammende Rede für den Streik gehalten wurde."Wir brauchen den Streik, um Freiraum für Aktionen zu bekommen", hieß es.Gegner des Streiks kamen nicht zu Wort.Es brauchte zwei Anläufe, um die Mehrheit für einen Ausstand zusammenzubringen.Erst als die Befürworter vorschlugen, die Aktion bis zum 5.Dezember zu befristen, konnten sie den Streik durchsetzen. Über die Forderungen, die sie an die Politik stellen wollen, haben die Studenten noch nicht abgestimmt.Dies soll nächste Woche geschehen.Bisher sind die Ziele vage: "Wir brauchen Maximalforderungen, um ein Minimum davon durchzusetzen", sagt Oliver Stoll, Asta-Mitglied der HU.

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