Gesundheit : Entsorgung im Kopf

Kampf gegen Alzheimer: Berliner Forscher sind auf eine heiße Spur gestoßen. Ein Laborbesuch

Bas Kast

Im Genlabor, Sicherheitsstufe 2. Lisa Münter, 29, öffnet den Brutschrank mit den Mutanten, warme Luft springt heraus. Die junge Frau, rote Trainingsjacke, Jeans, Adidas-Turnschuhe, geht in die Hocke, sieht auf die Schalen im Schrank, rosa schimmernd, unscheinbar. Sie blickt auf ihre Mutanten. Es sind Tausende. Millionen. Sie hat sie geschaffen.

Erst unter dem Mikroskop zeigen sie sich: lauter winzige Körper, länglich gestreckt, „typisch für Nervenzellen“, sagt Münter. Das Gehirn besteht aus rund 100 Milliarden Nervenzellen, Neuronen. Es ist das komplexe Geflecht dieser Zellen, das uns erinnern, denken, fühlen lässt. Das unser Ich bildet, den Kosmos im Kopf. Gehen diese Zellen zugrunde, wie bei jener Krankheit, deren Ursachen Lisa Münter erforscht, der Alzheimer-Erkrankung, vergeht auch all dies nach und nach: Die Erinnerungen verblassen. Das Denken wird zersetzt, das Ich löst sich auf und versinkt in ein Nichts.

Alzheimer. Etwa eine Million Betroffene gibt es allein in Deutschland. Mit dem Alter steigt das Risiko steil an: Bei den 70- bis 80-Jährigen ist jeder Zehnte erkrankt. Bei den 80- bis 90-Jährigen jeder Fünfte, bei den 90- bis 100-Jährigen sind es 40 Prozent.

Gerd Multhaup, 47, Biochemiker an der Freien Universität Berlin, hat der Alzheimer-Krankheit den Kampf angesagt – mit molekularen Mitteln. Lise Münter ist eine seiner Doktorandinnen. In den letzten Monaten sind die beiden ihrem Ziel einen großen Schritt näher gekommen: Die Forscher haben eine entscheidende Schaltstelle entdeckt, die zur Krankheit führt. Ihre Entdeckung könnte sogar in ein Medikament gegen die bislang unheilbare Krankheit münden. „In zehn Jahren ist es vielleicht so weit“, sagt Multhaup.

Zehn Jahre. Laborarbeit, Tests an Versuchstieren, Tests an Patienten. Wahrscheinlichkeit von Rückschlägen: hoch. Die letzten drei Jahre begab sich Münter Tag für Tag ins Labor, von neun bis sechs, sieben, acht, pipettierte, analysierte Daten – und doch, nach anderthalb Jahren Forschen lautete das Ergebnis: nichts, nirgends. So schien es zumindest.

Erst mit einem neuen Messungsverfahren, einem 500 000 Euro teuren Massenspektrometer, mit dem sich bestimmen lässt, wie häufig gewisse Moleküle in einer Probe vorkommen, kam die Forscherin der Schaltstelle auf die Spur.

Ursache der Alzheimer-Erkrankung ist ein Molekül namens Beta-Amyloid, das wiederum aus einem Vorläufermolekül mit dem Kürzel APP („Amyloid Precursor Protein“) entsteht. APP befindet sich besonders häufig in der Membran der Synapsen; das sind jene Stellen, an denen zwei Neuronen miteinander kommunizieren. APP spielt dabei eine Rolle, „aber es ist nicht ganz klar, welche“, sagt Multhaup. Sicher ist: APP ist ein Vermittlermolekül, das Signale von außerhalb der Zelle ins Zellinnere weiterleitet.

Bei diesem Vorgang wird das APP-Molekül in Teile zerlegt, wobei ein Stück in der Zellhülle stecken bleibt. Normalerweise kann auch dieser Rest vom Körper abgebaut werden. Manchmal aber geht etwas schief bei den molekularen Aufräumarbeiten. Hin und wieder gehen zwei benachbarte APP-Moleküle eine Verbindung miteinander ein ( siehe Grafik ). Und wie die Berliner Wissenschaftler nun entdeckten: Haben sich zwei APPs verbrüdert, gelingt es dem Körper nicht mehr, das Doppelpack in kleine Stückchen zu zerlegen. Was bleibt, ist jene hartnäckige Substanz, die die Hirnzellen zerstört: Beta-Amyloid. Wenn sich mehrere solcher Beta-Amyloid-Moleküle zusammentun, können diese dicken Brocken die Nervenzellen regelrecht durchlöchern. Erst wenn die Brocken sehr groß werden, richten sie keinen Schaden mehr an. Dann bildet sich das, was man lange für die Ursache der Alzheimer-Krankheit hielt, weil es auch unterm Mikroskop deutlich sichtbar ist: Alzheimer-Plaques. Seit kurzem weiß man: Bei diesen Riesenaggregaten handelt es sich nur um das zusammengeschaufelte, harmlose Endresultat des eigentlichen Übeltäters.

Um zu ihrer Entdeckung zu gelangen, schuf Lise Münter zahlreiche Zellvarianten, deren APP-Moleküle an exakt der Stelle, wo sie ihre verhängnisvolle Brüderschaft miteinander eingehen, mutiert waren. So wies sie nach: Ist die kritische Schaltstelle auch nur einen Hauch anders als üblich, bilden die APP-Moleküle keine Brücke mehr, bleiben solo – und es entsteht kein gefährliches Beta-Amyloid.

In einem nächsten Schritt wollen die Forscher eine Substanz finden, die sich an die Schaltstelle heftet, um so die Bildung des hartnäckigen Beta-Amyloids zu verhindern. Hoffentlich ohne Nebenwirkungen hervorzurufen.

Lisa Münter sieht aus dem Fenster. Multhaups Labor befindet sich im Otto- Hahn-Bau im Berliner Stadtteil Dahlem. „In dem Gebäude da unten“, sagt die Forscherin und zeigt nach draußen auf ein kleines Häuschen im Hof, „haben Otto Hahn und Fritz Straßmann die Kernspaltung entdeckt.“ 1944 bekam Hahn dafür den Chemie-Nobelpreis.

Ob man davon als Alzheimer-Forscher auch träumen darf? Münter lacht. „Sagen wir mal so“, antwortet ihr Chef Multhaup: „Ich glaube diesen Bundesliga-Trainern nicht, die immer sagen, wir wollen zu den ersten fünf oder den ersten zehn gehören. Wer in der Bundesliga spielt, will auch Meister werden.“

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