Gesundheit : Enttäuschte Hoffnungen

Juliane von Mittelstaedt

Eine Masse wälzt sich an der Haltestelle Dahlem-Dorf aus der U1 hinaus, die Stufen hinan, die Straße entlang. Der Neustudent wird mitgerissen. Die Füße straucheln, stapfen, stolzieren. Plötzlich beginnt das Eilen. Er rennt nun auch. Es ist kurz vor halb neun. Häuser fliegen vorbei, dann Grün, dann Türen rechts und links. Grauer Teppich bis zum Horizont. Es riecht nach Lernen, nach Ehrgeiz, nach enttäuschten Hoffnungen. Und ein bisschen nach Essigreiniger. Wie riecht Wissen? Die Türen schließen sich. Plötzlich steht der Neustudent allein da. J, K, L? Ein einsam dahineilender Prof kann auch keine Auskunft geben. Die Putzfrau weist schließlich den richtigen Weg. Ganz einfach, findet sie. Immer geradeaus, links, rechts, wieder rechts, dann die Treppe hoch. Ganz einfach, findet dann auch der Student.

Der Raum platzt aus allen Nähten; Fensterbänke, Stühle, Tische, Boden, alles belegt. Er steht im Gang. Man sagt ihm, das sei immer so. Der Dozent eilt vorbei, auch er zu spät. Er tippt einem Sitzenden zaghaft auf die Schulter, sagt, er sei hier Dozent und brauche nun einen und zwar diesen Platz. Der Blick des Sitzenden ist zornesrot, nur widerwillig räumt er das Feld. Der Dozent versucht, wieder Dozent zu werden, und pfeift geschmeidig auf zwei Fingern. Stille. Er setzt an mit seiner Willkommensrede, meint, man müsse mit aller gebotenen Dringlichkeit einen größeren Raum finden - wer von Ihnen würde sich bitte darum kümmern? - und überhaupt könne man ja dann nächste Woche "ins Thema einsteigen". Wer hätte das gedacht, denkt der Neustudent und packt wieder ein. Beim Hinausgehen hört er ein Handy klingeln. Dozenten sind eben immer für alle erreichbar ...

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