Gesundheit : Entthront

Hartmut Wewetzer

Der 22. Januar 2002 war nicht der Tag des Craig Venter. Der Genom-Pionier mit dem Pokergesicht war am gestrigen Dienstag angeblich unterwegs und nicht zu sprechen. Dafür verkündete die Firma, die er berühmt gemacht und durch die er berühmt wurde, Venters Rücktritt. Venter ist nicht mehr Präsident von "Celera". Er ist abgesetzt. Fortan wird er nur noch als Chef des wissenschaftlichen Beraterstabs zur Verfügung stehen.

Celera leitet sich vom lateinischen Wort für "schnell" ab. Die rasanteste Geschichte der Biotechnik ist nun zuende. Man könnte auch ein wenig überspitzt sagen: Die Genom-Blase ist geplatzt - mit einem lauten Knall. Craig Venter ist doch nicht der "Bill Gates der Biologie".

Angefangen hatte alles im Mai 1998. Damals trat Venter vor die Presse und verkündete, die "Mondlandung der Biologie" als erster zu vollenden. Gemeint war die Entzifferung des menschlichen Genoms, seiner drei Milliarden Bausteine.

Gemeinsam mit dem Gerätehersteller Perkin Elmer gründete Venter die Gen-Dechiffrier-Firma Celera Genomics in Rockville, Maryland. 300 Sequenzier-Automaten und eine Armada von Computern buchstabierten nun Tag und Nacht "die Sprache, in der Gott Leben schuf" (US-Präsident Bill Clinton).

Ein großspuriger Rebell

Das öffentlich geförderte Genom-Projekt, ein Zusammenschluss von Forschern aus den USA, Großbritannien, Frankreich, Japan und Deutschland, reagierte zunächst mit Skepsis auf die großspurige Ankündigung des Genom-Rebells, das gesamte menschliche Erbgut bereits 2001 entziffert zu haben - Jahre vor dem geplanten Ende des öffentlichen Vorhabens. Um dann doch einzusehen, dass man sich sputen musste, um den "Genom-Knacker" Craig Venter überhaupt noch einzuholen.

Am 26. Juni 2000 schlug Venters größte Stunde. Gemeinsam mit Francis Collins, dem Kopf des öffentlich geförderten Genom-Projekts, verkündete er stolzgeschwellt zusammen mit Bill Clinton im Weißen Haus die weitgehend vollständige Entzifferung des menschlichen Genoms.

Verbunden waren damit hochfahrende Erwartungen an "Gottes heiligstes Geschenk": "Mit diesem profunden neuen Wissen ist die Menschheit kurz davor, immense, neue Heilkräfte zu erreichen", sagte Präsident Clinton.

Unerkannt im Publikum saß zu dieser Zeit der Mann, der die Idee hatte, Celera zu gründen und der das Geld für den Genom-Coup aufgetrieben hatte: Tony White. Er ist Vorstandsvorsitzender von Applera, jener Firma, der die größten Anteile an der "Celera Genomics Group" gehören. Mit anderen Worten - White ist Venters Chef.

Von Anbeginn an soll es zwischen White und Venter Spannungen gegeben haben, heißt es in der Firma. Das Spielfeld sei nicht groß genug für zwei Männer dieses Kalibers gewesen. Einer habe es räumen müssen. White ist nun auch Chef von Celera. Solange, bis ein Nachfolger für Venter gefunden ist.

"Unglaubliches geleistet"

"Craig hat Unglaubliches in kurzer Zeit geleistet", kommentierte White Venters Abgang. Nun werde Craig sich ganz auf die Wissenschaft konzentrieren und seinen Platz jemandem überlassen, der Erfahrung im Pharma-Geschäft habe. Als Berater der Firma ist Venter mehr als ein Grüßonkel. Aber den Kurs von Celera wird er nicht mehr bestimmen.

"Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es am besten ist, wenn ich mich auf meine Rolle als wissenschaftlicher Berater beschränke", heißt es sibyllinisch in Venters Erklärung. Das Pokerface läßt sich nicht in die Karten blicken. Aber wenn man weiß, dass der ehrgeizige Craig eigentlich vorhatte, mit Hilfe des Genoms Heilmittel gegen so ziemlich alle schweren Leiden dieser Welt zu finden, dann fällt es schwer, den Entschluss zum Rücktritt mit der Selbstbeschränkung eines bescheidenen Forschers zu erklären.

"Wird Celera Geld einspielen?" fragte im Juni 1999 das Wissenschaftsmagazin "Science". Zu Hochzeiten der Genom-Euphorie schien diese Frage längst beantwortet: Celera gehörte die Zukunft. Heute stellt sich die Situation anders dar. Venters Idee, aus dem Handeln mit Erbgut-Informationen ein großes Geschäft zu machen, hat nicht dauerhaft funktioniert.

Für das Scheitern gibt es mehrere Gründe. Da ist zum einen das öffentlich geförderte Genom-Projekt, dem der schnelle Craig mächtig auf die Sprünge geholfen hatte. Die Genom-Informationen aus dem öffentlichen Vorhaben sind für jedermann frei verfügbar. Bei Celera sind dagegen Auflagen zu erfüllen, wenn man die Daten nutzen will. Forscher und Firmen müssen zahlen. Es gab endlose Querelen um die Freigabe der Celera-Daten, bevor die Fachblätter "Nature" und "Science" gleichzeitig die Ergebnisse der beiden konkurrierenden Genom-Projekte im Februar 2001 veröffentlichten.

Der Vorwurf prominenter Genforscher, Celera habe sich bei den frei verfügbaren Sequenzdaten des öffentlichen Genom-Projekts bedient und damit leichtes Spiel gehabt, ist nie entkräftet worden. 2003 wollen die öffentlichen Sequenzierer eine "Endfassung" des Genoms vorlegen. Celera wird dann wohl nicht mehr mit von der Partie sein.

Starke Konkurrenz

Das Genom-Business kennt viele Konkurrenten. Celera ist von starken Kontrahenten umringt. Zum Beispiel von der Firma Millenium Pharmaceuticals aus Boston, angeführt von dem charismatisch-dynamischen Mark Levin. Oder von Incyte Genomics aus dem kalifornischen Palo Alto. Incyte hat Verträge mit so ziemlich allen großen Pharmafirmen der Welt. Oder von Human Genome Sciences aus Rockville. Dort residiert William Haseltine, Venters ehemaliger Mitstreiter und heutiger Gegenspieler. Human Genome Sciences hat Patente auf Tausende von Genen beantragt.

Bisher haben sich viele Biotechnik-Firmen darauf beschränkt, als Pfadfinder für die Pharmakonzerne zu arbeiten und im Dschungel des Genoms Schätze zu finden - Gene oder Proteine, die ihrerseits den Weg zu neuen Arzneien ermöglichen. Aber es wird immer deutlicher, dass Biotechnik-Firmen, die überleben wollen, zukünftig selbst die Schätze heben müssen.

Vom Gen bis zur Arznei soll alles in einer Hand bleiben, heißt das neue Credo. Produkte, nicht Informationen, sind das Ziel. Human Genome Sciences, Nachbar von Celera, hat bereits fünf Medikamente in der klinischen Erprobung.

Celera hat begonnen, auf den Wandel zu reagieren. Im Juni 2001 erwarb es die kalifornische Biotechnik-Firma Axys Pharmaceuticals, die sich auf die Entwicklung von "klassischen" Medikamenten spezialisiert hat, die man als Pille schlucken kann. Und es kaufte den Immunforscher Stephen Hoffman ein, der Krebsmedikamente entwickeln soll.

"So schnell wie möglich"

"Wir wollen so schnell wie möglich sein", versicherte Hoffman tapfer. Das ist gewissermaßen alter Celera-Esprit. Aber für den Schnellsten von allen ist offenbar kein Platz mehr, für das rasante Rennen um neue Arzneien ist selbst Venter nicht mehr fix genug. Und tatsächlich hat er keine Erfahrung, was das Testen und Vermarkten von Medikamenten angeht.

Venter ist ein Stehaufmännchen. Er hat schon öfter mit lautem Türenschlagen berufliche Beziehungen beendet. So bei den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA, die er 1992 verließ. Ein paar Jahre später zerstritt er sich mit dem Gen-Tycoon William Haseltine, um mit Celera nur noch größer herauszukommen. Auch jetzt steht fest: Man wird noch von J. Craig Venter hören.

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