Gesundheit : Er leitete 27 Jahre lang die Staatsbibliothek der DDR - ein Empfang zum 90. Geburtstag

Anne Strodtmann

Kein anderer Generaldirektor hat über einen so langen Zeitraum die Geschicke der Staatsbibliothek Unter den Linden geleitet wie Horst Kunze, der am 22. September seinen 90. Geburtstag feiert. Er war 27 Jahre lang, von 1950 bis 1977, Generaldirektor der "Deutschen Staatsbibliothek" der DDR. Er galt, wie es seine Nachfolgerin, Friedhilde Krause, in einem 1986 erschienenen Aufsatz ausdrückte, als der "führende marxistische Bibliotheks- und Buchwissenschaftler der DDR". Die Staatsbibliothek wird Kunze mit einem Empfang ehren.

Als Generaldirektor der Staatsbibliothek in Berlin galt Kunzes Bemühen vor allem dem Wiederaufbau der Bibliothek nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Seiner Kompetenz und seinem Engagement ist es zu verdanken, dass sie bald zur führenden wissenschaftliche Universitätsbibliothek der DDR aufstieg. Von der Tradition her war die einst Preußische Staatsbibliothek eine der bedeutendsten Bibliotheken in Europa. Aber durch Kriegsverluste wiesen die Bestände enorme Lücken auf. Außerdem waren bedeutende Teile der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek den westdeutschen Nachfolgeeinrichtungen zugeschlagen worden.

Kunze, der in Dresden aufgewachsen ist, studierte zunächst Philologie und Philosophie in Wien, Grenoble und Leipzig. Nach der Promotion im Jahre 1935 begann er eine Ausbildung für den höheren Bibliotheksdienst an der Deutschen Bücherei in Leipzig. Dort war er bis 1939 beschäftigt und wechselte dann an die Landesbibliothek in Darmstadt. 1942 wurde er als Soldat eingezogen und kehrte 1946 aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Darmstadt zurück. 1947 verließ er die Landesbibliothek, nachdem er zum Direktor der Universitäts- und Landesbibliothek in Halle berufen worden war. Sein Amtsantritt drei Jahre später in Berlin fand noch in der "Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek" statt. Die Namensänderung konnte Kunze 1954 durchsetzen.

Ein wesentliches Verdienst von Horst Kunze ist die Öffnung der Bibliothek für breite Leserschichten. Trotz chronischen Personalmangels ist es ihm immer wieder gelungen, den wachsenden Anforderungen der Benutzer gerecht zu werden. Dabei bemühte er sich nicht zuletzt um eine Verbesserung der Katalogsituation. 1956 wurde mit dem Aufbau eines neuen Systematischen Katalogs begonnen. Seit 1974 folgte die Staatsbibliothek den neuen international abgestimmten Regeln zur Katalogisierung, an deren Entwicklung auch Bibliothekare der Stabi mitgewirkt hatten.

Ansehen und Respekt genoss Kunze auch bei seinen Mitarbeitern. Dabei konnte er - obwohl selbst ein überzeugter Marxist - eine Politisierung des Betriebes in der Staatsbibliothek weitgehend vermeiden. Vielmehr bestätigen ehemalige Mitarbeiter, dass auch allerlei "schräge Vögel" ein Nischendasein in der Stabi führen konnten.

Einen Schatten auf seine Amtsführung wirft die bauliche Entwicklung der Staatsbibliothek. Fällt doch in seine Amtszeit die Sprengung des zentralen Kuppellesesaals, der während des Zweiten Weltkriegs zu drei Fünfteln zerstört worden war. Anfang der 50er Jahre, nachdem die größten Kriegsschäden beseitigt und rund 50 Prozent des Gebäudes wieder benutzbar waren, wurde im ersten Fünfjahrplan der DDR ein Wiederaufbauprogramm für die Staatsbibliothek aufgestellt, das die Rekonstruktion des repräsentativen Kuppellesesaals einschloss. Das habe, wie Kunze in einem Aufsatz zur Baugeschichte der Staatsbibliothek nach 1945 schrieb, als symbolische Krönung der Aufbauarbeiten gegolten. 1951 war sogar bereits ein Richtfest gefeiert worden, um zu würdigen, dass es gelungen war, die freitragende, Stahlkonstruktion des Daches instandzusetzen und so vor dem weiteren Verfall zu schützen.

Allerdings wurden danach die notwendigen Investitionsmittel gestrichen. Im August 1957 war dann aus Sicherheitsgründen die Betonkuppel gesprengt worden. Kunze konnte das nicht verhindern. In der Folgezeit hat er sich immer wieder mit Nachdruck für eine Rekonstruktion des Lesesaals eingesetzt. In der zweiten Hälfte der 60er Jahre sind mehrere Varianten für eine künftigen Ausbau der Staatsbibliothek erarbeitet worden, von denen drei den Kuppellesesaal zumindest in abgewandelter Form beibehalten. Den Zuschlag erhielt jedoch die vierte Variante, bei der sowohl die Reste des Kuppellesesaals als auch der Lesesaal der Universitätsbibliothek im Gebäudeteil an der heutigen Dorotheenstraße abgetragen werden sollten. Statt dessen waren Neubauten in den Innenhöfen vorgesehen. Im April 1975 erfolgte dann der endgültige Abbruch der stählernen Dachkonstruktion des alten Kuppellesesaals. An Stelle des architektonisch einst so repräsentativen Kuppel-Lesesaals wurden seit 1984 vier Betonsilos als Magazintürme errichtet. Die Bauausführung erhielt ein auf Industriebauten in der Chemie spezialisiertes Unternehmen, das sich dementsprechend auch an dem Vorbild von Industriesilos orientierte. Bei der Übergabe der Betonbauten im Jahre 1987 wurde diese Lösung, trotz offensichtlicher Mängel, gefeiert. Aber diese Akte fielen schon in die Zeit, als Kunze nicht mehr als Generaldirektor der Stabi tätig war.

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